Anachronistisch und illusorisch

Zum Jahresende erreichte mich die Frage eines Kollegen, was ich vom Plädoyer für eine Präsenzpflicht an Universitäten halte – bezugnehmend auf einen Artikel (hier) in der FAZ vom Herbst 2025 (ein Gastbeitrag von Tim Engartner und Julia Reuter von der Universität zu Köln). Eine zunächst einfach klingende, am Ende aber doch schwer zu beantwortende Frage.

Zunächst ein paar Worte zum oben verlinkten Text: Es ist dem Autorenteam in vieler Hinsicht zuzustimmen, insbesondere was die Diagnose und Deutung der derzeitigen Situation in Hörsälen und Seminarräumen an Universitäten betrifft. Bleiben Veranstaltungsräume an einer Präsenzuni leer, kommt das einer Geringschätzung von Lehre gleich, die einen Teufelskreis in Gang setzt, weil auch Lehrende darauf reagieren und ihr Engagement für die Lehre zurückschrauben. Damit wird das Potenzial von Begegnungen, welche die Präsenzlehre birgt, nicht ansatzweise ausgeschöpft: Der „soziale Resonanzraum“ bleibt ungenutzt – nicht nur dafür, Fachwissen zu erwerben und praktisches Können aufzubauen, sondern auch um Universität als einen Ort der Gemeinschaft zu erleben. Verstärkt wird dies noch dadurch, dass Lehre generell an deutschen Universitäten im Vergleich zur Forschung wenig „belohnt“ wird.

Gleich zu Beginn des Textes erwähnen Engartner und Reuter, dass Studierende für ihr Fernbleiben viele „berechtigte Gründe“ anführen: Neben vermutlich auch schlechter Lehre zum Beispiel Familienaufgaben, Arbeit neben dem Studium, langes Pendeln. Tatsächlich, so möchte ich ergänzen, hat es sich zu einem eigenen Wert entwickelt, solche Gründe anzuerkennen und in der Lehre zu berücksichtigen – ein Wert, der aber deutlich im Widerstreit zu dem Wert eines gemeinsamen Lern-, Lebens- und Resonanzraums steht, der nur durch Anwesenheit zur Entfaltung kommt. Dieses Dilemma tippt der Text (indirekt) an, ohne es weiter zu verfolgen. Ich vermute allerdings genau hier die besondere Schwierigkeit, das diagnostizierte Problem zu lösen.

Der FAZ-Beitrag führt auf der Suche nach einer Lösung einen interessanten Vergleich an: „An vielen ausländischen Hochschulen gilt eine Anwesenheitsquote von 80 Prozent als verpflichtend – und für die Berufung auf eine Professur spielt die Qualität der Lehre eine zentrale Rolle. Dozenten arbeiten mit Gruppen von maximal 15 Studierenden und bekommen Zeit für zusätzliche Aufgaben sowie für regelmäßige Weiterbildungen in Sachen Lehre angerechnet.“ Man kann es so lesen, dass dieser vergleichende Hinweis die ideale „große Lösung“ wäre – wohl anachronistisch und illusorisch zugleich in der aktuellen Sparwelle, welche die deutschen Universitäten erfasst hat. Also bleibt die Präsenzpflicht, weil diese (der Universität) wenigstens nichts kostet? (außer vielleicht mehr Heizkosten im Winter). Die beiden Autoren sehen darin zumindest einen guten Weg – auch um die Zahl der Studienabbrecher und Studienfachwechsler zu senken.

An ein paar Stellen im Text kommt kurz die Digitalisierung zur Sprache; Engartner und Reuter vermuten hier nämlich ebenfalls eine Ursache für die Leere auf dem Campus. Sie gehen dabei implizit davon aus, dass Präsenz und Resonanz mit Online-Lehre nicht zusammengehen. Das ist aus meiner Sicht eine Dichotomisierung, der ich so nicht zustimmen kann: Wenn die Bedingungen didaktisch gut gestaltet sind, dann sind auch digitale Resonanzräume möglich; wir versuchen das jedenfalls im Master Higher Education und – ich würde sagen – erreichen es auch in vielen Fällen.

Aber nochmal zu den „normalen“ Studiengängen: Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die gerne die oben genannte „große Lösung“ hätte, wie sie offenbar (ist es wirklich so?) im Ausland möglich ist: also Präsenzpflicht + kleine Gruppen + konkretisierte Wertschätzung der Lehre. Aber das scheint, wie angemerkt, gerade ziemlich weit weg. Also bleibt als „kleine Lösung“ die Präsenzpflicht? Eine Pflicht zur Präsenz klingt ohne Zweifel erst einmal nachvollziehbar. Vermutlich gibt es auch einen kurzzeitigen Effekt. Vielleicht führt der sogar dazu, dass Studierende (nach der Pflicht) das Potenzial der Präsenz auf dem Campus (oder im virtuellen Raum) erkennen und dann wieder freiwillig kommen – das schließe ich nicht aus. Aber: Lässt sich damit das eigentliche Problem hinter der „Absenz“ lösen? Und was ist das „eigentliche“ Problem? Handelt es sich dabei tatsächlich um die oft angeführten Gründen (siehe oben) oder sind das am Ende nur Anlässe? Aber selbst, wenn die Gründe „stimmen“: Wie gehen wir damit um, dass hier zwei Werte im Widerstreit liegen – der Wert eines qua Flexibilität inklusiven Studiums und der Wert eines qua Resonanz bildenden Studiums?

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