Dokumentierte Spinnerei

Was hat die Hochschulrektorenkonferenz mit dem Web 2.0 zu tun? Nichts, werden die meisten sagen. Sie hat die „neuen“ (schon langsam in die Jahre kommenden) Entwicklungen des Internets und diverser Anwendungen zur Kenntnis genommen, werden andere entgegnen, nämlich die, die (wie z.B. Mandy) bereits auf die „HRK-Handreichung Herausforderung Web 2.0“ gestoßen sind (hier online). Die Handreichung ist (ich nehme mal an dank einiger Experten, die da auch namentlich genannt werden und hinzugezogen wurden) als ein kompakter Überblick aus meiner Sicht ganz gut geeignet, wenn sich jemand erstmals über Nutzungsszenarien von Web 2.0-Anwendungen in der Hochschule informieren will. Das wird verständlich und mit ausgewählten Beispielen auch relativ anschaulich gemacht.

Ähnlich wie Mandy finde ich es grundsätzlich gut und begrüßenswert, dass das Thema überhaupt aufgegriffen wird. Allerdings besteht ein wenig die Gefahr, dass es eine dokumentierte Sammlung von ein paar Spinnern bleibt, die offenbar zu viel Zeit haben, dass sie sich mit solchen Spielereien beschäftigen. Das nämlich ist durchaus eine Facette in der (teil-)öffentlichen Wahrnehmung von Personen/Lehrenden, die versuchen, die immer wieder neu sich verbreitenden Software-Anwendungen verschiedenster Art auszuprobieren und in Wissenschaft und Lehre nutzbar zu machen. Sinnvoller wäre es mir erschienen, im Kontext von Qualität in Lehre, Forschung und übrigens auch Verwaltung(!) die Frage zu stellen, ob und wenn ja, wie Web 2.0-Anwendungen hierbei eine Rolle spielen können. Ansonsten besteht nämlich wieder mal die Gefahr, dass man ausgehend von einer neuen Technologie verkrampft danach sucht, wo man die denn jetzt einsetzen könnte, statt ausgehend von einem Problem oder einer Herausforderung nach geeigneten Lösungen und dazu brauchbaren Werkzeugen Ausschau zu halten. Es geht ja letztlich, so meine ich, NICHT darum, wie man das Web 2.0 in die Hochschulen bringt (so wie jede größere Firma erst in Second Life und dann in Facebook vertreten sein wollte). Eher geht es darum, wie wir künftig die immensen Anforderungen bewältigen, die auf uns zukommen:

Wie motivieren wir die Studierenden für ein selbstverantwortliches Studieren trotz faktisch gestiegener Vorgaben im Bachelor? Wie vermitteln wie den Nutzen wissenschaftlichen Denkens und Handelns für die Persönlichkeit, den Beruf und die Gesellschaft trotz anhaltender Ökonomisierung allen Tuns? Wie kann es uns gelingen, Forschung und Lehre zusammenzubringen trotz der immer noch vorherrschenden Dominanz der Forschung für Wissenschaftlerkarrieren? Und, und, und … Das Web 2.0 löst diese Probleme nicht für uns. Ich bezweifle auch zunehmend flächendeckende Chancen der Web 2.0-Nutzung in der Lehre, weil die Voraussetzungen oft fehlen. Dennoch empfinde ich die heute verfügbaren Web 2.0-Anwendungen als eine herausragende Bereicherung – unter anderem dafür, dass völlig neue Informations-, Kommunikations- und Lernkulturen entstehen können. Da verändert sich der Umgang mit Information, die Artikulation und Verbreitung von Meinungen, der Dialog und die Sicht auf „Experten“, da können sich Machtverhältnisse verschieben und neue Einflusskräfte entwickeln etc. Und da frage ich mich jetzt schon: Wie viel kulturellen Wandel verträgt eine Institution wie die HRK?

Kompetenzen auf dem Papier

Gestern habe ich im Zug mehrere Artikel zum Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) in der aktuellen Ausgabe von Forschung und Lehre gelesen. In den DQR sollen sämtliche Ausbildungsberufe und Studiengänge eingeordnet werden. Im Hintergrund steht der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR), der eine Empfehlung, aber nicht rechtsverbindlich ist (Erläuterung dazu hier). Der DQR soll die Transparenz im Ausbildungssystem verbessern, langfristig auch die Ergebnisse informellen Lernens einbeziehen und gleichzeitig die Durchlässigkeit einzelner Bildungsinstitutionen erhöhen. Und wie im Zusammenhang mit der Bologna-Reform im Hochschulbereich liest man hier, dass statt einer Input-Orientierung die Output-Orientierung zu gelten hat. Das heißt: Kompetenzen zählen, egal wo wie und in welchem Zeitraum man diese erworben hat. Es gilt das Prinzip der „Gleichwertigkeit“, nicht der „Gleichartigkeit“, sodass die in der beruflichen Bildung erworbenen Kompetenzen und die akademisch erworbenen Kompetenzen auf der glichen Niveaustufe stehen können (sollen).

