Der wissenschaftliche Gott schütze uns vor den Qualitätsschützern

Unregelmäßig, aber wiederkehrend habe ich das Bedürfnis, Modulhandbücher, Studiengangskonzepte, Formulare aller Art, Ausschreibungstexte, Pflichtlektüre zur Orientierung darüber, was es Neues gibt, etc. auf die Seite zu legen und Texte (oder Bücher) zu suchen und zu lesen, die mich auch zum Nachdenken anregen. Wenn die Zeit sehr knapp, aber dieses Bedürfnis dennoch sehr groß ist, schaue ich ganz gern nach Reden – also richtige Reden jenseits der PowerPoint-Präsentation, denen dann auch (wie vorteilhaft) ein Manuskript zugrundliegt. Am Wochenende bin ich bei zwei besonders bekannten Personen fündig geworden, die sich – aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und doch mit ein paar gemeinsamen Gedanken – um die Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft ihre Gedanken gemacht haben: Helmut Schmidt (eine Rede vom Januar 2011) und Jürgen Mittelstraß (eine Rede vom Februar 2010).

Das Gemeinsame vorweg: Es geht um die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und damit auch um die Frage der Verantwortung, die der Wissenschaft bzw. dem einzelnen Wissenschaftler obliegt.

Helmut Schmidt beginnt mit einem Überblick über drängende globale Probleme: ungebremstes Bevölkerungswachstum, Weltwirtschaftskrisen, ungehemmter Rüstungswettlauf, religiöse und kulturelle Konflikte und unaufhaltsamer Klimawandel. Und genau hier fordert er ein größeres und sichtbareres Engagement der Wissenschaftler, wenn es sagt:

„Es mag ja sein, dass ein Wissenschaftler jemand ist, dessen Einsichten größer sind als seine Wirkungsmöglichkeiten. Es mag auch sein, dass Sie, meine Damen und Herren, Politiker für Menschen halten, deren Wirkungsmöglichkeiten größer sind als deren Einsichten. Gleichwohl können Wissenschaftler nicht beanspruchen, unbehelligt von den Weltproblemen, unbehelligt vom ökonomischen und politischen Geschehen, unbehelligt von den Zwängen, denen ansonsten die Gesellschaft unterworfen ist, ein glückliches Eremitendasein zu führen. Denn auch als hoch spezialisierter Forscher bleiben Sie ein Zoon politikon. Und deshalb ist Wissenschaft heute nicht nur, wie Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt hat, ´sozial organisierte Erkenntnissuche´ – sondern Wissenschaft ist zugleich eine der sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche!“

Hier würde Jürgen Mittelstraß wohl zustimmen, denn auch er formuliert den Anspruch einer gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft – wenn auch in anderen Worten, nämlich so:

„Wissenschaft ist nicht länger ein nur beobachtendes und analysierendes Tun, zur selbstverliebten Freude der Vernunft oder des Geistes mit Sitz in Elfenbeintürmen, sondern ein weltgestaltendes und weltveränderndes Tun … Dabei bedeutet die Verwissenschaftlichung der Welt auch die Verweltlichung der Wissenschaft, womit sich auch die Zuständigkeiten und die Erwartungen an Wissenschaft ändern. Pointiert formuliert: Während es bisher so scheinen mochte, dass zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, die alleinige Aufgabe der Wissenschaft war, ist es in einer Leonardo-Welt mehr und mehr die Notwendigkeit, die Welt (wissenschaftlich und technisch) zusammenzuhalten. Die Vorstellung, dass Wissenschaft nützlich ist bzw. nützlich sein soll, hat nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftstheoretisch gewaltig an Aktualität gewonnen.“

Die Frage ist jetzt nur, wie die Wissenschaft dahin kommt, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Und da beide Redner die Verantwortung als Postulat formulieren, können wir davon ausgehen, dass beide hier entsprechende Defizite erkennen (Helmut Schmidt sagt das explizit, Jürgen Mittelstraß nur indirekt, indem er als Einstieg die Trennung der Welt zwischen Wissenschaft und Kultur beklagt).

Schmidt plädiert (als Politiker) dafür, dass Wissenschaftler ihre Distanz zur Politik reduzieren sollten – nicht die Distanz zur Tages- und Parteipolitik, aber die Distanz zur politischen Mitbestimmung und -gestaltung über Entwicklungen unserer Gesellschaft. Dafür, so Schmidt, bräuchten Wissenschaftler Weitsicht und Urteilskraft, die mit der zunehmenden fachlichen Spezialisierung zwar immer schwieriger wird, deswegen aber nicht abgelehnt werden könne.

Mittelstraß wirbt (als Wissenschaftler) für das Vertrauen in genuin wissenschaftliche Prinzipien. Er zeigt sich überzeugt, dass Wissenschaft auch in Anwendungsdingen erfolgreich sein kann (und man dies auch erwarten darf), aber nur in Verbindung mit der Einsicht, dass Wissenschaft dazu ihren eigenen Gesetzen und nicht etwa ökonomischen und/oder bürokratischen Regeln folgen muss. Besonders hart geht er dabei mit dem „wissenschaftlichen Markt“ und seiner eigene Logik der Qualitätssicherung ins Gericht, wenn er sagt: „Der wissenschaftliche Gott schütze uns vor den Qualitätsschützern!“ Das eigentlich Beunruhigende aber sei, dass der prüfende und verwaltende Verstand den wissenschaftlichen Verstand immer mehr verdränge.

