Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Wahrheitsobsession

Wie unterscheiden sich international die Steuerungssysteme an Hochschulen? In einem neuen Arbeitspapier beschreibt Ulrich Teichler unter dem Titel „Steering in a modern higher education system: The need for better balances between conflicting needs and expectations“ die Unterschiede, aber auch die Tendenz der Angleichung in der Ausgestaltung von Hochschulsteuerung in mehreren (westlichen) Ländern. Diese Angleichung sieht demnach so aus, dass die Macht der zentralen Verwaltung innerhalb der Hochschulen in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist; gesunken sind parallel dazu die Stärke der staatlichen Aufsicht, aber auch der Einfluss von Lehrenden und Forschenden. Gleichzeitig werden eben diese Steuerungssysteme als immer wichtiger angesehen, um das Hochschulsystem am Laufen zu halten – mit dem Effekt, dass zunehmend mehr Aufwand in die Erfassung und Bewertung akademischer Leistungen gesteckt wird. Trotzdem sei aber die Steuerung des Hochschulsystems in den einzelnen Ländern unterschiedlich geblieben, so Teichler.

Ich sehe da einen gewissen Zusammenhang zur Botschaft von Thomas Bauer in seiner als Reclam-Heft publizierten Abhandlung mit dem Titel „Die Vereindeutigung der Welt“, die ich kürzlich gelesen habe. Ich werde darüber sicher noch mehr nachdenken, denn es hat mich an vielen Stellen angesprochen. In diesem kleinen Band geht es um Ambiguität, um die global zu beobachtende schwindende Ambiguitätstoleranz und die damit einhergehende Reduktion von Vielfalt – was aus meiner Sicht in einem ziemlichen Missverhältnis zum vielen Sprechen (versus Handeln?) über Diversität steht. Bauer beleuchtet das vor allem im Bereich der Ökologie, der Religion sowie Kunst und Musik. Ich meine allerdings, man kann das auch auf die Bereiche Wissenschaft und Bildung ausweiten und da ebenso einen Rückgang von Pluralität erkennen. Ambiguitätsintoleranz zeigt sich für Bauer in drei Phänomenen: Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung und Reinheitsstreben – Phänomene also mit fundamentalistischen Zügen, die sich keineswegs nur in der Politik breitmachen.

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