Ein Vorsatz für das neue Jahr? Wie wäre es mit Gewissenhaftigkeit?

Unter welchen Bedingungen ist man im Studium erfolgreich? Nein, es ist nicht die Herkunft, es ist nicht die Begabung, und es ist nicht die investierte Zeit an sich, die hier ausschlaggebend ist. Auch moderne Leitbilder wie die soziale Kompetenz, Kreativität und ähnliches scheinen beim Thema Studienerfolg nicht sonderlich wichtig zu sein. Wirklich entscheidend sind Merkmale, die sehr nach sogenannten Sekundärtugenden klingen, nämlich Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und vor allem Gewissenhaftigkeit – genau: Gewissenhaftigkeit und die setzt sich (so jedenfalls die Theorie) aus Ordentlichkeit, Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit zusammen.

Rolf Schulmeister hat auf der Basis seiner ZEITLast-Studie nun schon mehrfach mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass der Arbeitsaufwand, der theoretisch (!) hinter vergebenen Credit Points steckt (nämlich ca. 25 Stunden pro Credit Point), zum einen höchst unterschiedlich ist, wenn man Studiengänge, aber auch einzelne Studierende miteinander vergleicht, und sich zum anderen nicht als sonderlich relevant für den Studienerfolg herausstellt.

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Außenseiterspinnerei?

François Bry, Informatik-Professor an der LMU München, schreibt hier in seinem Blog, dass er oft gefragt werde, warum Professoren in ihren eigenen Kontexten nichts tun – und zwar gegen z.B. Belastungen am Arbeitsplatz, die woanders unvorstellbar wären, gegen anachronistische Verwaltungsabläufe, gegen fragliche Bildungsreformen usw. Seine Antwort: Professoren seien ganz normale Menschen: „Erstens bilden sie keine homogene Gruppe. Unter Professoren sind sich die meisten Meinungen und Vorstellungen vertreten, die in der Gesellschaft zu finden sind. Zweitens sind Fachexperten nicht unbedingt in allem schlau (Anm.: hier habe ich im Zitat den Satz korrigiert). Drittens fehlt Professoren meist die Zeit: Der Arbeitsdruck eines Professors ist sehr groß. Er ist auch in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Viertens werden Professoren nicht so gehört, wie viele annehmen.“

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Gespannt auf den Austausch

Heute bin ich an der PH Zürich. Eingeladen hat mich Peter Tremp, der mich über mehrere Jahre hinweg an der Uni Zürich immer wieder in sein hochschuldidaktisches Weiterbildungsprogramm als Referentin aufgenommen hat. Ich habe damals eine Menge gelernt: Weiterbildung unterscheidet sich schon stark von der grundständigen Lehre, und mit den da artikulierten Anforderungen umzugehen, muss man auch erst einmal lernen. Jetzt bin ich nach längerer Zeit endlich mal wieder in Zürich. Das Thema passt gerade hervorragend: Es geht um das forschende Lernen bzw. genauer: um die Beziehung zwischen Forschungs- und Berufsorientierung. Hier das Programm der Veranstaltung. Meinen Beitrag lehne ich an meine Ausführungen zur forschungsorientierte Lehre an, den ich Mitte Oktober auch hier gepostet habe. Passend dazu habe ich gestern im Zug eine neue Ausgabe der Zeitschrift „Personal- und Organisationsentwicklung in Einrichtungen der Lehre und Forschung“ angelesen (hier zumindest das Inhaltsverzeichnis). Dass das forschende Lernen in den letzten Jahren wieder so stark aufgegriffen worden ist, wurde höchste Zeit. Allerdings ist und bleibt die Umsetzung eine besondere Herausforderung. Ich bin jedenfalls gespannt auf den Austausch.