Auffällig ist, dass in Schmidts Rede der Begriff der Anwendungsforschung fällt und favorisiert wird, während Mittelstraß den Begriff der Grundlagenforschung bemüht, beide aber Wissenschaft und Gesellschaft wieder näher zusammenbringen wollen. Gleichzeitig liegt in den Reden die Assoziation in der Luft, Anwendungsforschung sei vor allem Auftragsforschung und Grundlagenforschung prinzipiell nutzlos. Womöglich würden wir uns einen Gefallen tun, wenn wir diese unsägliche Dichotomie aufgeben würden – Schmidt und Mittelstraß könnten ja mal den Anfang machen. In beiden Reden, die mir sehr gut gefallen und deren Lektüre ich empfehle, vermisse ich allerdings Hinweise auf die Rolle der Bildung bei diesem Thema: Die Lösung von Weltproblemen mithilfe von Wissenschaft (Schmidt) und die Wissenschaft als Form der Wissensbildung, als Institution und als Idee und Lebensform (Mittelstraß) haben nur auf der Grundlage einer gebildeten Bevölkerung eine Chance. Bildung als wissenschaftlicher Gegenstand (was leider keiner von beiden thematisiert) und Bildung als Grundlage für Wissenschaft und Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist aus meiner Sicht essenziell. Und auch Verantwortungsübernahme – dem Kern der beiden Reden – erscheint mir ohne Bildung wenig wahrscheinlich.

Von Trends und normativen Folgerungen

Wenn man auf der Suche nach Trends, Meinungen, Texten zu „Micro-Aspekten“ beim Lernen ist, dann wird man nach einer kurzen Suche auf Jochen Robes Blog in der Regel sehr schnell fündig (aktuell etwa hier). Via Jochen Robes bin ich z.B. auf den Blog-Beitrag „Short ist the new long“ gestoßen: Darin wird diskutiert, ob, und wenn ja, warum es beim Lesen und Schreiben (vor allem im Netz) einen Trend zum „immer kürzer und kompakter“ gibt und was eigentlich die Referenz für die Einschätzung von Kürze und Länge ist. Beim Lesen habe ich an einen der letzten Blog-Beiträge von Christian Spannagel denken müssen (hier), in dem er beklagt, dass er nicht mehr dazu kommt, Texte oder gar Bücher ganz zu lesen, dass ein schnelles Überfliegen genügen müsse etc. Gestern saß ich in einer Berufungskommission, in der mal wieder diskutiert wurde, ob das Schreiben eines (langen) Buches minderwertiger sei als das Verfassen eines (kurzen) Zeitschriftenartikels. Dass der Trend „in Richtung kürzer“ geht, scheint sich also zu bestätigen: Wir informieren uns in kürzeren Abständen mit kürzeren Texten, kommunizieren mit weniger Zeichen in kürzerer Zeit, lernen in weniger Schul- und Studienjahren, um uns dann in kleineren Einheiten weiterzubilden (Promotionen, die drei Jahre oder länger dauern, passen da übrigens ganz schlecht ins Bild).

Aber ist das wirklich so? Der besagte Blog-Beitrag setzt sich nicht nur mit der „Verkürzung“, sondern auch mit dem Vorschlag auseinander, dass es auch Gegenbewegungen geben könnte, die wieder die Hoffnung auf Muse für lange Texte, lange Blogbeiträge oder gar Bücher weckt. Wir kennen solche Gegentrendbewegungen alle beim Thema Beschleunigung (die ja mit der Verkürzung Hand in Hand geht): Das nennt man dann „Entschleunigung“ oder auch „Achtsamkeit“ – mehr oder weniger gut dosiert mit einer Prise Esoterik. Manche fühlen sich aber nun schon wieder gestresst vom Diktat der Entspannung (siehe z.B. hier), die zu einem „Muss“ geworden ist, wenn man seine Balance nicht verlieren will. Lange Blogbeiträge, Texte und Bücher als Selbstzweck will aber wohl keiner haben. Der Grund, warum z.B. auch ich nicht allzu oft wirklich lange Texte oder Bücher von vorne bis hinten lese, ist der, dass es (in der jeweiligen Domäne, in der man tätig ist oder die einen interessiert) gar nicht so viele Autor/innen gibt, die wirklich gute, neue und tiefe Gedanken haben UND diese auch so formulieren können, dass man den Text oder das Buch ungern aus der Hand legt.

Es ist also gar nicht so leicht, sich hier einerseits einen fundierten Überblick zu verschaffen (wird wirklich alles kürzer und schneller oder sind wir dafür nur sensibler geworden?) und sich andererseits eine gut begründete Meinung zu bilden (wann sind lange Beiträge kürzeren vorzuziehen, wann werden Dinge auch nur unnötig gestreckt?). Worin ich mir aber relativ sicher bin, ist, dass hier sehr viele normative Anforderungen unterwegs sind – egal in welche Richtung sie gehen: Publiziere viel und gezielt versus publiziere mit Muse und Augenmaß; informiere dich kontinuierlich und halte dich auf dem Laufenden versus schalte und schirme dich von der Informationsüberflutung ab usw.; das Ganze gipfelt dann in der schier unmenschlichen Forderung, immer schön alles in Balance zu halten …. was dann wieder neuen Stress verursacht, weil man es nicht hinbekommt.

