Ronald Barnett und Kelsey Inouye haben einen interessanten Text zum Schreiben verfasst und bereits Ende 2024 veröffentlicht. Ich bin erst jetzt darauf gestoßen und denke, dass der Beitrag im Kontext von Schreiben und KI von Bedeutung ist, auch wenn dem KI-Thema nur an wenigen Stellen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Unter dem Titel „Seven Pains of Writing: The Discomforts of Academic Becoming in a Judgmental Age“ setzen sich die Autoren mit dem Phänomen auseinander, dass akademisches Schreiben einer Person viel abverlangt: Schreibende müssen sich im Wissenschaftskontext mit sich selbst auseinandersetzen, sich öffentlich zeigen, Komplexität aushalten, authentisch bleiben, sich dem Urteil anderer aussetzen und schließlich die Kontrolle über ihren Text an die Leserschaft oder Fachgemeinschaft abgeben. Wer sich dem aber bewusst stellt, so Barnett und Inouye, könne daran wachsen und seine Identität weiterentwickeln.
Schwierig ist im gegebenen Kontext die Übersetzung des Wortes „pain“. Im Deutschen wirkt der Begriff Schmerz schnell medizinisch oder pathetisch; ich vermute, dass diese Übersetzung ungünstig ist. Wichtig ist zu verstehen, was die Autoren meinen, nämlich dass Schreiben den ganzen Menschen betrifft, also Körper, Gefühl, Kopf, Moral, und dass Schreiben Unbehagen auslösen, als Zumutung erlebt werden und mental wie körperlich mühevoll sein kann.
Was sind die Kernbotschaften des Textes? Zum einen: Schreiben tut in gewisser Weise weh. Dieses Unbehagen hat Gründe, die in realen Bedingungen der Wissenschaft liegen: Publikationsdruck, Begutachtung, Karriereabhängigkeit. Zum anderen: Schreiben verändert die schreibende Person, stößt ein „Werden“ an – vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Das hat viel mit Persönlichkeitsbildung zu tun. Und schließlich: Wer sich dem Unbehagen bewusst stellt, statt ihm auszuweichen, kann daran wachsen und sich vielleicht sogar selbst „verwandeln“.
Was sind die „seven pains“ des akademischen Schreibens? (1) Mit sich selbst konfrontiert sein: Beim Schreiben muss ich klären, wofür ich stehe und wer ich werden will. (2) Sich zeigen: Beim Schreiben mache ich private Gedanken öffentlich, und das macht mich verwundbar. (3) Komplexität aushalten: Fachliche Konventionen, Bezüge auf andere Texte und widersprüchliche Anforderungen (z.B. Ansprüche von Zielgruppen eines Textes) müssen zusammengebracht werden. (4) Authentisch sein: Beim Schreiben muss ich sagen, was ich meine, und meinen, was ich sage – und das für mehrere Lesergruppen zugleich. (5) An die Zeit gebunden sein: Schreiben ist in der Vergangenheit, der Gegenwart und in die Zukunft hinein verankert; beim Schreiben treffen sich verschiedene zeitliche Herausforderungen. (6) Dem Urteil anderer ausgesetzt sein: Kritik oder gar Ablehnung trifft nicht nur den Text, sondern die schreibende Person. (7) Die Kontrolle aufgeben müssen: Ist ein Text einmal veröffentlicht, hat die schreibende Person nicht mehr in der Hand, was die Welt daraus macht.
Warum ist der Text auch im Zusammenhang mit KI relevant? Wenn das Unbehagen beim Schreiben der Ort ist, an dem wir uns als Wissenschaftler „formen“, dann kann eine Technologie wie KI, die Schreiben reibungslos macht, aus meiner Sicht ein Risiko werden. Das heißt: Die Chance, die das Unbehagen beim Schreiben mit sich bringt, kann verschwinden – und zwar zusammen mit dem Unbehagen, wenn ich das, was mir Mühe macht, an KI abgebe. Allerdings haben nicht alle leidvollen Schreiberfahrungen mit dem epistemischen Schreiben selbst zu tun; manche sind Folge wissenschaftlicher Bedingungen, die ihrerseits ein Problem darstellen: vor allem der Wettbewerbs- und Publikationsdruck und das nicht immer respektvolle und hilfreiche Peer-Review. Was man sich aus dem Text von Barnett und Inouye auf jeden Fall mitnehmen kann, ist die Frage: Meine ich noch das, was ich mit Hilfe von KI schreibe, und schreibe ich eigentlich, was ich meine?
In jedem Fall gilt: Die Lektüre lohnt sich.