Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Vage Begriffe im Digitalisierungszeitalter

| 6 Kommentare

Wenn Veranstaltungen als Blended Learning-Veranstaltungen angeboten werden, dann dürfte seit langem (ich sage mal: mindestens seit 2000) klar sein, was damit gemeint ist: ein Wechsel von Präsenz-Phasen und Online-Phasen. Ist das tatsächlich so klar? Ein genauer Blick ist durchaus lohnenswert.

Was man unter einer „Präsenz-Phase“ versteht, ist relativ eindeutig: Gemeint ist in der Regel, dass es eine Präsenz-Veranstaltung gibt, also eine Veranstaltung zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten physischen Ort, an dem sich Lernende und Lehrende treffen: Dann sind alle präsent – an einem zentralen Ort. In der Präsenz werden allerdings zunehmend auch digitale Medien genutzt, z.B. um etwas im Netz zu zeigen oder zu suchen, um Ergebnisse digital festzuhalten und online sofort verfügbar zu machen, um Artefakte aus „Online-Phasen“ zu besprechen etc. Präsenz kann also auch Online-Tätigkeiten integrieren.

In sogenannten Online-Phasen ist es zumindest an Hochschulen keineswegs so, dass damit tatsächlich nur die Zeiten und Tätigkeiten gemeint sind, die es erforderlich machen, dass Lernende im Netz sind, sich also online in irgendwelchen digitalen Räumen bewegen. Online werden z.B. Texte, Audios oder Videos angeboten, die man zwar via Netz lesen, anhören oder ansehen kann; speziell Texte aber werden oft heruntergeladen, immer noch ausgedruckt und irgendwo gelesen; auch Audios und Videos kann man sich meistens herunterladen und dann auf einem mobilen Gerät an einem Ort seiner Wahl auch offline rezipieren. Online dagegen erfolgt dann wieder meist die Ablage irgendwelcher Artefakte, die das Ergebnis von eigenständigen (individuellen oder kooperativen) Arbeiten sind, die in der „Online-Phase“ eingefordert werden. Auch hier kann es natürlich sein, dass man sich dazu im Netz bewegt, etwas recherchiert oder sich mit jemanden, der nicht vor Ort ist, digital austauscht. Aber das ist nicht zwingend. Viele selbstorganisierte Tätigkeiten in der Auseinandersetzung mit Inhalten und Aufgaben erfolgen an selbst gewählten Orten und laufen nicht online ab (außen vor lasse ich jetzt mal virtuelle Labore und andere 3D-Welten, doch selbst die verschmelzen zunehmend mit der physischen Welt). Vielleicht wäre die Bezeichnung „dezentrale Phase“ treffender als „Online-Phase“ – als Abgrenzung zum „Lernen vor Ort“ in der Präsenz?

Digitale Medien sind bereits in vielen Fällen allgegenwärtig. Blended Learning an Hochschulen bedeutet also zumeist einen Wechsel von Präsenz-Veranstaltungen und Phasen dezentralen Lernens, die mit den Zielen und Inhalten der Präsenz-Veranstaltungen in irgendeiner Form verknüpft und daher in der Regel über offene oder geschlossene Aufgaben angeleitet und darüber hinaus begleitet sind (etwa in dem Sinne, dass es in den dezentralen Phasen auch Feedback gibt). Digitale Medien haben ausgeprägte dezentrale Phasen des Lernens in einer neuen Qualität möglich gemacht (durch Online-Ressourcen, Online-Kommunikation und -Feedback, natürlich auch durch Virtual Reality), bereichern aber zugleich Präsenz-Veranstaltungen auf unterschiedliche Weise. Von daher ist der Begriff „Online-Phase“ vermutlich inzwischen irreführend, suggeriert unnötigerweise, dass man dabei ständig vor einem Bildschirm sitzt und lässt außer Acht, dass digitale Medien ohnehin stets da, griff- und einsatzbereit sind.

Unwichtig? Nur begriffliche Kleinkrämerei? Ich denke nicht, denn immer noch ruft die Ankündigung von „Online-Phasen“ Skepsis oder unangemessene Assoziationen hervor. Zudem ist begriffliche Präzision gerade im Kontext der Digitalisierung meiner Einschätzung nach wichtig. Zu viele vage Begriffe, deren Aufmerksamkeitswert wichtiger ist als der Sinngehalt, haben da ohnehin schon lange die Oberhand.