Also ich weiß nicht: Vielleicht wäre es besser, wenn man hier jenseits der Trends und expliziten wie impliziten Normen (die darin mitschwingen) mehr Toleranz für individuelle, entwicklungsbedingte und situative begründete Unterschiede hätte. Lassen wir das Lange und Kurze, das Schnelle und Langsame, das Ausgeglichene und Unausgeglichene doch einfach nebeneinander stehen …. Warum sollten wir aus einem beobachtbaren Trend (der vielleicht nur ein vorübergehender ist) gleich eine normative Aufforderung ableiten?

Präsidialer Feudalismus

Nachdem bereits mein letzter Blogbeitrag eine hochschulstrukturelle Thematik hatte (Dekane im Hauptamt?), hat erneut ein Beitrag aus der Zeitschrift Forschung & Lehre meine Aufmerksamkeit auf die Hochschule als Organisation gelenkt. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich im Amt der Studiendekanin, ob ich will oder nicht, dauernd über mehr oder weniger skurrile organisationale Eigenheiten stolpere, bei denen ich mich frage, ob das eigentlich schon immer so war. Nein, so wie es jetzt ist, war es nicht schon immer, und man kann sich auch schwer vorstellen, dass es so bleiben wird. Und genau das macht der Beitrag „Überlebenskritische Fragen zur Struktur von Universitäten. Eine organisationstheoretische Analyse“ sehr schön deutlich. Erfreulicherweise findet man ihn auch online, nämlich hier.

Der Beitrag skizziert organisationstheoretische Erkenntnisse dazu, welches Modell „gestern“ die Unis kennzeichnete, welches wir heute haben und was die Zukunft bringen könnte. Auf den Punkt gebracht kann man sagen: Gestern hatten wir den fakultären Föderalismus, bei dem der Präsident die Rolle des Moderators hatte, die Professoren gleichberechtigte Akteure waren und die Verwaltung als Serviceeinheit diente (oder dienen sollte – wie auch immer). Heute haben wir in der Regel den präsidialen Feudalismus, bei dem der Präsident uneingeschränkter Inhaber der Verfügungsrechte über bestehende Ressourcen ist, die Professoren zwar noch handeln, aber als Untergebene und die Verwaltung vorzugsweise der Unileitung dient. Neben dieses Modell beginnt sich aber bereits ein drittes zu schieben – langsam, aber sicher: der individuumszentrierte Verhandlungsdschungel. Auch Professoren lernen aus Erfahrung und beginnen, sich an die veränderten Wertesysteme anzupassen und Strategien aufzubauen, um sich innerhalb der Feudalherrschaft irgendwie zu behaupten. Der Präsident wird in einer solchen Situation zum Verteidiger der Verfügungsrechte und irgendwann zum Abhängigen vom Engagement der Professoren. Im Ergebnis – so dieses Modell – zerschießt sich dieses Systems selbst, weil die entstehende Komplexität keiner mehr bewältigen kann. Die Zukunft sehen die Autoren im universitären Korporatismus, bei dem der Präsident weder Moderator noch Letztentscheider, sondern Projektpartner ist. In aller Kürze fasst eine Tabelle die Aussagen zusammen.

Also, ob sich dieses letzte Modell wirklich realisieren lässt, kann ich nicht so recht beurteilen. Die anderen drei Modelle aber beschreiben aus meiner Sicht sehr treffend die Entwicklung der Universitäten, so wie ich sie in meinem kleinen persönlichen Ausschnitt der Uni-Landschaft auch erlebe: Insbesondere die Anpassung an die neue Situation seitens der Professoren, die sich die Rolle als abhängige und steuerbare Untergebene nicht mehr gefallen lassen und zu „Unternehmern in eigener Sache“ werden, ist aus meiner Sicht nicht nur zu beobachten, sondern auch eine logische Folge: Immerhin ist die Autonomie der eigenen Arbeit (und genau keine Steuerung von außen oder oben) ein sehr wichtiger Grund für die Entscheidung, Wissenschaftler/Hochschullehrer zu werden. Und dass das auf Dauer in dieser Form nicht gutgehen kann, liegt auch auf der Hand.

Also ich kann den Artikel nur zum Lesen empfehlen: Er ist sehr erhellend. Wollen wir hoffen, dass sich alle Beteiligten ihr „Erwachsenen-Ich“, wie es im Beitrag formuliert ist, wieder zurückerobern. Nebenbei bemerkt war mir gar nicht bewusst, dass die BWL einen solchen Hang zur metaphorischen Sprache hat. 😉

