Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Fragen lernen ist (nicht) schwer

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Es ist Zeit für einen ersten Erfahrungsbericht zu meiner „Podcast-Vorlesung“, wobei zunehmend klar wird, dass das an sich die falsche Bezeichnung ist, denn zentral ist ja die Kombination aus Podcast, Textlektüre, Wiki-Arbeit und Tutorium. Wie das Konzept im Einzelnen aussieht, habe ich hier bereits beschrieben.

Am Anfang der Konzeption habe ich mir vor allem Gedanken über die Funktion und die Art des Podcasts gemacht. Das war/ist auch wichtig – insbesondere muss man den Studierenden genau sagen, welche Funktion der Podcast in diesem Konzept hat: Er hat rahmende und (hoffentlich) motivierende Funktion für die Textlektüre und soll zudem dabei helfen, bei der Textlektüre besser zu erkennen, was wichtig und was weniger wichtig ist. Dass genau das nämlich gar nicht so leicht ist, zeigte die erste Runde in der Wiki-Arbeit. Die se Wiki-Arbeit gerät jetzt bei der Durchführung der Veranstaltung zunehmend in den Fokus meiner Aufmerksamkeit, weshalb ich darüber kurz bercihten möchte.

Mit der Wiki-Arbeit betrete ich das zweite Neuland im Rahmen dieser Veranstaltung: Mein Ziel ist es, dass die Studierenden für insgesamt acht Themenblöcke in einem (geschlossenen) Wiki ihre Klausurfragen und dazugehörige Musterantworten selbst generieren! Dabei werden sie natürlich unterstützt. Wie diese Unterstützung genau aussieht, das war mir zu Beginn auch noch nicht klar, weil ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie das funktioniert. Nun liegen die ersten Erfahrungen vor. Erfreulich ist, dass die Kernzielgruppe der Veranstaltung (Studierende des Studiengangs Medien und Kommunikation) sich zu ca. 70% an der Wiki-Arbeit (in Partnerarbeit) bislang beteiligt haben. Wie zu erwarten war, erwies sich die erste Wiki-Runde allerdings noch in vielen Dingen als verbesserungswürdig: Trotz Instruktionen und Hinweise vorab wurden z.B. viele ähnliche Fragen doppelt oder mehrfach gestellt (und beantwortet). Mitunter passten die Antworten nicht oder zu wenig zu den Fragen. Manche Fragen waren so gestellt, dass sehr viele Antworten möglich wären, was in einer Klausur nicht funktionieren kann. Verschiedene Fragetypen zu produzieren, wurde noch kaum bewerkstelligt. Sehr viele Fragen rankten sich um Details, die ich niemals abfragen würde (und wenn ich es täte, hätte ich eine aufgebrachte Menge von Studierenden vor mir).

Nach Schließen der ersten Runde habe ich alle Beiträge im Wiki ausführlich kommentiert, die Probleme aufgezeigt und Alternativen angeboten. Auf einer zweiten Wiki-Seite habe ich dann ein korrigiertes Set an Fragen und Antworten zur Verfügung gestellt. Die zweite Runde lief daraufhin bereits wesentlich besser. Viele Fehler, auf die ich hingewiesen hatte, wurden weniger gemacht. Langsam fingen die Studierenden auch an, sich gegenseitig zu verbessern – ein Aspekt, der in der ersten Runde noch kaum auftrat. Dennoch zeiget sich auch in der zweiten Runde noch großes Verbesserungspotenzial. Also habe ich auch diese zweite Runde ausführlich online kommentiert und wiederum eine verbesserte Fassung zur Verfügung gestellt. Das ist aufwändig, aber es war auch sehr interessant. Interessant nämlich ist zu sehen, wo die Studierenden Schwierigkeiten haben, was typische „Anfängerfehler“ sind etc. All das bekommt man ja normalerweise gar nicht mit und kann darauf auch entsprechend nicht reagieren. Sollten meine Kommentare gelesen werden (ich gehe schon davon aus, dass dies die aktiv Beteiligten tun), dann könnte man zumindest einen Lerneffekt erwarten, weil sich meine Hinweise direkt auf die Aktionen der Studierenden beziehen.

Heute nun hatten wir ein Präsenz-Tutorium, in dem die Herausforderungen und Schwierigkeiten noch einmal diskutiert wurden. In den kommenden beiden Wiki-Runden werde ich meinen Support etwas zurücknehmen und ganz schräge Fragen oder Fehler einfach kommentarlos löschen und nur da eigene Verbesserungen anbringen, wo ich das Gefühl habe, dass das Dinge sind, die die Erstsemester noch nicht wissen können. In der zweiten Hälfte der Themen (Thema fünf bis acht) wird diese Unterstützung weiter ausgeblendet. Ziel ist es, dass die Studierenden selbst in der Lage sind, Fragen und Antworte mit angemessener Qualität hinzubekommen. Begleitet werden sie dabei aber weiterhin von studentischen Tutoren und durch drei weitere Präsenz-Tutorien, die ich selbst mache. Am Ende jeder Runde können sich die Studierenden natürlich darauf verlassen, dass ausschließlich richtige Fragen und Antworten im Wiki stehen. Wenn die vorgeschlagenen Fragen und Antworten aber schlecht oder fasch waren und gelöscht wurden und am Ende zu wenige Fragen/Antworten im „Pool“ sind, müssen die Studiereden damit rechnen, dass ich in der Klausur eigene Fragen beisteuere. Anbei die Folien aus dem heutigen Tutorium: VL_Tutorium1

