Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Züge einer Oskar-Verleihung

Endlich Abi – Herr Rau hat bereits aus der Großstadt berichtet, wie die Verleihung das Abi-Zeugnisses heutzutage so abläuft (hier) und Frank hat beigesteuert, wie das am Ende des Münchner S-Bahn-Bereichs aussieht (hier) – also SEHR ähnlich. Ich berichte hier ja normalerweise nicht über private Dinge, aber das Ereignis war für mich ja auch außerhalb der Elternrolle interessant: Wie gestalten angehende Studierende ihren letzten Tag an der Schule? Im Vorfeld hat jemand zu mir gesagt: Das hat inzwischen Züge einer Oskar-Verleihung. Ich habe ungläubig gelacht, vergeblich versucht, mich daran zu erinnern, wie ich selbst vor nunmehr fast 30 (!!) Jahren mein Abi-Zeugnis erhalten habe, aber: Da ist was dran – jedenfalls, wenn man den Abend dazu zählt, der einer Modeschau glich und dem Einzelhandel zusammen genommen eine Vorfreude auf das Weihnachtsgeschäft bereitet haben muss.

Die Zeremonie dauerte zunächst einmal Stunden: Viele Reden und Grußworte, und mal ehrlich: Manches, was da so gesagt wird, ist nicht nur peinlich, sondern auch falsch, und man fragt sich: Wovon ist die Rede: von der Schule, wie man sie so nebenher viele Jahre mitbekommen hat, oder doch von etwas anderem – irgendeiner Wunsch-Institution? Dann aber auch Lichtblicke: kreative Fünftklässler, knappe und humorvolle Worte eines Politikers, ein geniales Gedicht auf Bayerisch von einem Lehrer, dem die Schüler am Ende mit ihrem großen Applaus zeigten, dass es doch so etwas gibt wie Respekt und Anerkennung gegenüber Lehrern. Sehr zahm war die Schüler-Rede – schade. Dafür waren die Aufritte der Abiturienten beim Abholen der Zeugnisse mehr als kurzweilig. Junge Menschen in Dirndl und Lederhose, Cocktail-Kleid und Anzug und ein paar (wenige!) Etikette-Verweigerer holten sich mit selbst gewählter Musik ihre Zeugnisse und eine Rose ab – jede/r auf ihre/seine Weise: selbstbewusst mit Siegerpose, fröhlich mit Luftsprung, verhalten mit schnellem Schritt, erleichtert mit einem Winken ins Publikum, weltmännisch auftretend mit Schulterklopfen und am Ende doch ganz individuell und das ist gut so, das hat mir gefallen: von Homogenität keine Spur, wenn man genau hinsieht, auch wenn sich kleider- und musikmäßig scheinbar Gruppen bilden lassen. Wenn es doch nur gelänge, diese Heterogenität zu erhalten, wegzukommen von den normierten Kompetenz- und Leistungsansprüchen – es wäre besser für uns und für die Gesellschaft.

Anarchische Zeichen – wie Herr Rau schreibt – bleiben die Ausnahme: der Eselskopf als lautes oder der Schuhverzicht als leises Zeichen. Aber es gibt sie noch, diese Zeichen, und das lässt doch hoffen!

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