Zügig anpacken

Was ist und macht eigentlich ein Dekan? Die Antwort in Wikipedia lautet: „In Deutschland wird ein Dekan meistens für die Dauer von zwei bis vier Jahren vom Fakultätsrat gewählt. Er erhält eine Reduktion der Lehrverpflichtung. Angesichts der wachsenden Verantwortung und Komplexität der Aufgaben im Management einer Fakultät bzw. eines Fachbereiches wird zunehmend über hauptamtliche Dekane ohne Lehrverpflichtung diskutiert, einige Hochschulgesetze geben diese Möglichkeiten. Die Rechtsbefugnisse des Dekans sind je nach Bundesland und Hochschule unterschiedlich ausgestattet. Im Allgemeinen gehören Personal- und Finanzangelegenheiten dazu.“ Eben diese Personal- und Finanzangelegenheiten werden im Gerangel um knappe Ressourcen immer schwieriger; dazu kommen infolge des Bologna-Prozesses zahlreiche rechtliche und politische Entscheidungen, die es mitzugestalten oder umzusetzen gilt. Logischerweise sind da Fakultäten im Vorteil, die sich durch ihre Disziplinen mit rechtlichen, personellen und finanziellen Fragen von vornherein besser auskennen als andere.

Nun ist bereits die Zeit gekommen, dass über hauptamtliche Dekane nicht mehr nur diskutiert wird. Es gibt sie bereits: In der letzten Ausgabe der ZEIT (05.01.2011) kann man einen Artikel über diese neue Form der Führung von Fakultäten lesen. Dabei wird deutlich, dass die Zahl der Fakultäten wächst, die diesen Weg beschreiten: vor allem diejenigen, die beispielsweise infolge von geräteabhängiger Forschung sehr viele Drittmittel brauchen und einwerben, oder solche, die speziell die Internationalisierung über Forschungsverbünde und -netzwerke vorantreiben wollen. „Der Dekan, der nur Preise verleiht und schöne Reden hält, ist nicht mehr zeitgemäß!“, wird der Direktor des Instituts für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg zitiert, der sich für den hauptberuflich tätigen Dekan stark macht. Der kann entweder selbst aus der Wissenschaft kommen und nun zum Wissenschaftsmanager werden, oder seinen Ursprung im Management haben und sich dann eben auf dem Feld der Wissenschaft betätigen.

Wie soll man das finden? Ich bin da etwas hin- und hergerissen. Richtig ist: Der Aufwand in den Dekanaten wächst. Speziell in geistes-, sozial- und bildungswissenschaftlichen Fakultäten wächst parallel dazu auch die Überforderung, denn es fehlt sowohl an Wissen und Können in diesen Dingen als auch an unterstützendem Personal. Dazu kommt, dass die Kommunikation mit der Verwaltung nicht eben leicht ist – zu unterschiedlich sind die Sprachen, Ziele und Haltungen dieser beiden Welten. Wäre es da nicht eine Erleichterung, wenn man einen hauptamtlichen Dekan hätte? Zumal da es ohnehin immer schwieriger wird, dieses Amt überhaupt zu besetzen. Richtig ist aber auch: Man muss die Besonderheiten der Disziplinen in einer Fakultät kennen, um nicht nur ökonomisch, sondern auch für die Wissenschaften inhaltlich richtige Entscheidungen treffen zu können. Wie soll das jemand können, der aus einer ganz anderen Ecke kommt? Allenfalls könnte ich mir da ehemalige Wissenschaftler vorstellen, die ihre Managementgabe entdeckt haben und nun in diesen Bereich übergehen. Aber werden sich hierzu ausreichend viele kompetente Personen finden? Laut dem genannten ZEIT-Artikel ist man bemüht, für solche Personen die Karrierechancen etwa für die Übernahmen von Leitungspositionen an Universitäten zu erhöhen. So recht kann ich mir das allerdings nicht vorstellen.

Wäre es nicht sinnvoller, die Dekanate mit gut ausgebildeten Fachleuten (nicht nur mit einer Sekretärin und einer Hilfskraft) auszustatten, die die Dekane in allen administrativen Belangen intensiv unterstützen? Profis in Sachen Finanzmanagement sowie Schnittstellenpersonen zwischen Wissenschaft und Verwaltung? Je nach Größe einer Fakultät könnten dies ein, eineinhalb oder zwei Stellen sein, die auch in puncto Bezahlung attraktiv sein müssten, um fähige Personen anzulocken. Dann würde man nicht die Dekane zu Managern machen müssen. Vielmehr würden die Dekanate in Managementdingen professioneller und effizienter werden, ohne dass das Management in wissenschaftsinterne Entscheidungen inkompetent hinein dirigiert.

„Statt langer Debatten im Professorenkollegium werden Änderungen auf einmal zügig angepackt“, so lautet einer der Schlusssätze des ZEIT-Artikels, der pro hauptamtliche Dekane  geschrieben ist – ein klarer Seitenhieb an das Bedürfnis der Fakultäten, ihren Mitgliedern Mitspracherecht zu geben. Genau DAS aber halte ich für keine treffende Folgerung. Man spricht den Fakultäten damit generell die Fähigkeit ab, sich demokratisch UND effizient selbst zu verwalten. Ich kann sie auch nicht ausstehen – die langen und oft fruchtlosen Sitzungen, aber ein „zügig anpackender Manager“, der genauso zügig auch die falschen Entscheidungen treffen kann, ist aus meiner Sicht nicht die Lösung. Wie wäre es mit einer neuen „Sitzungskultur“? Kulturelle Veränderungen im Umgang mit den neuen Herausforderungen und die vorgeschlagene Professionalisierung in den Dekanaten könnten zusammen die „Macht“ in der Hand der Wissenschaften lassen und notwendige Änderungen im Sinne der Universitäten und ihrer Mitglieder (Wissenschaftler bzw. Lehrende und Studierende) vorantreiben.

