Das Thema Demokratie bzw. Demokratiebildung steht seit 2025 an vielen Universitäten prominent auf der Agenda. Nicht alle Forderungen und Vorstellungen dazu finde ich überzeugend. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass nach und nach ein wichtiges Thema gegen ein anderes ausgetauscht wird – z.B. Diversität gegen Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit gegen Demokratie etc. – und dann relativ umstandslos zur Aufgabe von Universitäten mutiert, wonach sich möglichst sofort Forschungsagenden und Curricula auszurichten haben. Ein Essay von Georg Mein, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Theorie sowie Direktor des University of Luxembourg Institute for Digital Ethics (ULIDE), behandelt den Zusammenhang zwischen Universität und Demokratie in einer, aus meiner Sicht, inspirierenden Weise . Der Titel des Buches lautet Das Prinzip Universität. Warum Demokratie Wissenschaft braucht.
Ich starte mit einem Zitat aus dem Epilog, weil darin pointiert zum Ausdruck kommt, worauf Georg Meins Argumentation in seinem knapp 170 Seiten langen Text hinausläuft:
„Die Universität muss […] der Versuchung widerstehen, sich den Imperativen der Erlebnisgesellschaft anzudienen oder sich einer ökonomistischen Wettbewerbslogik auszuliefern. Es kann ihr nicht primär um Exzellenz, Entrepreneurship, Visibilität, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung gehen. All dies mag wichtig sein, hat aber im Kern nichts mit Wissenschaft zu tun. Stattdessen gilt es, die Universität als einen Ort zu verteidigen, an dem eben jene Werte kultiviert werden, die in der spätmodernen Mediengesellschaft zu erodieren drohen: die Suche nach der Wahrheit, die Kraft des rationalen Arguments, methodisch diszipliniertes Denken sowie die Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Zusammengenommen kulminieren diese Werte in einem Vermögen, das Kant als kritische und Arendt als politische Urteilskraft zu fassen versucht hat“ (S. 161 f.).
Zu Beginn des Textes nimmt der Autor seine Leser mit auf eine historische Reise durch die Entstehung und Entwicklung der Universität. Das ist alles nicht neu, aber instruktiv und ordnend. Überrascht hat mich – am Ende der Lektüre – ein wenig, dass der Autor so darum bemüht ist, die Grenzen der Humboldt´schen Idee der Universität herauszuarbeiten, deren historische Bedingtheit ja jedem einleuchten dürfte, um schließlich drei Prinzipien für eine „neue Idee von Universität“ zu formulieren (S. 103 ff.), die, so meine Einschätzung, gar nicht so weit weg sind von neuhumanistischen Idealen: das Reflexionsprinzip, das Rationalitätsprinzip, das Selbstkorrekturprinzip. Was besagen diese Prinzipien? Ich würde sie so zusammenfassen:
- Dem Reflexionsprinzip zufolge zeichnet sich die Universität dadurch aus, dass sie ihre Voraussetzungen, Methoden und Positionen ständig kritisch hinterfragt; sie setzt zwar auf Wahrheit als Ziel, verkündet aber keine absoluten Wahrheiten, und fordert dazu auf, Widerstand zu leisten, wenn Erkenntnisse instrumentalisiert werden.
- Das Rationalitätsprinzip läuft darauf hinaus, dass die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse nach methodischer Systematik und nachvollziehbarer Argumentation verlangt; das unterscheidet Wissenschaft vom bloßen Meinen und ermöglicht eine differenzierte Urteilsbildung.
- Mit dem Selbstkorrekturprinzip wird die Aufgabe der Universität benannt, Annahmen und Ergebnisse beständig zu überprüfen und bei Bedarf zu korrigieren, Irrtümer einzugestehen und dazuzulernen; organisierte Selbstkorrektur schützt die Universität vor Ideologien.
Mit Georg Meins Worten: „Diese drei Prinzipien lassen sich […] auf folgende Formel bringen: Öffentliche Relevanz durch disziplinierte Selbstreflexion, Kritikfähigkeit durch wissenschaftliche Handlungsrationalität, Ergebnisoffenheit und prinzipielle Bereitschaft zur Selbstkorrektur durch strukturellen Einbau von Kontingenz“ (S. 127 f.).
Über diese drei Prinzipien, so lese ich Georg Meins Buch, lässt sich zeigen, dass Wissenschaft eine Voraussetzung für gelebte Demokratie ist: Wissenschaft wie Demokratie brauchen den begründeten Widerspruch und die kritische Urteilsfähigkeit. Beide teilen den Grundsatz, dass weder rein ökonomische Regeln und Ziele noch ideologische Ansprüche handlungsleitend sein dürfen. Sowohl wissenschaftliche Erkenntnis als auch politischer Konsens bedürfen der Deliberation und des organisierten Zweifels. Die Institution Universität kann oder sollte folglich eine entscheidende Instanz sein, um Demokratie lebendig zu halten.
„In diesem Sinne ist die Verteidigung der Universität immer auch eine Verteidigung jener Werte, die für den Zusammenhalt einer offenen Gesellschaft unabdingbar sind. Indem sie an der zweckfreien Suche nach Erkenntnis festhält, bewahrt die Universität einen Raum, in dem das Denken frei von äußeren Zwängen und Nützlichkeitserwägungen den Dingen auf den Grund gehen kann. Sie hält die Idee lebendig, dass es eine Wahrheit jenseits subjektiver Meinungen und partikularer Interessen gibt. Und sie erinnert uns daran, dass der Weg zu dieser Wahrheit nur über den rationalen Diskurs, die kritische Prüfung und die methodische Disziplin führt“ (S. 163).
Quelle: Mein, G. (2026). Das Prinzip Universität. Warum Demokratie Wissenschaft braucht. Heidelberg: Carl-Auer.