Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Gute Absichten im Konflikt

| 1 Kommentar

Die schwedischen Wissenschaftler Martin Erikson und Malgorzata Erikson befassen sich in einem aktuellen Artikel mit dem Titel „Learning outcomes and critical thinking – good intentions in conflict“ (online vollständig zugänglich hier) mit den oft übersehenen Konsequenzen einer dominanten Orientierung an Learning Outcomes (und damit zusammenhängend an Lehr-/Lernzieltaxonomien) vor allem im Zusammenhang mit komplexen Bildungszielen wie kritisches Denken.

Das Konstrukt des kritischen Denkens dient Erikson und Erikson als Beispiel, an dem sie aufzeigen, dass und wie die in der Literatur bereits beschriebenen (aber wenig beachteten) Probleme mit einem vorrangig an Lernergebnissen ausgerichteten didaktischen Denken und Handeln besonders dann zum Vorschein kommen, wenn es um Ziele und Inhalte geht, welche eine an Wissenschaft orientierte Bildung an Hochschulen eigentlich auszeichnen (sollen). Der Text gibt einen guten Überblick über die schon diskutierten Probleme und veranschaulicht sie exemplarisch, sodass die Argumente nicht abstrakt bleiben.

An anderer Stelle (hier) habe ich vor gar nicht so langer Zeit bereits auf einen Beitrag verwiesen, in dem empirisch nachgewiesen wird, dass Lernzieltaxonomien eine Rückkehr des Behaviorismus begünstigen. Das Thema scheint also doch ein wenig prominenter zu werden. Selber habe ich mich in einem Impact Free-Artikel (nämlich hier) basierend auf einem Vortrag in Berlin kritisch mit dem Constructive Alignment auseinandergesetzt, das aufs Engste mit der Orientierung an Lernergebnissen und Lehr-/Lernzieltaxonomien verknüpft ist. Die Reaktionen darauf sind zweigeteilt: Es gibt sowohl Unverständnis und klare Zurückweisung dieser kritischen Position als auch Zustimmung und nachdenkliche Diskussion darüber. Und in der Tat ist es ja auch so, dass die Orientierung an Lernergebnissen, die Verwendung von Lehr-/Lernzieltaxonomien und das Constructive Alignment sowohl plausibel sind als auch wertvolle Dienste in der Lehrpraxis leisten können – also auch „gute Absichten“ unterstellt werden können. Eine dominante und unreflektierte Anwendung dieser Prinzipien und Modelle auf allen didaktischen Ebenen oder gar die Diskreditierung anderer Vorgehensweisen als unangemessen oder unzeitgemäß machen diese allerdings problematisch – so meine Einschätzung. Dann nämlich geraten sie in Konflikt zu genau jenen Zwecken, Zielen und Aspekten akademischen Lehrens und Lernens, die zum Kern universitärer Bildung gehören.

Ein Kommentar

  1. In den Kindergärten und der Grundschule wird er gern implementiert.
    Er sorgt garantiert für die Einordnung seiner Subjekte in die Gesellschaft.
    Auf dem Weg zum Gymnasium und weiter in den ersten Jahren an der Universität stört er dann das kritische Denken, erinnert zu sehr an Drill: Der Behaviorismus macht seine Objekte bieder und glanzlos, aber ohne ihn sind sie verloren (?)

    Es klafft eine große Lücke zwischen dem freien und dem gelenkten Denken.

    Wer sie schließen will, geht erst einmal durch ein tiefes Tal, um festzustellen, dass man es sich auf der anderen Seite auch nicht eben bequem machen kann:
    Der Konstruktivismus macht es seinen Objekten nicht leicht, um jede Erkenntnis wird schwer gerungen.
    Vielleicht sind es die Lehr-Lernformate, die beide Seiten verbinden, denn jede Seite für sich ist aus der Lehrpraxis (von Kita bis zur Uni), damit aber vor allem aus der Lernbiografie des Einzelnen nicht wegzudenken, – wenn einmal verankert.

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