Wichtiger als Antworten

Zwei Jahre ist es jetzt schon her, als ich kurz vor Weihnachten ein kleine „Weihnachtserlebnis“ mit einem Mädchen im Grundschulalter an der Bahnstation Haunstetter Straße in Augsburg hatte. Ihre Frage „Geht´s hier nach Italien?“ war der Aufhänger für meine kleine Geschichte zu Weihnachten 2008. Das war immerhin eine Frage, die man grundsätzlich beantworten konnte. Komischerweise habe ich in den letzten Tagen viel an eine Kinder-Frage denken müssen, die bereist 15 (!) Jahre zurück liegt – an die Frage eines Zweieinhalbjährigen, auf die ich erst mal keine Antwort wusste: „Wo war die Welt, als ich noch nicht auf der Welt war?“ Diese Frage habe ich nicht vergessen – ich kann sie gar nicht vergessen, und dennoch wundere ich mich, warum sie mir gerade im Moment wieder so häufig durch den Kopf geht. Das Interessante an dieser Frage ist ja, dass sie sich (grammatikalisch) auf die Vergangenheit bezieht und doch (inhaltlich) auf die Zukunft gerichtet ist, nach dem Motto: Ich wüsste gerne, was es vor mir gab, ob es da überhaupt was (ohne mich) gab; aber an sich interessiert mich, was jetzt und in Zukunft ist und welche Rolle ich dabei spielen werde. Aus dem Mund eines Kindes ist es eine Frage, die Zuversicht ausstrahlt: Jetzt bin ICH da und vielleicht verändere ich die Welt. Welche Frage stellt man sich wohl, wenn man vorzeitig und freiwillig wieder aus diesem Leben geht? Fragt man sich: „Wo wird die Welt sein, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin?“ Wahrscheinlich nicht – jedenfalls nicht, wenn man schon drei, vier oder fünf Jahrzehnte gelebt hat, wenn man weiß (oder zu wissen glaubt), wie klein die Rolle ist, die man in der Vergangenheit gespielt hat. Aber vielleicht ist es ja genau nicht so. Vielleicht wandelt man es nur ein wenig ab und fragt sich: „Was macht die Welt, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin?“. Dann würde sich der Fragende womöglich weiter im Mittelpunkt wähnen – aber ohne Zuversicht und ohne Chance, damit (noch) die Welt zu verändern. Gut, da werden mir jetzt gläubige Christen (gerade zu Weihnachten) widersprechen, aber als Anhänger des Humanismus (den ich leider nie auf Formularen finde, die sich neugierig nach meiner Glaubensrichtung erkundigen) kann ich nur in lebende Menschen meine Hoffnung setzen.

„Wo war die Welt, als ich noch nicht auf der Welt war?“ Ich glaube, ich habe damals keine Antwort geben können. Aber das ist womöglich gar nicht wichtig gewesen. Wichtiger als Antworten erscheint mir ohnehin, dass man Kindern und allen, die noch jung genug sind, daran zu glauben, dass sie die Welt verändern können, darin bestärkt, dass dies möglich ist – egal wie klein die Rolle letztlich ist oder sein wird, die man dafür zur Verfügung hat.

Ich wünsche allen (aller Glaubensrichtungen) ein schönes Weihnachtsfest. Ich melde mich wieder im neuen Jahr 2011.

S-Bahn-Grübeleien

Nächste Woche ist „Trimsterende“. Noch habe ich mich mental nicht so richtig auf die Trimesterstruktur eingestellt. Nahtlos geht es im neuen Jahr ins Wintertrimester und im Anschluss daran sofort ins Frühjahrstrimester. Das bedingt auch für mich neue Vorbereitungsverfahren. Unser Doktorandenkolloquium habe ich da ein wenig angepasst: Da haben wir nun den Herbstzyklus beendet und beginnen wieder im April. Letzte Woche war daher auch unser letzter Writers´ Workshop. Eine allererste Bilanz findet sich hier; im neuen Jahr werden wir die Evaluationsergebnisse auswerten und mehr sagen können.

Am Ende eines Doktorandenkolloquiums geht mir immer einiges durch den Kopf: was gelungen war, was nicht so, was ich hätte besser machen können, was sich als schwierig bei der Betreuung herausgestellt hat und woran das liegt etc. Das Ergebnis der diesjährigen Grübelei (die sich vorrangig in der S-Bahn abspielt ;-)) ist eine recht generelle Überlegung zur Heterogenität von Doktorandengruppen – jedenfalls wie ich sie erlebe. Diese Überlegung habe ich in Form einer „Doktoranden-Matrix“ versucht, deutlich zu machen, was ich an dieser Stelle gerne öffentlich zur Diskussion stelle. Vielleicht gibt es ja weitere Meinungen und Erfahrungen von „Doktorvätern und -müttern“, die helfen könnten, diesen Punkt (es ist nur ein Ausgnagspunkt!) weiterzudenken.