Warum mache ich das? Nun ich denke, wer nicht aktiv mitmacht und auf Auswendiglernen setzt, für den bleibt es weitgehend gleich, ob er 160 Fragen und Antworten oder 120 Folien auswendig lernt, die man normalerweise in so einer Vorlesung mindestens präsentiert. Ich hoffe aber jetzt natürlich auf einen kleineren Prozentsatz von „Auswendig-Lernern“, die sich statt dessen doch lieber mit der sehr begrenzten Textlektüre auseinandersetzen, sich am Wiki beteiligen und auf diese Weise über ca. 10 Wochen lang kontinuierlich mit überschaubaren Zeitinvestitionen „aktiv lesen“, Fragen zum Text formulieren, diese beantworten und dabei auch darüber nachdenken, was in einem Text wohl wichtig ist und was nicht, was man wissen und sich merken sollte. Wer auf diese Weise mitarbeitet, wird sich in sehr kurzer Zeit auf die Klausur vorbereiten können – immerhin hat er selbst an ihr mitgearbeitet. Einen Schaden sehe ich hier nicht – vielmehr hätte man erreicht, was man sich immer wünscht, nämlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Lektüre, die man zum Semesterbeginn als lesenswert recherchiert und/oder für die Studierende aufbereitet hat.

Nach zwei Wochen muss ich das Experiment immerhin nicht abbrechen. Bis jetzt scheint der Weg gangbar, auch wenn die ersten Steine erst mal aus dem Weg geräumt werden mussten. Ich bleibe optimistisch und bin gespannt auf den weiteren Verlauf. Jedenfalls zeigen mir die ersten Wochen, dass es sinnvoll ist, die Studierenden dazu anzuregen, selbst Fragen zu stellen – das ist nämlich, wie jetzt viele feststellen, gar nicht so einfach, aber man kann es lernen!

7 Kommentare

  1. Ich finde den Ansatz, Studierende online aktiv und produktiv zu eigenständiger Auseinandersetzung mit dem Thema zu bringen sehr wichtig. In Zeiten überfüllter Seminarräume sowieso. Aber ist der hier gewählte Ansatz im Podcast (ich habe allerdings nicht alles gehört), die Informationen durch die Rahmenhandlung ein wenig aufzulockern, nicht kontraproduktiv? Mich erinnert das ein wenig an Schulfunk, wo ja auch versucht wird, Inhalte möglichst angenehm konsumfreundlich in Spielhandlungen zu verpacken. Ich sehe natürlich den motivationalen Aspekt der Sache und finde es wirklich auch gut gemacht. Ich würde aber eine spannende Erzählung ohne den stellvertretend für die Zuhörer strukturierenden Fragesteller Frank zielführender in Bezug auf eine persönliche Auseinandersetzung der Studierenden mit dem jeweiligen Thema finden.

  2. Hallo Herr Müller,
    eine „spannende Erzählung“ zu konstruieren, produziert wieder genau das Problem, das uns in der Lehre bei anspruchsvollen Konzepten oft das Genick bricht – der Aufwand steigt ins Unermessliche. Zudem wurde der Dilaogcharakter mit einem „interssierten Laien“ bewusst gewählt aus der Erfahrung heraus, dass unsere Studierenden beim bildungswissenschaftlichen Anteil des Studiums oft Probleme mit der Anschlussfähigkeit haben. Man muss also auch den konkreten Kontext sehen, für den man ein Konzept entwickelt. Es kann gut sein, dass sich dieses nicht eins zu eins auf andere Kontexte und Bedarfslagen übertragen lässt. Was sich letztlich bewährt und ankommt und was nicht, werden wir erst am Ende des Semesters sehen. Wir haben eine kleine wissenschaftliche Begleitung laufen. Im Moment ist es wohl noch zu früh, um wirklich was Substanzielles zu den Wirkungen sagen zu können.
    Gabi Reinmann

  3. Hallo,
    die Idee das Wiki zu nutzen um den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben sowohl die Klausurfragen als auch die Musterantworten selber zu entwicklen finde ich wirklich super. Kann mir gut vorstellen, dass der Anteil an „Auswendig-Lerner“ dadurch sinkt. Ich bin wirklich gespannt, ob es funktioniert und drücke fest die Daumen. Hoffe, dass in dem Blog über den weiteren Verlauf des Experiments berichtet wird.

  4. Ja, mach ich – ich werde berichten 🙂
    Gabi

  5. Lesen eigentlich auch einige Studierende aus der Veranstaltung deinen Blog? Mich würden brennend ihre Eindrücke interessieren. Meinst du, du kannst sie motiveren, hier zu posten (vielleicht nicht gerade mit vollem Namen)?

  6. Ich glaube nicht, dass Studierende meinen Blog lesen. Es dürfte auch eher unwahrscheinlich sein, dass sie hier Kommentare posten. Aber wir evaluieren ja diesen Versuch ohnehin, sodass wir hoffentlich noch ausreichend an Meinungen kommen. Ich bin ja ehrlich gesagt schon froh, dass das überhaupt alles weitgehend klappt wie geplant, sodass ich die Erstsmester jetzt nicht mit weiteren Aufgaben (z.B. Kommentaren hier) überfrachten will 😉
    Gabi

  7. Hallo Gabi,
    ich kann mich den Vorrednern nur anschließen, dass diese Idee super ist und ich bin ebenfalls gespannt, wie dein Versuch weiterläuft 🙂
    Liebe Grüße,
    Alex

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