Der Soziologe Hartmut Rosa hat ein neues Buch geschrieben: „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (erschienen im Suhrkamp Verlag). Inzwischen gibt es zahlreiche Rezensionen: von zustimmend bis zerreißend, wobei mir der zum Teil aggressive Stil mancher Kritiken besonders aufgefallen ist. Ich habe das Buch gelesen und kann mit dem Interpretationsangebot, das Rosa damit macht, viel anfangen.
Worum geht es? Ich würde sagen, das Buch ist eine Gesellschaftsdiagnose, in der zwei zentrale Kategorien herausgearbeitet werden: das Handeln in Situationen und das Vollziehen in Konstellationen. Nach Rosa (2026, S. 51) bestehen Konstellationen, „aus (analytisch identifizierbaren) Einzeldingen und ihren Verknüpfungen, die dann im Sinne von Zweck-Mittel– oder Wenn-Dann-Korrelationen, bearbeitbar gemacht werden“. Damit unterscheiden sie sich deutlich von Situationen, die oft uneindeutig und unberechenbar sind und mit Handlungen in einem dynamischen Wechselverhältnis stehen (Rosa, 2026, S. 75). Situationen und Konstellationen stehen, so lese ich das Buch, trotzdem nicht dualistisch gegenüber (wie es in einigen der harschen Kritiken heißt). Vielmehr ist es so, dass ein konstellativer Zugriff auf komplexe Situationen oftmals erforderlich ist, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Aber: Es gibt offenbar ein Zuviel dieser Form der Komplexitätsreduktion, die dann ins Gegenteil umschlägt und uns Handlungsspielräume nimmt. Nehmen vollziehende Tätigkeiten überhand, so verstehe ich Rosas Argumentation, machen uns diese mürbe, rauben Energie, lassen das verkümmern, was wir neben Gesetzen, Vorschriften, Regeln, Anleitungen etc. als Menschen eben auch brauchen: Augenmaß, Fingerspitzengefühl, Urteilskraft.
Rosa arbeitet in seinem Buch mit zahlreichen kurzen (und eher einfachen) Beispielen; man könnte sie als Fallvignetten bezeichnen (die Kritiker dagegen lehnen sie als Anekdoten weitgehend ab). Diese verwendet Rosa nach meiner Einschätzung nicht als empirische Belege, sondern als Illustrationen, wie wir sie vermutlich alle kennen und ergänzen könnten. Als exemplarische Illustrationen sind sie hilfreich für das Nachvollziehen der Argumentation, auch wenn sich darüber streiten lässt, ob sie alle passen (aber wer ist berufen, die Passung festzustellen oder abzuerkennen?). Ich hätte selbst die Liste leicht ergänzen können: Allein aus meinen persönlichen Erfahrungen an mehreren und verschiedenen Universitäten aus den vergangenen 35 Jahren komme ich – leider – zu dem Schluss, dass sich auch in diesem Bereich unserer Gesellschaft Spielräume langsam, aber unaufhörlich schließen. Technische und bürokratische Optimierung hält auch an Universitäten längst Einzug. Dass die damit verbundenen primär vollziehenden Tätigkeiten, wenn sie denn zu übermächtig werden, energieraubend sind und entfremdend wirken, erlebe ich ebenfalls. Sicher: Das sind alles keine ganz neuen Beobachtungen; ich kann entsprechend kritische Nachfragen verstehen, haben doch schon viele andere Menschen in früheren Zeiten ähnliche gesellschaftliche Diagnosen gestellt. Aber: Es muss deswegen ja nicht falsch sein. Menschen wiederholen viele Dinge, auch Fehler; sie gewöhnen sich selbst an die Bedingungen, die ihnen in der Tiefe gegebenenfalls schaden, und merken es erst dann (wieder), wenn sich deren Effekte verstärken und ein Ausmaß erreichen, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Was Rosa anbietet, sind Beschreibungskategorien, die helfen können, die Diagnose schärfer zu fassen – freilich unter einem bestimmten Blickwinkel, was aber wohl bei jedem Begriffs- und Interpretationsangebot der Fall ist.