Doktoranden-Matrix

Nachtrag (20.12.2010): Natürlich freue ich mich auch über die Meinungen und Erfahrungen von Doktoranden, die sich beim Kommentieren in der Regel leichter tun als Professoren (von einigen Ausnahmen einmal abgesehen) 😉

Dokumentierte Spinnerei

Was hat die Hochschulrektorenkonferenz mit dem Web 2.0 zu tun? Nichts, werden die meisten sagen. Sie hat die „neuen“ (schon langsam in die Jahre kommenden) Entwicklungen des Internets und diverser Anwendungen zur Kenntnis genommen, werden andere entgegnen, nämlich die, die (wie z.B. Mandy) bereits auf die „HRK-Handreichung Herausforderung Web 2.0“ gestoßen sind (hier online). Die Handreichung ist (ich nehme mal an dank einiger Experten, die da auch namentlich genannt werden und hinzugezogen wurden) als ein kompakter Überblick aus meiner Sicht ganz gut geeignet, wenn sich jemand erstmals über Nutzungsszenarien von Web 2.0-Anwendungen in der Hochschule informieren will. Das wird verständlich und mit ausgewählten Beispielen auch relativ anschaulich gemacht.

Ähnlich wie Mandy finde ich es grundsätzlich gut und begrüßenswert, dass das Thema überhaupt aufgegriffen wird. Allerdings besteht ein wenig die Gefahr, dass es eine dokumentierte Sammlung von ein paar Spinnern bleibt, die offenbar zu viel Zeit haben, dass sie sich mit solchen Spielereien beschäftigen. Das nämlich ist durchaus eine Facette in der (teil-)öffentlichen Wahrnehmung von Personen/Lehrenden, die versuchen, die immer wieder neu sich verbreitenden Software-Anwendungen verschiedenster Art auszuprobieren und in Wissenschaft und Lehre nutzbar zu machen. Sinnvoller wäre es mir erschienen, im Kontext von Qualität in Lehre, Forschung und übrigens auch Verwaltung(!) die Frage zu stellen, ob und wenn ja, wie Web 2.0-Anwendungen hierbei eine Rolle spielen können. Ansonsten besteht nämlich wieder mal die Gefahr, dass man ausgehend von einer neuen Technologie verkrampft danach sucht, wo man die denn jetzt einsetzen könnte, statt ausgehend von einem Problem oder einer Herausforderung nach geeigneten Lösungen und dazu brauchbaren Werkzeugen Ausschau zu halten. Es geht ja letztlich, so meine ich, NICHT darum, wie man das Web 2.0 in die Hochschulen bringt (so wie jede größere Firma erst in Second Life und dann in Facebook vertreten sein wollte). Eher geht es darum, wie wir künftig die immensen Anforderungen bewältigen, die auf uns zukommen:

Wie motivieren wir die Studierenden für ein selbstverantwortliches Studieren trotz faktisch gestiegener Vorgaben im Bachelor? Wie vermitteln wie den Nutzen wissenschaftlichen Denkens und Handelns für die Persönlichkeit, den Beruf und die Gesellschaft trotz anhaltender Ökonomisierung allen Tuns? Wie kann es uns gelingen, Forschung und Lehre zusammenzubringen trotz der immer noch vorherrschenden Dominanz der Forschung für Wissenschaftlerkarrieren? Und, und, und … Das Web 2.0 löst diese Probleme nicht für uns. Ich bezweifle auch zunehmend flächendeckende Chancen der Web 2.0-Nutzung in der Lehre, weil die Voraussetzungen oft fehlen. Dennoch empfinde ich die heute verfügbaren Web 2.0-Anwendungen als eine herausragende Bereicherung – unter anderem dafür, dass völlig neue Informations-, Kommunikations- und Lernkulturen entstehen können. Da verändert sich der Umgang mit Information, die Artikulation und Verbreitung von Meinungen, der Dialog und die Sicht auf „Experten“, da können sich Machtverhältnisse verschieben und neue Einflusskräfte entwickeln etc. Und da frage ich mich jetzt schon: Wie viel kulturellen Wandel verträgt eine Institution wie die HRK?

Kompetenzen auf dem Papier

Gestern habe ich im Zug mehrere Artikel zum Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) in der aktuellen Ausgabe von Forschung und Lehre gelesen. In den DQR sollen sämtliche Ausbildungsberufe und Studiengänge eingeordnet werden. Im Hintergrund steht der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR), der eine Empfehlung, aber nicht rechtsverbindlich ist (Erläuterung dazu hier). Der DQR soll die Transparenz im Ausbildungssystem verbessern, langfristig auch die Ergebnisse informellen Lernens einbeziehen und gleichzeitig die Durchlässigkeit einzelner Bildungsinstitutionen erhöhen. Und wie im Zusammenhang mit der Bologna-Reform im Hochschulbereich liest man hier, dass statt einer Input-Orientierung die Output-Orientierung zu gelten hat. Das heißt: Kompetenzen zählen, egal wo wie und in welchem Zeitraum man diese erworben hat. Es gilt das Prinzip der „Gleichwertigkeit“, nicht der „Gleichartigkeit“, sodass die in der beruflichen Bildung erworbenen Kompetenzen und die akademisch erworbenen Kompetenzen auf der glichen Niveaustufe stehen können (sollen).

