Wenn es um generative Künstliche Intelligenz (KI) im Studium geht, steht das akademische Schreiben in der Regel im Mittelpunkt des Interesses. Weit weniger Aufmerksamkeit erfährt dagegen das Lesen, obschon auch dieses von KI auf vielfältige Weise beeinflusst wird. Ein inzwischen wohl allseits bekannter Effekt der Verfügbarkeit von KI dürfte das Abkürzen sein: Indem KI auf Knopfdruck Zusammenfassungen von Texten liefern kann, lassen sich – scheinbar – Lesezeiten beliebig verkürzen. Aber der Einfluss geht tiefer. Der Akt des Lesens selbst unterliegt einem Wandel, was zwar immer schon, also seit Beginn des Lesens in der Menschheitsgeschichte, zu beobachten ist, mit KI aber doch (auch hier) eine ganz eigene Qualität hat. In einem lesenswerten Text beschäftigt sich Birte Platow in der Ausgabe 5 von 2025 der Pädagogischen Rundschau mit diesem Thema und beleuchtet Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) menschlichen und maschinellen Lesens sowie deren wechselseitige Beeinflussung. Der Beitrag: Platwo, B. (2025). Über künstliches Lesen, Lesekunst und die Kunst des Lesens. Pädagogische Rundschau, 5, 505-515. ist online zugänglich.
Platows Text skizziert – aus einer historischen Perspektive – Lesen zunächst als eine spirituelle Praxis, in der Welt leiblich erfasst wird, indem laut oder vor sich hin murmelnd gelesen wird. Auf diese Weise wird ein Text sinnlich wahrgenommen; die Autorin spricht vom „monastischen Lesen“, einer Lesekultur im christlichen Mittelalter verbunden mit kirchlichem Herrschaftsanspruch. Das mag vergangen sein; doch es haben sich „Relikte“ dieser Art des sinnlichen Lesens erhalten, wenngleich in anderer Form: Es gibt, so die Autorin, auch heute noch eine gewisse Sehnsucht nach ästhetischen sowie sozialen Erfahrungen beim Lesen, und danach, sich mit dem Autor oder der Fan-Gemeinschaft zu einem Buch verbunden zu fühlen; man könnte es eine „tiefere, leiblich-emotionale Verbundenheit mit dem Akt des Lesens“ (S. 507) nennen. Heutiges Lesen sei aber dennoch vorrangig vom “scholastischen Lesen“ geprägt, welches das monastische in der Vergangenheit abgelöst habe: „Lesen wird fortan nicht mehr als leiblich-sinnliche Weltbegegnung verstanden, sondern als methodisches Verstehen – geordnet, abstrakt, systematisch“ (S. 507).
Dem Text entnehme ich allerdings, dass es neben dem methodisch gelenkten Lesen bis heute ebenso ein zweckfreies Lesen gibt: das Lesen literarischer Werke. Platows Umschreibung dieser Form des Lesens ist sehr anschaulich: „ein Sich-Versenken, Sich-Konzentrieren auf Schrift, Sich-Vertiefen, in eine geistige Welt der Phantasie und Fiktion Abtauchen. Lesen in diesem Sinne zeichnet sich durch eine eigene Geistesbewegung und Spiritualität aus, mit eigenen Ebenen von Wirklichkeit und Möglichkeit, die den Geist bereichern und dazu auffordern, ganz die Welt wahrzunehmen und sie zugleich hinter sich zu lassen“ (S. 508). In diesem Zusammenhang ist auch von menschlicher Lesekunst die Rede.
Lesen ist also immer schon variabel und zugleich einem Wandel unterworfen; nun sind es Maschinen bzw. KI-Systeme, die eine weitere Transformation vorantreiben. Um diesen Wandel zu erfassen und einzuordnen, beschreibt die Autorin, wie Maschinen „lesen“ und erkennt im „künstlichen Lesen“ sowohl einen technischen Aspekt (hier reduziert sich das „Lesen“ auf die Verarbeitung von Textdaten) und einen sozialen Aspekt. Wenn ich Platow hier richtig verstanden habe, leitet sie diesen sozialen Aspekt daraus ab, dass unsere Welt und mit ihr unsere Handlungen und Erfahrungen maschinenlesbar geworden sind: „Maschinen lesen Menschen“ (S. 512). Vielleicht, so meine Deutung, ist das einer der Gründe, warum Menschen Sprachmaschinen im Dialog als immer menschenähnlicher wahrnehmen.
Die Folgerung der Autorin aus dieser Entwicklung geht dahin, dass es heute nicht darum gehen könne, eine vergangene Lesekultur bzw. ästhetisierendes Lesen zu reaktivieren. Vielmehr müsse man die Mechanismen erkennen, die mit KI im Prozess des Lesens in Gang gesetzt werden (also die gegenseitige Lesbarkeit; wobei Menschen Maschinen immer weniger verstehen und lesen können). Lesekunst, so Platow, müsse heute vor allem darin bestehen, „eine kritisch-konstruktive Begegnungsform für das künstliche Lesen bereitzuhalten“ (S. 513).
Auch nach zweifachem Lesen des ganzen Textes ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum ein Wiederentdecken und -praktizieren des sinnlichen Lesens nicht vereinbar sein sollte mit einer Förderung der Fähigkeit, den Einfluss von KI auf das, was wir so alles zu lesen bekommen, zu erkennen und zu hinterfragen.
Mein persönliches Fazit aus dem Beitrag: Lesen prägt das Denken und ist zugleich eine epistemische Praxis ebenso wie eine ästhetische Erfahrung, aber auch eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die sich der Mensch selbst geschaffen hat und sich besser nicht wieder nehmen lassen sollte – auch von Maschinen nicht.
PS: In einer Zeit des Zeitmangels stellt sich vermutlich (falls jemand den Blogbeitrag bis ganz zu Ende liest) die Frage, warum ich den Text zweimal gelesen und damit relativ viel Zeit aufgewendet habe. Hätte ich, wenn ich ungeklärte Fragen an den Text habe, nicht auch zwei verschiedene KI-generierte Zusammenfassungen erstellen lassen oder im Dialogverfahren mit einer Maschine meine Fragen schneller (vielleicht sogar besser) beantworten können? Vielleicht, aber es war mir ein Anliegen, die Autorin zu verstehen (denn: kann ich wissen, ob die Maschine im Sinne der Autorin antwortet?), auch wenn es mir am Ende vermutlich nicht vollständig gelungen ist. Und ich habe es genossen, mir die Zeit zu nehmen …