Kapitulation oder Flucht nach vorn?

Der Einfluss von KI auf die Prüfungspraxis verursacht rechtliche, organisatorische, didaktische und fachliche Problem für alle Beteiligten. Aus der hochschuldidaktischen Beratung und aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen fallen mir aber auch ganz persönliche (psychische) Probleme bei Lehrpersonen auf, wie ich es im letzten Blogpost angedeutet habe: von Ratlosigkeit über Stresserleben bis zur Identitätskrise in der Rolle als Lehrperson an der Hochschule. Ich habe daraus fünf fiktionale Fallvignetten gemacht, die (vielleicht) zum Nachdenken und Diskutieren anregen können.

Vignette 1 – Das Missverhältnis

Dr. K. korrigiert an einem Samstagnachmittag Seminararbeiten aus ihrer Einführungsveranstaltung zur Sozialtheorie. Eine Arbeit fällt auf: stringente Argumentation, sichere Sprache, kompetenter Umgang mit Klassikern aus der Fachliteratur. Sie braucht neunzig Minuten für Lektüre und Feedback. Dann hält sie inne: Was bewertet sie eigentlich noch? Eine erworbene fachliche Kompetenz? Oder die Fähigkeit, einen Prompt zu formulieren? Wie kann sie ihren Aufwand rechtfertigen? Oder sind ihre Zweifel übertrieben? Sie findet keine Antworten.

Vignette 2 – Die stille Kapitulation

In einer erziehungswissenschaftlichen Fachbereichsrunde fällt ein Satz, der Prof. R. tagelang beschäftigt: „Wenn die Studierenden KI zum Schreiben nutzen und wir KI zum Korrigieren, spart das allen Zeit“. Niemand widerspricht. R. nimmt die Erschöpfung dahinter wahr: Lehre wird institutionell kaum gewürdigt, der Druck zur Forschung ist enorm. Aber was bleibt dann von der Idee, dass Studierende an der Universität etwas werden, nicht nur etwas abliefern? Dass Schreiben Denken ist und Denken Bildung? Auch R. sagt nichts und das fühlt sich falsch an.

Vignette 3 – Die Verschiebung

M. unterrichtet Rechtswissenschaften. Fallbearbeitungen, so dachte er, seien vergleichsweise KI-resilient: Sie verlangen juristische Subsumtion, Präzision im Umgang mit Normen, Urteilsvermögen. Doch die Arbeiten, die er jetzt bekommt, sind formal oft makellos und dennoch irgendwie leer oder allzu glatt. Er beobachtet sich dabei, wie er nach Unstimmigkeiten sucht, statt Stärken zu würdigen. Diese innere Verschiebung – vom Lehrenden zum Misstrauenden – empfindet er als Selbstentfremdung. Er wollte nie so ein Mensch sein.

Vignette 4 – Die Flucht nach vorn

Dr. L. lehrt Literaturwissenschaft und legt Wert darauf, Texte genau zu lesen, Ambiguitäten auszuhalten, Sprache als Erkenntnisinstrument ernst zu nehmen. Als sie vermutet, dass KI zunehmend zum „Autor“ der eingereichten Texte wird, schafft sie die Hausarbeit ab und prüft nur noch mündlich. Bald merkt sie: Die Gespräche sind zu kurz für differenzierte Beurteilungen, die Gesprächsführung liegt zu sehr bei ihr, und ohne es zu wollen, senkt sie im Zuge dessen die inhaltlichen Anforderungen. Sie hat ein Problem gegen ein anderes getauscht, und sie weiß: Auch das kann keine Lösung sein.

Vignette 5 – Kein gemeinsamer Nenner

Prof. H. aus der Physik und Dr. S. aus der Humangeographie bieten zusammen ein Seminar an. Sie arbeiten harmonisch zusammen – bis zur Prüfungsleistung. Für S. zeigt sich im Schreiben, ob Studierende verstanden haben, was sie tun – die Auseinandersetzung mit Methoden ist der eigentliche Lerngegenstand. H. sieht das anders: Bei ihm zählen Ergebnisse und Modelle; dass KI die begleitenden Texte lesbarer macht, stört ihn wenig. Beide merken, dass sie nicht nur über Prüfungsformate streiten. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was Studieren bedeutet. Eine Einigung finden sie nicht.

Ich denke, Ähnliches ließe sich aus der Perspektive der Studierenden machen – also komplementäre studentische Fallvignetten. Fallvignetten aus beiden Perspektiven (Lehrpersonen, Studierende) wären vermutlich besonders geeignet, um miteinander ins Gespräch zu kommen und nach besseren Strategien im Umgang mit den aktuellen Herausforderungen zu suchen, als wir sie bislang haben.

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