Oft beschworen, wenig gelebt

Die Hochschuldidaktik ist notwendig eine allgemeine Didaktik, das heißt: Sie kann und darf sich nicht mit einer oder wenigen Disziplinen und deren Herausforderungen in der Hochschullehre befassen, sondern muss in der Lage sein, Lehrpersonen aus allen erdenklichen Fachwissenschaften mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Geht das überhaupt? Bis zu einem gewissen Grad schon – und hochschuldidaktische Einrichtungen tun ja auch genau das: Lehrpersonen aus allen Fakultäten und damit fachübergreifend Qualifizierungsangebote machen wie auch (vermehrt) Selbstlernmaterial zur Verfügung stellen. Das machen wir am Hamburger Zentrum für Universitäres Lehren und Lernen (HUL) so wie viele andere größere hochschuldidaktische Zentren wie zum Beispiel das an der Ruhr Universität Bochum.

Vergleicht man die Selbstlernmaterialseite bei uns (siehe hier) mit dem Angebot der RUB (siehe hier) fallen neben Unterschieden durchaus Gemeinsamkeiten auf: Vorgestellt werden bewährte didaktische Konzepte, es wird auf Ziele und Prüfungen eingegangen, aber auch auf Aspekte rund um die Lehre wie die Gestaltung von Räumen und Medien sowie Fragen zur Evaluation. Eine Besonderheit bei uns ist der Lehrpfad, der handlungsorientiert angelegt ist und alle unsere Materialien (soweit es geht) nach den Kategorien des Lehrpfads sortiert. Eine Besonderheit im Lehre Laden (so die Bezeichnung an der RUB) ist aus meiner Sicht die relativ neue Rubrik Fachspezifische Lehre.

Elf Fächer sind hier bereits vertreten: Mathematik, Erziehungswissenschaft, Biologie, Sportwissenschaft, Elektrotechnik, Bauingenieurswissenschaft, Geographie, Betriebswirtschaftslehre, Ostasienwissenschaften, Fremdsprachliche Fachsprachenlehre. Die Texte dahinter sind unterschiedlich aufgebaut und stets von einer Person aus der jeweiligen Fachwissenschaft verfasst; auch die Länge variiert etwas.

Bei der Durchsicht der Beiträge ist mir aufgefallen, dass es didaktische Themen, Begriffe und Konzepte gibt, die in fast allen fachspezifischen Darstellungen angesprochen werden, zum Beispiel: Lernziele und Kompetenzorientierung, aktivierendes Lernen, typische Lehrformate und ihre Grenzen, Selbststudium und Feedback oder Heterogenität der Studierenden. Die thematischen Schwerpunkte hingegen, also das, was die Autorinnen und Autoren besonders hervorheben, variieren durchaus: MINT-Fächerbetonen das Üben und Problemlösen; Methoden wie „minimale Hilfe“ oder „Just-in-Time-Teaching“ scheinen vor allem in der Lehre der Mathematik verbreitet zu sein. Geistes- und Sozialwissenschaftenbefassen sich viel mit Biografie und Reflexion und fordern einen kritischen Umgang mit Vorwissen. In Fächern wie Geografie spielt offenbar eine Profilbildung in Richtung Bildung für Nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle. Die BWL fällt als ein Fach auf, das strukturelle Rahmenbedingungen (Massenbetrieb, Anonymität, Heterogenität) mehr in den Mittelpunkt stellt als genuin fachwissenschaftliche Eigenheiten. All das ist hier nur exemplarisch gemeint.

Dazu kommt: Hinter der gemeinsamen Sprache der Hochschuldidaktik – genannt seien nur Aktivierung, Lernziele, Kompetenzorientierung – verbergen sich oft fachspezifisch verschiedene Realitäten. Auch gleich lautende didaktische Konzepte und Lehrformate entfalten sich von Fach zu Fach unterschiedlich.

Die Beiträge der RUB-Rubrik „Fachspezifische Lehre“ dokumentieren interessante fachwissenschaftliche Unterschiede, zum Teil mit wertvollen Empfehlungen an die Fachkollegen, die auf eigener Erfahrung basieren. Ich halte das für ausgesprochen wichtig und hilfreich. Die Beiträge reflektieren allerdings nicht oder kaum explizit, warum in einer Disziplin so oder so gelernt und gelehrt wird (oder werden sollte) und was das mit der Eigenart der Erkenntnisgenerierung bzw. Forschung im Fach zu tun hat. Mit anderen Worten: Das wissenschaftsdidaktische Potenzial einer Darstellung und Diskussion fachspezifischer Lehre wird nicht ausgeschöpft. Das schmälert den Wert der bestehenden Sammlung nicht, verweist aber auf eine immer noch bestehende Leerstelle speziell an Universitäten: die Verknüpfung von Forschung und Lehre – oft beschworen, wenig gelebt.

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