Rosa plädiert nirgendwo im Buch dafür, Regeln abzuschaffen; er anerkennt die Leistung von Normensystemen wie auch Vorschriften und Standardisierungen in unserer Gesellschaft; ein ganzes Kapitel steht unter der Überschrift, warum konstellative Klarheit in vielen Fällen wünschenswert ist. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass Rosa mindestens eine Kritik an seiner Analyse vorhergesehen hat (was vermutlich auch nicht schwer ist): nämlich die, dass er privilegierten Gruppen Macht zurückgeben wolle, die durch Regeln mühsam eingehegt worden ist. Ich kann diesem Kritikpunkt nach der Lektüre des Buches nicht zustimmen. Vielmehr läuft die Argumentation Rosas auf die Frage hinaus, wie wir Spielräume unter konstellativen Bedingungen da zurückgewinnen können, wo wir allmählich erkennen, dass zu viel Regelapparat und parametrische Optimierung Menschen beschädigen. Spielräume aber sind immer mit Risiken verbunden. Individuen, Gruppen, ganze Gesellschaften müssen überlegen, welche Risiken sie bereit sind, einzugehen, um wieder mehr situatives Handeln zuzulassen, und dabei auch das nötige Instrumentarium einüben: Augenmaß, Fingerspitzengefühl, Urteilskraft. Ob und welche Konzepte man dafür aus anderen Kulturen als Vorbild heranziehen könnte (Rosa tut das im letzten Kapitel), ist aus meiner Sicht in dieser Argumentation gar nicht entscheidend (daran hängen sich einige der Kritiken auf): Ich persönlich halte den Grundgedanken für bedeutender, dass es nicht darum geht, das situative Handeln und das konstellative Vollziehen gegeneinander auszuspielen, sondern sie (lokal) auszubalancieren.
Digitalisierung und KI kommen in Rosas Buch ebenfalls zur Sprache, wenn auch nur ab und zu oder am Rande: Es liegt auf der Hand, dass Prozesse der Digitalisierung die Entfaltung und Verbreitung von Konstellationen enorm befördern (zur Erinnerung: sie bestehen aus Einzeldingen und ihren Verknüpfungen, die dann im Sinne von Zweck-Mittel- oder Wenn-Dann-Korrelationen bearbeitbar gemacht werden). Computer, Roboter, KI sind dem Menschen unter konstellativen Bedingungen meist weit überlegen (Rosa, 2026, S. 66 f.). Wenn KI auf der Basis von Wahrscheinlichkeitsberechnungen Entscheidungen vorschlägt oder bahnt, dann erfolgt das exakt im Sinne einer Konstellationslogik, wie sie Rosa definiert. Auch hier stellt sich die Frage: Wo ist das sinnvoll und angemessen und wo nicht? Es geht also nicht darum, zum Bespiel ein Entscheiden mit KI auszuschließen, wohl aber darum, kritisch zu hinterfragen, wie menschlich es noch ist, wenn der KI-Einsatz zum primären Modus des Entscheidens wird. Während der Lektüre musste ich öfter an Paradoxien denken, die mit der konstellativen (damit auch digitalen) Gestaltung der Gesellschaft einhergehen: Gesetze, Normen, Standards und andere Formen von Regeln werden oft eingeführt, weil es vernünftige Gründe dafür gibt, weil sie etwas besser machen sollen und können (oft geht es dabei um Gerechtigkeit); und dann gibt es einen Kipppunkt und es mehreren sich die Situationen (!), in denen sich das ins Gegenteil verkehrt: das, was besser hätte werden sollen, wird schlechter, und/oder es entstehen neue Phänomene, die dringlich nach Besserung rufen. Und genau hier, so meine Deutung von Rosas Argumentation, setzen Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Urteilskraft des Menschen an – zusammen mit der geballten Verantwortung, die der Mensch übernimmt, wenn er einen Spielraum nutzt, um selbstbestimmt zu handeln.