Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Pastorales Lehren?

Aktuell findet gerade die Veranstaltung „Studium 2020“ in Berlin statt: Noch bis heute Mittag geht es um verschiedenste Fragen rund um das Studium – nicht nur um didaktische, sondern auch um organisationale (hier das Programm). Gestern bin ich leider etwas zu spät gekommen, aber immerhin pünktlich zum Vortrag von Dieter Euler. Anschließend gab es einen Beitrag von Rolf Arnold und schließlich habe ich mich ins Forum gesetzt, in dem Rolf Schulmeister und John Erpenbeck didaktischen Fragen zum Studium der Zukunft nachgegangen sind. Mein Einwand in der sich anschließenden Diskussion, der sich vor allem auf die Ausführungen von Arnold und Erpenbeck bezog, nämlich dass Sätze wie „Wissensvermittlung ist keine Kompetenzentwicklung“ wenig hilfreich für didaktische Neuerungen und eher ein Kategorienfehler sind, ist offenbar ein bisschen so angekommen, als sei ich ein Spielverderber. Jedenfalls wurde in den Erwiderungen das Ganze wieder einmal um die eigene Achse gedreht und ließ meinen Einwand so aussehen, als sei ich ein Befürworter nutzloser Vorlesungen. Vielleicht nochmal auf diesem Wege zur Klarstellung: Es ist ein Unding, ein Studium vor allem auf darbietenden Lehrformen wie z.B. Vorlesungen aufzubauen. Notwendig ist meiner Auffassung nach ein gut überlegter, auf die Phase eines Studiums abgestimmter Mix aus verschiedenen Formaten. Ich kann allerdings nicht die Auffassung teilen, dass jede Form von darbietendem oder auch anleitendem Lehren etwas grundsätzlich „Pastorales“ hat – es kommt ja darauf an, WIE man das macht. Nur weil es so viele schlechte Vorlesungen gibt, kann man daraus doch nicht schließen, dass es grundsätzlich unmöglich ist, auch mal durch Zuhören (oder Zusehen) etwa zu lernen. Logisch ist, das man dabei (im besten Fall) etwas anderes lernt als in einem Projektseminar, und dort wieder etwas anderes als in einer Übung, und dort wieder etwas anderes als beim freien oder angeleiteten Selbststudium oder in einem Praktikum. Ich denke jedenfalls, dass uns diese unsäglichen Dichotomien (siehe auch hier) für eine bessere Gestaltung von Studiengängen NICHT weiterhelfen.

9 Kommentare

  1. danke Gabi für deine Positionierung!
    schon erstaunlich, dass selbst solche profilierten Personen zu Dichotomien tendieren. Auch als Fan explorativer und expressiver Lernformen weiss ich doch , dass die Studierenden die expositorischen Formen durchaus (nicht nur akzeptieren, sondern) wünschen. Fakt ist nämlich: Die häufigste E-Learning-Form ist die Vorlesungsaufzeichnung. Das muss man nicht gut finden, aber daran muss man sich erst mal abarbeiten.
    Gruß, Joachim

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  3. Die These, dass die Vorlesung an eine pastorale Praxis erinnert, ist ein ziemlich alter Hut, den Lenzen schon von Jahren in den Ring geworfen hat. Durch ständige Wiederholung des Vergleichs wird dieser auch nicht richtiger. Anders gesagt: Nicht alles was hinkt ist auch ein Vergleich. Aber warum soll man sich damit überhaupt befassen? Es geht hier bloß um das Raunen von Vertretern einer ruralen Wissenschaft, deren arriviertes Wissen bestenfalls auf eine Briefmarke passt und in der selbsternannte Leuchttürme um die Deutungshoheit ringen. Fürs Feuilleton ist das ganz nett. Ansonsten kann man sich ernsthaften Fragen zuwenden.

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  5. Ich war zwar nicht mit in dem Forum aber ich teile Ihre Meinung, so wie Sie sie hier dargestellt haben. Allerdings habe ich die Ausführungen von Herrn Arnold auch nicht als das Allheilmittel wahrgenommen. Eher als eine Überspitzung. Nachdem Sie aber das Stichwort ‚Dichotomie‘ wieder aufgeworfen haben, muss ich Ihnen Ihnen im Rückblick allerdings recht geben. Das Einteilen in schwarz und weiß ist doch immer wieder zur Sprache gekommen.

    Mir ist bei Ihren Ausführungen hier im Blog allerdings nicht ganz klar geworden was sie genau mit dem ‚Kategorienfehler‘ meinen.

    Den Beitrag von ‚klardenken‘ halte ich ebenfalls für wenig hilfreich in Bezug auf eine sachliche Diskussion. Auch mit vielen Fremdworten verkleidet, klingt er für mich eher wie eine unsachliche Beleidigung.

  6. Mit „Kategorienfehler“ meine ich, dass die Perspektiven und Aktivitäten des Lernenden nicht deutlich von denen des Lehrenden unterschieden, sondern in einem Satz so aufeinander bezogen werden, als würden sich beide auf der gleichen Ebene bewegen, um dann aber doch wieder festzustellen, dass es nicht das Gleiche ist. Der Beitrag, auf den ich am Ende noch einmal verlinkt habe, sollte das deutlich machen.
    Gabi

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  8. Zu Anlass und Kontext von Gabi Reinmanns Kommentar kann ich nichts sagen. Mag sein, dass provokatorisch überspitzt wurde – das ist ja auch legitim, da oft ungemein hilfreich.
    Die Erwähnung des „Pastoralen“ an Vorlesungen hat mich aufmerken lassen, da es mir selbst manchmal so geht, dass ich mich in einer Vorlesung (ich halte ausgesprochen gern Vorlesungen) wie ein „Pastor“ fühle (oder dass ich denke, dass man sich als Pastor wohl so fühlen mag).
    Die negative Konnotation, die damit auch für mich erstmal verbunden ist, hat sicher damit zu tun, dass die erste Assoziation die ist, hier würden von hoher Warte (der Kanzel) aus unbezweifelbare Wahrheiten verkündet, die das Schafsvolk da unten zu schlucken hat.
    Aber eine Vorlesung muss ja keineswegs in diesem Sinne pastoral sein. Mein Studium liegt nun schon sehr lange zurück. An Seminare erinnere ich mich interessanterweise kaum. Sehr wohl und eindringlich aber an beeindruckende, aufwühlende Vorlesungen. An Vorlesungen, die es mir überhaupt nicht erlaubten, sie schlicht nur zu rezipieren, sondern während denen „es in mir arbeitete“. Wenn es mir gelingt, in einer Vorlesung meine Studis zum gedanklichen Arbeiten zu bewegen, und dazu gehört auch der innere Widerspruch zu dem, was da „verkündet“ wird, dann bin ich sehr froh. Meist kann ich das an den Gesichtern sehen; während allzu eifriges Mitschreiben mich eher misstrauisch werden lässt.
    Selbstverständlich ist es ein Problem, dass in einer großen Vorlesung ein Dialog, eine Diskussion kaum möglich ist. Kommt das doch mal zustande, wird es oft eher unruhiger im Saal, viele Studis schalten ab; und anschließend macht es immer wieder etwas Mühe, sie zurück zu holen.
    Aktivierende Lehrformen sind eine prima Sache; aber man muss sich die Qualität der Aktivitäten, zu denen animiert wird bzw. die dann tatsächlich stattfinden, auch genau so kritisch ansehen wie die Qualität von Vorlesungen. Weder bedeutet eine Vorlesungsteilnahme immer Passivität noch bedeutet Aktivität immer auch geistige Produktivität.
    Werner Sesink

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