Ich habe da ja zunehmend meine Zweifel, wie das gehen soll. Diesen Zweifeln liegen mehrere Überlegungen zugrunde.

Punkt 1: Ich kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass und wie „gleichwertige Ergebnisse“ völlig unabhängig von Inhalten und Kontexten zustande kommen. Wie soll ich mir das denn vorstellen, dass jemand in seiner beruflichen Ausbildung etwa zum Einzelhandelskaufmann Wissen erwirbt, die „gleichwertig“ etwa zu genuin wissenschaftlichen Kompetenzen eines Bachelor-Absolventen an der Universität sind? Was genau ist da „gleichwertig“? Gleichwertigkeit im Sinne einer gesellschaftlichen Anerkennung individueller Potenziale und Expertisen – ja, da in ich dabei. Aber ist das nicht etwas anderes als eine vergleichbare Ausgangsbasis für eine weitere wissenschaftliche Qualifizierung (z.B. für einen Master)?

Punkt 2: Es klingt ja verlockend zu hören, dass zählt, was man weiß und kann und nicht das, was einem jemand etwa allein via Anwesenheit auf einem Schein bestätigt hat. Wo aber bleiben dann die Assessment-Verfahren, die genau das feststellen helfen? Wer soll diese anbieten und durchführen? Und wenn das massenhaft geschieht, dann dürfte doch wohl klar sein, dass man auf simple Prüfverfahren zurückgreift, die kaum etwas mit dem zu tun haben werden, was einem vorschwebt, wenn man an „Handlungskompetenz“ denkt. Verschiebt man nicht also das Problem und auf Kosten welcher Personengruppen wird das gehen? Wieso ist das kaum ein Thema in der Diskussion zum DQR?

Punkt 3: Wenn ich lese, wie man laut den Richtlinien des DQR beispielsweise ein Modulhandbuch eines Bachelorstudiengangs den insgesamt acht Niveaustufen sowie den Kategorien „Wissen“, „Fertigkeiten“, „Selbstkompetenz“ und „Sozialkompetenz“ zuordnen soll und welche tollen Tabellen dabei herauskommen, frage ich mich, ob man da nicht durch die Hintertür nur eine neue Input-Orientierung kreiert. Denn was bitte haben die Ziele und Pläne in einem Studiengang wirklich mit dem zu tun, was letztlich herauskommt? Bei so einem Verfahren produziert man letztlich aus Papier neues Papier, man arbeitet mit Kompetenzen auf dem Papier, aber nicht mit tatsächlich erworbenen. Wo also ist eigentlich der große Gewinn im Vergleich zu alten Curricula?

Politiker sowie Vertreter der Hochschulrektorenkonferenz und des Wissenschaftsrats äußern sich dennoch begeistert über den DQR – meist mit Verweis auf die ökonomischen (!) Vorteile (auch dazu eine Gegenüberstellung verschiedener Meinungen in Forschung und Lehre). Allein der Präsident des Deutschen Hochschulverbands mag in die Euphorie nicht einstimmen und kommt zu dem sinnigen Schluss: „Dem Aufwand steht kein gleichwertiger Nutzen gegenüber“.

Männer unter sich

Andrea Back hat mich auf einen sehr interessanten Text bzw. auf ein Memorandum vom September 2010 aufmerksam gemacht, in dem sich führende Wirtschaftsinformatiker aus Deutschland für eine „gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik“ stark machen. An anderer Stelle in diesem Blog (hier) habe ich bereits auf einige aus meiner Sicht bestehende Parallelen in der methodischen und wissenschaftstheoretischen Diskussion zwischen der Wirtschaftsinformatik einerseits und den Bildungswissenschaften, speziell der Mediendidaktik andererseits hingewiesen. Das Memorandum ist erfreulicherweise online (nämlich hier) zugänglich.

Ausgangspunkt des Papiers ist die aktuelle Entwicklung in der Wirtschaftsinformatik, die sich „von einer innovativ gestaltenden zu einer beschreibenden Disziplin entwickelt“. Grund sind die im englischsprachigen Bereich vorherrschenden Forschungsstrategien, die im weitesten Sinne experimentell und quantitativ ausgerichtet sind. Da auch in der Wirtschaftsinformatik Internationalität gefragt ist und entsprechend englischsprachige Zeitschriften im Fokus des Interesses von Forschern stehen, passen sich diese den dort gesetzten Normen an. Gerade bei dieser Skizze der Ausgangslage und aktuellen Entwicklung sind die Parallelen zur Bildungswissenschaft sehr deutlich zu erkennen – da könnte man einfach ein paar Worte austauschen und schon würde es auch für unsere Disziplin gelten.

Im weiteren Verlauf wird deutlich gemacht, dass es nicht darum gehe, eine gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik in den Vordergrund zu stellen, sondern ein Verdrängen derselben zu verhindern und einen Methodenpluralismus anzustreben und zu praktizieren. Als Erkenntnisziele werden sowohl die „Entdeckung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen“ als auch „Handlungsanleitungen (normative, praktisch verwendbare Ziel-Mittel-Aussagen)“ genannt. Auch das lässt sich fast schon eins-zu-eins in die Bildungswissenschaft übertragen. Allerdings vertrete ich persönlich die Meinung, dass auch Entwicklungsarbeiten unter bestimmten Bedingungen einen grundlagenorientierten Erkenntniswert haben können.

