Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Jetzt regen sich die Männer auf

Vor kurzem habe ich den jungen Kabarettisten Till Reiners (toll!) gehört und mir ist folgende Passage (hier nur sinngemäß skizziert) im Kopf hängen geblieben: Man regt sich ja oft über Dinge auf, die genau genommen ziemlich irrelevant sind – z.B. darüber, dass kaum mehr jemand das Futur II richtig verwenden kann. Man regt sich darüber dann so auf, dass für Meldungen über Waffenlieferungen in Krisengebiete keine Wutreserven mehr da sind. Die sind verbraucht – z.B. für das Futur II.

Das ist mir eben wieder eingefallen, als ich gelesen habe: „Uni Leipzig verweiblicht ihre Grundordnung“. Weil es Streit über die ewigen Bindestrichschreibweisen gab, hat man kurzerhand entschieden, jetzt nur noch die weibliche Form zu nutzen. Ja, warum nicht? Von mir aus; Hauptsache diese sprachlichen Stacheldrähte sind weg. Auf die Frage „Ist das ein Signal für das Binnenklima an den Hochschulen?“ erklärt Prof. Dr. Friederike Maier von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin in einem kurzen duz-Interview: „Natürlich, denn wenn wir Frauen klagen, dass wir uns ausgegrenzt fühlen, dann ruft das in der Regel ein mildes Lächeln der Kollegen hervor. Jetzt läuft das mal andersrum und die Männer regen sich auf.“

Und die Frauen lächeln milde oder schadenfroh? Was für eine Wende – ich bin beeindruckt, denke dann aber doch noch lieber über das Futur II nach. Wenn wir nämlich das verlieren, dann fehlen uns vielleicht irgendwann die Möglichkeiten, in Gedanken durchzuspielen, was sein wird, wenn wir die Leipziger Regelung flächendeckend durchgeführt haben werden.

9 Kommentare

  1. Weil es Streit über die ewigen Bindestrichschreibweisen gab, hat man kurzerhand entschieden, jetzt nur noch die weibliche Form zu nutzen. Ja, warum nicht? Von mir aus; Hauptsache diese sprachlichen Stacheldrähte sind weg.

    Wow, ich kann kaum fassen, was ich da lese. Das wirkt auf mich unglaublich unreflektiert.

    Eine geschlechtsneutrale Sprache drückt ein Verständnis für Sozialkonstruktivismus aus.
    Realität wird sozial konstruiert, auch über die Verwendung der Sprache. Wenn im Sprachgebrauch also männliche Formen dominierend sind, ist es aus konstruktivistischer Sicht nachvollziehbar, wenn sich dies auch in Herrschaftsverhältnissen jenseits der Sprache widerspiegelt.
    Ästhetische Gesichtspunkte sollten diesem Aspekt untergeordnet werden.

    Gruß
    Michael Karbacher

  2. Wozu dieser Exkurs? Bringen wir nicht die besten Sachen gemeinsam auf den Weg. Habe im Arbeitsleben immer Verbindung beider Geschlechter gesucht die im Zusammenspiel Probleme aus dem Weg geräumt haben – ohne sich an weiblichen Formen der Anrede zu verschleißen. Widmen wir uns der Sache, dem Inhalt und nicht der Äußerlichkeit bzw. der Verpackung. Dann kommen wir zu Ergebnissen. Dann sind wir stark! Selbst wenn es nicht immer korrekt mit dem Futur II geklappt haben sollte. Das Leben ist doch viel zu schön, als es sich lohnen würde sich als Frau über politisch korrekte Anredeformen oder als Mann über weibliche Bindestriche zu erregen. Hatte selbst ein harmonisches Wochenende im Kreise zweier Ehepaare auf der Ostsee und liebe den Witz und Charme von beiderlei Geschlecht. Bitte ohne Verkrampfung auch in ‚Futura’…

  3. Natürlich ist genau dieses Thema eines, bei dem man unterschiedlicher Meinung sein kann. Die jeweils angeführten Argumente kann man besser oder schlechter finden. Wenn man eine der Ansichten allerdings als unreflektiert bezeichnet, steht offenbar das Ergebnis einer Reflexion von vornherein schon fest, oder?
    Jedenfalls hatte ich gerade einen Tag vorher ein längeres Gespräch mit einem Nachwuchswissenschaftler (einem Mann!), der (was ich gut nachvollziehen konnte) große Vorbehalte gegen eine wissenschaftliche Karriere hat, weil es für ihn unter anderem wenige gute Vorbilder für eine Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft (als Prof) gibt (Mobilität, Arbeitsbelastung etc.). Und genau hier sehe ich viel wichtigere Handlungsfelder für eine höhere Geschlechtergerechtigkeit!

  4. Die jeweils angeführten Argumente kann man besser oder schlechter finden. Wenn man eine der Ansichten allerdings als unreflektiert bezeichnet, steht offenbar das Ergebnis einer Reflexion von vornherein schon fest, oder?

