Es ist ein anachronistisches Nebeneinander: Einerseits wächst bei vielen Lehrpersonen die Ratlosigkeit bis hin zur Sinnkrise, wenn (was nicht immer, aber immer häufiger der Fall ist) zum Beispiel Studierende sorgfältig gestaltete Aufgaben nicht selbst bearbeiten, sondern an KI delegieren – und es macht sich das Gefühl breit, es seien keine langfristigen Lösungen in Sicht. Andererseits gibt es immer mehr Empfehlungen, Leitlinien, Task Forces, Netzwerke und Projekte, die sich mit KI in der Hochschulbildung beschäftigen. Fast schon wöchentlich trudeln auch bei mir Anfragen ein, ob ich zu KI in der Hochschulbildung nicht einen Vortrag oder Workshop anbieten oder mich an einer Diskussion beteiligen könnte – und das hat weniger mit mir als Person zu tun (diese Anfragen werden etliche andere auf diesem Feld Tätige bekommen), sondern damit, dass gerade ein hoher Aktivitätsgrad bei diesem Thema herrscht. Das ist auf der einen Seite gut so – wir müssen uns damit beschäftigen; auf der anderen Seite beobachte ich bei Lehrpersonen deutliche Grenzen der Belastbarkeit in einer Zeit, in der immer mehr gefordert wird, die von Meetings gepflastert ist und allerlei Events bereit hält ….
Die Situation ist also zwiespältig – auch für mich selber: Wo beteilige ich mich, wo nicht, was passt noch in den Terminkalender, was nicht, wozu kann ich überhaupt etwas beitragen und wozu will ich vielleicht gar nichts beitragen etc.? Gerade erst hat eine AG beim Wissenschaftsrat, an der ich teilnehmen durfte (was eine sehr interessante Erfahrung war), die Arbeit an einer Empfehlung zu „KI in der Hochschulbildung“ beendet (im Arbeitsprogramm 2026 des WR ist dies entsprechend angekündigt: siehe Seite 12-13), da werden neue AGs im Rahmen eines kürzlich gestarteten HRK-Projekts initiiert. Unter dem Titel KI-LOTSE fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) seit Januar 2026 ein Projekt, das – so die Selbstbeschreibung – Hochschulleitungen und strategische Entscheider:innen dabei unterstützt, den Umgang mit KI in Studium, Lehre, Forschung und Verwaltung systematisch und verantwortungsvoll zu steuern“. Eine Maßnahme sind sog. Think-Tank-Aktivitäten: Diese sollen (ich zitiere wiederum aus der Webseite) ausgewiesene Expert:innen in Arbeitsgruppen zusammenbringen, um zu verschiedenen Schwerpunktthemen aktuelle Einschätzungen, Chancen und Risiken zu diskutieren.
„Künstliche Intelligenz und Prüfen“ ist das erste Schwerpunktthema: Die Arbeitsgruppe KI & Prüfen hat Ende Mai ihre Arbeit aufgenommen. Der Auftakt fand bei uns am HUL statt. Ziel der AG ist es, im Laufe eines Jahres Empfehlungen in Form einer Handreichung, Blog-Beiträgen und anderen Publikationen zu erstellen, die Hochschulleitungen und weiteren Statusgruppen als Orientierung in strategischen Fragen dienen sollen.
Ob das weitere Sinnkrisen verhindert oder dabei hilft, die bestehende Ratlosigkeit in punkto KI zu reduzieren? Das weiß ich natürlich nicht, und allzu optimistisch bin ich nicht, aber: Darf man in DIESEM Zusammenhang etwas unversucht lassen? Gerade das Feld des Prüfens hat es seit jeher in sich – hier fließen ganz viele Dinge zusammen und KI tut nun ihr Übriges. Schon in der programmatischen Schrift zum forschenden Lernen und wissenschaftlichen Prüfen seitens der damaligen Bundesassistentenkonferenz (BAK) wurden (ganz ohne KI im Jahr 1970) gravierende Probleme beim Prüfen angesprochen, die entweder bis heute nicht gelöst (z.B. die Spannungsmomente zwischen Individualisierung und Standardisierung) oder ins Gegenteil umgeschlagen sind (statt der wenigen Prüfungen am Ende eines Studiums ein dauerhaftes studienbegleitendes Prüfen). So oder so ist es immer noch erhellend, die BAK-Schrift zu lesen, in der man sich noch traute, radikale (heute würde man sagen: disruptive) Sätze zu formulieren wie diesen:
„Solange nicht eindeutig bewiesen ist, daß die selektierenden Prüfungen hinsichtlich ihres prognostischen Wertes signifikant zuverlässiger sind als der Zufall, muss die Maxime festgehalten werden, daß die hypothetisch möglichen Vorteile der Prüfungen gegenüber dem Zufall die existentiellen Konsequenzen nicht rechtfertigen können, die gegenwärtig mit so unsicheren Entscheidungen verbunden sind“ (BAK, 1970, S. 57). Wie gerne würde ich mit den damaligen Autoren über die, infolge der ubiquitären Verfügbarkeit von KI neu entstandenen, heutigen Probleme der Prüfungspraxis sprechen. Was sie wohl dazu zu sagen hätten?