Am Ende des Memorandums wird versucht, gewisse Prinzipien man könnte vielleicht auch sagen: erste, grobe Standards, zu formulieren, die jede Form von Forschung in der Wirtschaftsinformatik, auch die gestaltungsorientierte, einhalten muss: Abstraktion, Originalität, Begründung und Nutzen (das habe ich schon mal in Ulrich Franks Texten gelesen, der auch zu den Autoren gehört). Unter anderem heißt es dann noch: „Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich mit der Gestaltung soziotechnischer Systeme und hat es daher mit einer sehr große Zahl von Faktoren zu tun, die deterministische Lösungen weitgehend ausschließt. Artefakte der Wirtschaftsinformatik sind selten (formal) beweisbar, sondern basieren darauf, dass sie von Experten, die den Stand der Wissenschaft und Praxis kennen, anhand der vorgelegten Begründung oder auf Basis ihrer Implementierung … akzeptiert werden“. Wenn das schon der Wirtschaftsinformatiker sagen kann, wie viele Argumente hätte dann der Bildungswissenschaftler für einen Methodenpluralismus einschließlich gestaltungsorientierter Strategien?

Ich finde, wir bräuchten auch so ein Memorandum, oder?

Nebenbei sei noch bemerkt: Auffällig ist, dass unter den insgesamt zehn Autoren keine einzige Frau ist – gibt es die nicht in der Wirtschaftsinformatik oder haben sie nichts zu sagen? 😉

Über den eigenen Tellerrand blicken

In diesem Herbst/Winter ist unser Doktorandenkolloquium relativ variantenreich: drei Writers´ Workshops (siehe z.B. hier), von denen noch einer (in zwei Wochen) aussteht, ein „normaler“ Termin mit der Vorstellung erster Dissertationsideen von angehenden Doktoranden sowie zwei Workshops mit externen Gästen. Gestern war der zweite dieser Workshops, der unter dem Thema „Tutoring-Coaching-Mentoring an Hochschulen“ stand – natürlich auch mit Bezug zur Nutzung digitaler Medien (siehe auch hier). Den Einstieg machten drei Kurzpräsentationen zur Klärung der Begriffe Tutoring, Coaching und Mentoring, was Hannah, Marianne und Silvia übernommen haben. Im Anschluss daran durften wir unsere Gast Marc Egloffstein begrüßen, der seine Forschungsarbeiten zum mediengestützten Tutoring im Rahmen eines Kurses zum wissenschaftlichen Arbeiten an der Hochschule vorstellte. In Kleingruppen haben wir dann im zweiten Teil des Kolloquiums theoretische, praktische und empirische Aspekte speziell von Tutoring und Coaching im Rahmen der Hochschule diskutiert.

Mich persönlich haben gestern vor allem praktische und empirische Fragen bewegt:

Praktisch habe ich mir schon des Öfteren die Frage gestellt, was man eigentlich alles an studentische Tutoren delegieren kann und was nicht, wer ein Tutor sein kann und welche Unterstützung nötig ist u. ä. Ob es immer so gut ist, gerade Themen wie wissenschaftliches Arbeiten im ersten Studienabschnitt fast ausschließlich in die Hände studentischer Tutoren zu legen, bezweifle ich. Meist werden organisatorische Gründe angeführt (zu viele Studierende), aber auch Statusgründe (Profs kümmern sich allenfalls um die Absolventen in Sachen wissenschaftliches Arbeiten). Ob das wirklich sinnvoll ist? Dazu kommt, dass man wohl, so meine Überlegung, Methodenlehre und wissenschaftliches Arbeiten (im Sinne einer wissenschaftlichen Haltung sowie wissenschaftlichen Denkens und Handelns) besser verknüpfen, aufwerten und anders organisieren müsste. Tutoren sollten da eingebunden werden, aber eben „eingebunden“ und nicht alleinig beauftragt.

Empirisch sind es immer wieder ähnliche Fragen, bei denen ich hängen bleibe. Speziell bei der Forschung zum Lernen und Lernen ist mir gestern nochmal aufgefallen, dass man mehr darüber nachdenken müsste, inwieweit Erhebungen auch Interventionen sind (z.B. Interventionen zur Anregung von Reflexion), ob man das als „Störproblem“ interpretieren oder auch mal anders nutzen könnte. Außerdem haben wir ein bisschen über die Dominanz von Befragungen auf unserem Gebiet diskutiert, wofür es viele gute Gegenargumente gäbe, und wir sind mal wieder bei der Frage gelandet, wie sinnvoll die Übernahme einer eher naturwissenschaftlichen Forschungsauffassung für die Bildungswissenschaften sind.

Fazit: Ich stelle immer wieder fest, dass es eine große Bereicherung ist, Gäste im Kolloquium zu haben, die auch einen aktiven Beitrag leisten, mit uns diskutieren und über diesen Weg dabei helfen, dass man ab und zu über den Tellerrand der eigenen Gruppe blickt. Ich hoffe sehr, dass wir das im nächsten Kolloquiumszyklus (April bis Juni 2011) fortsetzen können.