    Ich habe keine Ansicht als unreflektiert bezeichnet, sondern geschrieben, dass die zitierte Stelle auf mich unreflektiert wirkt. Das insbesondere deswegen, weil völlig unklar bleibt, was denn genau das Problem bezüglich „ewigen Bindestrichschreibweisen“ und „sprachlichen Stacheldrähte(n)“ sein soll.

    Tut das den Augen weh (wie denn das?)? Unterbricht es den Lesefluss (im Gegensatz zu bestimmten Zitierweisen muss man hier jedenfalls nicht ans Ende der Seite springen)?

    Ich glaube, dass möglicherweise Gründe dafür gefunden werden können, die gegen die Verwendung geschlechtsneutraler Sprache sprechen. Hier ist das (noch) nicht geschehen.

    Meine Erfahrung ist, dass es in der Regel nicht Schriftzeichen sind, die der eigentliche Anstoß der Empörung sind, sondern eine sprachliche Gleichberechtigung aus anderen Gründen abgelehnt wird.
    Dass Sie als bayerische Professorin an einer Bundeswehruniversität spezifisch, vermutlich eher konservativ, situiert sind, halte ich hierbei für besonders relevant.

    Es würde mich jedenfalls freuen, wenn Frauen nicht damit beginnen würden, der männlich dominierten Sprache konfrontativ eine weiblich dominierte Sprache entgegenzusetzen, sondern Männer und Frauen und alle anderen, integrative Lösungen suchen und verwenden um unrechtmäßige Herrschaftsverhältnisse zu bekämpfen.

    Wenn das alle machen, wird Gleichberechtigung nämlich eingetreten sein!

  5. Ja, die Gründe sind Lesbarkeit und Verständnis – beides leidet (nicht nur aus meiner Sicht) durch die Bindestrich- oder Doppelnennungen. Und Verständlichkeit von Texten ist nun mal wichtig (das ist auch übrigens einer der Gründe, die im zitierten duz-Artikel für die Änderung in Leipzig angeführt wurde).

    Wie gesagt sehe ich andere Felder – jedenfalls in unserer Gesellschaft – für wichtiger an, um zu mehr Gleichberechtigung zu kommen als die Sprache. Ich habe als Frau jedenfalls nicht das Gefühl, dass das besonders viel bringt. Eher läuft man Gefahr, dass das als leicht umsetzbare und dann ausreichende Maßnahme angesehen wird.

    Mein „Aufregepotenzial“ hält sich da einfach in Grenzen – wesentlich höher ist es, wenn ich höre und lese, dass Frauen immer noch weniger verdienen (bei gleichartiger Arbeit), dass Männer schief angeschaut werden, wenn sie Erziehungsurlaub nehmen, dass es keine Wickeltische in Männertoiletten gibt, dass kaum Männer in Kindergärten und Grundschulen arbeiten, dass der Frauenanteil umso kleiner wird, je höher die Positionen sind etc. – das finde ich halt einfach wichtiger. Mehr wollte ich eigentlich gar nicht sagen 😉

  6. „Dass Sie als bayerische Professorin an einer Bundeswehruniversität spezifisch, vermutlich eher konservativ, situiert sind, halte ich hierbei für besonders relevant.“ … Volltreffer in den blauen Himmel :-).

  7. Bezaubernder Artikel, danke!
    Und inhaltlich seh ich das genauso.

  8. Alle Menschen sind gleich – theoretisch zumindest. Das gilt auch für Frauen (und Männer). Nur manche sind gleicher…Ich verzichte hier mal auf die Zitation am Seitenende, denn jeder Mensch mit durchschnittlichem Schuldbildungsniveau müsste das der Originalquelle zuordnen können, Frauen wie Männer. Und den blauen Himmel finde ich das Beste an der ganzen (Komplex-)Diskussion 😉

  9. Sehr richtig festgehalten: Gleichberechtigung in der Sprache ist mir persönlich sowas von Schnurz. Ich fühle mich auch als Nutzer, Dozent, Betreuer, Autofahrer und Friedensnobelpreisträger angesprochen. Aber das kann man so schön in Regeln schreiben und dann hat man ja wieder was getan für die Gleichberechtigung. Das mit den sicheren Betreuungsplätzen in der KiTa? Machen wir dann nächstes mal. Die Frau kann wird ja wohl eh 3 Jahre zu Hause bleiben. Gibt ja auch Betreuungsgeld, das ist doch was!

    Bei uns gibt es demnächst einen Preis für die beste Abschlussarbeit einer Frau… weil diese sich mit Männern nicht messen können? Dürfen sich Frauen dann noch bei den „normalen“ Preisen bewerben? Frauenförderung Gleichstellung läuft an so vielen Stellen in unnütze Richtungen.

    Und was mir neulich in der Mensa aufgefallen ist, als Frau Zimmermann das Essen ausgegeben hat: Die Dominanz maskulin geprägter Namensendungen ist ja überhaupt ein bisher nicht diskutiertes Thema. Das sollten wir mal aufgreifen, am besten noch vor den KiTa-Betreuungen… [Sarkasmusschild]