HRK-Highlight des Jahres

Bologna und die HRK – eine nicht immer ganz harmonische Verbindung, aber in der aktuellen Empfehlung Europäische Studienreform ist man trotz kritischer Hinweise um ein klares Ja zu Bologna und um Lob für das bisher Erreichte bemüht. So steht gleich im ersten Abschnitt „Die HRK unterstreicht, dass die deutschen Hochschulen seit Beginn des Bologna-Prozesses enorme Reformleistungen erbracht haben“. Trotzdem, so die Kritik, würden die bestehenden Spielräume zu wenig genutzt und Bürokratie und Detailsteuerung unnötig einengen. Mantra-artig wird die zu geringe Mobilität beklagt, was ich einerseits nachvollziehen kann; andererseits vermisse ich es, dass man sich auch um den Zweck von Mobilität etwas mehr Gedanken macht und darum, wie man Erfahrungen aus seinen „mobilen Phasen“ eigentlich sinnvoll in die Bildungsbiografie integrieren kann (und wie man das unterstützen müsste). Beklagt wird, dass immer noch die konsekutive Anordnung von Bachelor- und Masterprogrammen dominiert. Wundern sollte einen das allerdings nicht, nachdem fast überall dreijährige Bachelorprogramme aufgesetzt wurden – meist durchorganisiert und vollgestopft mit zusätzlichen Auslands- und Praxisanforderungen. Was ist das für ein Studium – zumal an Universitäten? Ich finde das nachvollziehbar, dass Studierend da im Anschluss den Master machen, sich vielleicht mal in etwas vertiefen wollen etc. Lehrende präferieren für ihre Lehrtätigkeit häufig auch den Master, wenn man sie wählen lässt … in der Hoffnung, sich dann mehr auf Wissenschaft in IHREM Sinne konzentrieren zu können. Ich kann es bis zu einem gewissen Grad gut verstehen.

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Anti-MOOC als neuer pädagogischer Common Sense?

Welche Wellen – Euphorie und Untergangsstimmung im raschen Wechsel: Die Rede ist mal wieder von MOOCs, was leider inzwischen bei vielen reflexartig eine Gleichsetzung mit allen Formen des Einsatzes digitaler Medien in der Lehre auslöst. Und letzteres ist WIRKLICH ein Problem!

Inzwischen steht die Welle auf Kritik – Anti-MOOC statt MOOC: Dazu gibt es Lesenswertes, z.B. das von Rolf Schulmeister herausgegebene Buch „MOOCs: Offene Bildung oder Geschäftsmodell“, das erfreulicherweise hier offen (!) zugänglich ist. Ich habe erst den Einführungsbeitrag gelesen, aber den kann ich schon mal empfehlen. Und dann gibt es FAZ-Artikel wie diesen (hier), der ebenfalls durchaus berechtigte Kritik äußert, das aber zum einen – wie oben angedeutet – ziemlich undifferenziert mit allen anderen Formen mediengestützter Lehre vermengt und zum anderen auch in den größeren Kontext der Bürokratisierung einordnet:

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Gestaltungsorientierung hoch zwei

Gleich zwei Texte zur Gestaltungsorientierung in der Bildungsforschung liegen aktuell auf meinem Schreibtisch: Zum einen das kürzlich (also 2013) erschienene Buch von Gerhard Tulodziecki, Silke Grafe und Bardo Herzig (Titel: Gestaltungsorientierte Bildungsforschung und Didaktik. Theorie – Empirie – Praxis) und zum anderen ein Preprint (online hier) von Annabell Preußler, Michael Kerres und Mandy Schiefner-Rohs mit dem Titel „Gestaltungsorientierung in der Mediendidaktik: Methodologische Implikationen und Perspektiven“ (erscheint im Jahrbuch Medienpädagogik 10).

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Menschen, die nicht so gerne reisen

Es soll ja Menschen geben, die nicht so wahnsinnig gerne reisen, vor allem nicht gerne in ferne Länder. Ich gehöre zu diesen Menschen, die wahrscheinlich in der Minderheit sind. Umso besser, dass es andere gibt, die das gerne machen und dann wichtige Eindrücke mit nach Hause bringen UND sie auch noch teilen. Eine solche Reise hat Sandra gemacht, die seit gestern ebenfalls an der Zeppelin Universität (ZU) ist (jetzt darf man das ja sagen, nachdem Sandra es selber gepostet hat, nämlich hier :-)). Und für die ZU war sie in der letzten September-Woche auf Expertenreise – eine Reise der Fulbright-Kommission und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Wer wollte, konnte ihre Erkenntnisse und Erfahrungen im Blog mit verfolgen. Mir hat das sehr gut gefallen, dass Sandra nicht nur einen Rückblick verfasst, sondern jeden Tag kurz skizziert und die Eindrücke damit (noch ganz frisch im Gedächtnis) sukzessive mit ihren Lesern geteilt hat: von der Abreise (hier und hier) über den ersten, zweiten, dritten, vierten bis zum fünften Tag.