6 Kommentare

  1. So eindeutig ist vielleicht auch die Präsenzphase nicht, wenn man z.B. an Webinare bzw. Virtual Classrooms denkt … Oder noch ein anderer Aspekt: Wenn man sich den Lehr-/ Lernprozess als Ganzes anschaut und z.B. auch die Vorbereitung des Lehrenden einbezieht oder die Kommunikation über Veranstaltungsort oder -zeit, hat ja jeder Lehr-/ Lernprozess heute Online-Phasen. ist also alles irgendwie Blended Learning (reine Online-Kurse mal ausgenommen). Deshalb tut man sich ja auch immer schwerer, eine plausible Taxonomie des Lehrens und Lernens auf die Beine zu stellen.
    Gruß, JR

  2. Also Webinare und Virtual Classrooms benötigen eindeutig einen Online-Prozess – nur ist er halt synchron, es gibt eine soziale Präsenz zur gleichen Zeit, aber eben keine physische. Und wenn ich von Präsenz-Veranstaltungen spreche, dann meine ich die Veranstaltung im Sinne eines Ereignisses zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten physischen Ort; natürlich bedarf es dazu der Planung, aber das ist ja hoffentlich immer in irgendeiner Form der Fall 😉 (siehe hierzu z.B.: http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2016/05/Impact-Free-6.pdf). Und genau: Die alte Gegenüberstellung von Präsenz-Lernen und Online-Lernen taugt eben nicht mehr. ABER: In Bildungsinstitutionen, die noch Veranstaltungen im Hörsaal, Seminar- oder Übungsraum oder Labor anbieten, ist das physische Präsent-Sein schon noch relativ genau beschreibbar, während sich alles andere darum herum (was ich mit dezentral bezeichnet habe) nicht mit EINEM Begriff einfangen, sondern allenfalls im Ausschlussverfahren als „nicht-physisch-präsent“ beschreiben lässt und eine enorme Vielfalt an didaktisch relevanten Interaktionen (mit Personen und Artefakten) zulässt.

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  4. Ist es nicht vielmehr eine Differenzeirung der situativen Selbststeuerung und der relativen Subjekt-Dichte?
    Präsenz : alle sind zusammen und eine bestimmt das Geschehen …
    Online : selbst, in Teilgruppen, …

    Präzision und Digitalisierung – im engeren und weiteren Sinn – ja, da gäbe es viel anzumerken 😉

  5. Kaum verwende ich den Begriff der Digitalisierung, schon melden sich die Kommentatoren: sind Fragen des akademischen Lehren und Lernens ohne digitale Medien oder ohne deren explizite Hervorhebung tatsächlich SOO langweilig? 😉

  6. Lese gerade Martin Lindners Preprint ‚Die Bildung und das Netz – Lernen im digitalen Klimawandel‘ und hadere dort mit der Präzision.
    Der allgemeine Sprachgebrauch führt ja eher zur diffusen Polysemie – die Beschreibung der performativen Äußerungen ermöglicht den Zugang zu ‚was gemeint war‘, bietet aber wohl nur selten einen zielgerichteten Zugang zur eindeutigen analytischen Definition.
    Die Worte lassen sich also nicht wie Zahlen verwenden, deren Bedeutung eine längerfristige Konstanz aufweisen – schon am Begriff ‚online‘ könnten wir also ins Detail gehen. Und wäre das Komplement von Präsenz nicht Absenz? Wurden hier schon damals orthogonale Dichotomien vermischt – und den meisten war trotz ‚vager Begriffe‘ weitgehend klar, was gemeint war …
    Um der oberflächlichen Aufmerksamkeitsschwemme nicht auf den Leim zu gehen bleibt es aber wichtig, den Begriffen auf den Grund zu gehen, nicht der Etymologie wegen, sondern für die dringend notwendige, differenzierte Analyse des Geschehens.
    Die oben anklingende Normalität des ‚Digitalen‘ reduziert die Kurzweiligkeit 😉

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