Die Blogposts beschreiben, was man sich zwar, wenn man die Literatur einigermaßen verfolgt und einige Online-Nachrichten und Blogs ein wenig quer liest, in groben Zügen denken kann – aber doch immer zweifelnd, wie weit diese Vermutungen tragen. Sandras Reisebericht nun skizziert, dass in den USA mehr und systematischer in digitale Bildungsmedien und deren Nutzung investiert, aber letztlich „auch nur mit Wasser gekocht“ wird, inwiefern man sich in Europa, aber auch in Deutschland, mit den bestehenden mediendidaktischen Aktivitäten keineswegs verstecken muss, dass es bisweilen oberflächliche Euphorie und ebenso differenzierte Auseinandersetzungen gibt etc.  Danke dafür!

Zum Nachmachen

Via e-teaching.org bin ich auf die Online-Zeitschrift „MOOCs Forum“ aufmerksam geworden. Es gibt nun die erste Ausgabe, die u. a. eine „Roundtable Discussion“ zu der These beinhaltet: „MOOCs werden die Bildung weltweit demokratisieren“. Zu Wort melden sich Jack Wilson, ehemaliger Präsident der University of Massachusetts, Andrew Ng, Direktor des Standford Artifical Lab und Mitbegründer von Coursera, sowie Peter Sloep, Direktor des Learning Network am Center for Learning Sciences and Technology, Heerlen, aus den Niederlanden.

Es lohnt sich durchaus, die drei sehr unterschiedlichen Einschätzungen zu lesen. Es ist nicht schwer zu erraten, dass Andrew Ng die oben formulierte These bejaht. Die beiden anderen glauben nicht, dass von MOOCs eine Welle der Bildungsdemokratisierung ausgeht, wobei ohnehin zu klären wäre, was man darunter genau verstehen will. Interessante Aspekte enthält aus meiner Sicht vor allem das Statement von Peter Sloep. So stellt er beispielsweise fest:„In MOOCs that are funded by venture capital (i.e., Coursera, Usacity), decisions are made by the investors for whom returns on investment are key concern, not people´s hopes and dreams. And even in MOOCs such as Harvard and MIT´s edX, funded by donations, influence may be granted as a token of goodwill but not as a right”. Dabei nimmt Sloep Argumente von Ng auf und entkräftet sie sinnvoll, wie ich finde.

Das ist ja immerhin ein gelungener Auftakt mit verschiedenen Perspektiven, die zum Nachdenken … und Nachmachen (!) anregen.

Achtungserfolg für MOOCs

Nichts sensationell Neues – das stellt auch Jochen Robes fest – steckt im aktuellen Bericht des MMB-Instituts für Medien- und Kompetenzforschung, die jährlich eine Expertenbefragung zum Einsatz digitaler Medien in der Weiterbildung durchführt.

Ich habe jedes Jahr erneut Probleme mit diesen „Vorhersagen“ und ich möchte mich künftig auch nicht mehr daran beteiligen: zum einen weil ich aus meiner Sicht inzwischen zu wenig praktische Erfahrung auf dem Weiterbildungssektor habe, zum anderen weil der Grundgedanke, eine Entwicklung in der Zukunft einzuschätzen einfach schwierig und vom Ergebnis wenig erhellend ist. Woran macht man seine Einschätzung fest? Und wer stellt sicher, dass die Befragten nicht doch eher das angeben, was sie sich wünschen, und weniger das, was sie begründet für wahrscheinlich halten? Sinnvoller wären daher aus meiner Sicht, wenn man danach fragen würde, was man aus welchen Gründen für wünschenswert hält und ob man sich dafür (in welcher Weise) einsetzen möchte. Das hätte dann etwas mit Veränderung und Gestaltung von Entwicklung zu tun.

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Wegklicken – innehalten – Bildungsindustrie?

Angeregt über einen Blog-Post von Jochen Robes habe ich in der SZ online einen kleinen Bericht aus dem Bereich „digitale Bildung“ (hier) von Pascal Paukner gelesen. „Die digitale Bildung wird … von der technologischen Entwicklung überholt“ – so heißt es im Teaser. Ich hatte den Text kurz überflogen, als uninteressant eingestuft, weggeklickt und dann doch kurz innegehalten. Warum? Weil mir plötzlich auffiel, wie sehr man sich schon daran gewöhnt hat, dass Bildung – oder genauer: die angebliche Zukunft der „digitalen Bildung“ – in einem Atemzug mit der Medien- und Musikindustrie genannt wird (wie auch wieder im besagten Artikel). Denkt man das zu Ende, müsste man auch von einer „Bildungsindustrie“ sprechen.

Was sagt Wikipedia zum Begriff der Industrie? „Wegklicken – innehalten – Bildungsindustrie?“ weiterlesen