Ich habe da ja zunehmend meine Zweifel, wie das gehen soll. Diesen Zweifeln liegen mehrere Überlegungen zugrunde.

Punkt 1: Ich kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass und wie „gleichwertige Ergebnisse“ völlig unabhängig von Inhalten und Kontexten zustande kommen. Wie soll ich mir das denn vorstellen, dass jemand in seiner beruflichen Ausbildung etwa zum Einzelhandelskaufmann Wissen erwirbt, die „gleichwertig“ etwa zu genuin wissenschaftlichen Kompetenzen eines Bachelor-Absolventen an der Universität sind? Was genau ist da „gleichwertig“? Gleichwertigkeit im Sinne einer gesellschaftlichen Anerkennung individueller Potenziale und Expertisen – ja, da in ich dabei. Aber ist das nicht etwas anderes als eine vergleichbare Ausgangsbasis für eine weitere wissenschaftliche Qualifizierung (z.B. für einen Master)?

Punkt 2: Es klingt ja verlockend zu hören, dass zählt, was man weiß und kann und nicht das, was einem jemand etwa allein via Anwesenheit auf einem Schein bestätigt hat. Wo aber bleiben dann die Assessment-Verfahren, die genau das feststellen helfen? Wer soll diese anbieten und durchführen? Und wenn das massenhaft geschieht, dann dürfte doch wohl klar sein, dass man auf simple Prüfverfahren zurückgreift, die kaum etwas mit dem zu tun haben werden, was einem vorschwebt, wenn man an „Handlungskompetenz“ denkt. Verschiebt man nicht also das Problem und auf Kosten welcher Personengruppen wird das gehen? Wieso ist das kaum ein Thema in der Diskussion zum DQR?

Punkt 3: Wenn ich lese, wie man laut den Richtlinien des DQR beispielsweise ein Modulhandbuch eines Bachelorstudiengangs den insgesamt acht Niveaustufen sowie den Kategorien „Wissen“, „Fertigkeiten“, „Selbstkompetenz“ und „Sozialkompetenz“ zuordnen soll und welche tollen Tabellen dabei herauskommen, frage ich mich, ob man da nicht durch die Hintertür nur eine neue Input-Orientierung kreiert. Denn was bitte haben die Ziele und Pläne in einem Studiengang wirklich mit dem zu tun, was letztlich herauskommt? Bei so einem Verfahren produziert man letztlich aus Papier neues Papier, man arbeitet mit Kompetenzen auf dem Papier, aber nicht mit tatsächlich erworbenen. Wo also ist eigentlich der große Gewinn im Vergleich zu alten Curricula?

Politiker sowie Vertreter der Hochschulrektorenkonferenz und des Wissenschaftsrats äußern sich dennoch begeistert über den DQR – meist mit Verweis auf die ökonomischen (!) Vorteile (auch dazu eine Gegenüberstellung verschiedener Meinungen in Forschung und Lehre). Allein der Präsident des Deutschen Hochschulverbands mag in die Euphorie nicht einstimmen und kommt zu dem sinnigen Schluss: „Dem Aufwand steht kein gleichwertiger Nutzen gegenüber“.

Männer unter sich

Andrea Back hat mich auf einen sehr interessanten Text bzw. auf ein Memorandum vom September 2010 aufmerksam gemacht, in dem sich führende Wirtschaftsinformatiker aus Deutschland für eine „gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik“ stark machen. An anderer Stelle in diesem Blog (hier) habe ich bereits auf einige aus meiner Sicht bestehende Parallelen in der methodischen und wissenschaftstheoretischen Diskussion zwischen der Wirtschaftsinformatik einerseits und den Bildungswissenschaften, speziell der Mediendidaktik andererseits hingewiesen. Das Memorandum ist erfreulicherweise online (nämlich hier) zugänglich.

Ausgangspunkt des Papiers ist die aktuelle Entwicklung in der Wirtschaftsinformatik, die sich „von einer innovativ gestaltenden zu einer beschreibenden Disziplin entwickelt“. Grund sind die im englischsprachigen Bereich vorherrschenden Forschungsstrategien, die im weitesten Sinne experimentell und quantitativ ausgerichtet sind. Da auch in der Wirtschaftsinformatik Internationalität gefragt ist und entsprechend englischsprachige Zeitschriften im Fokus des Interesses von Forschern stehen, passen sich diese den dort gesetzten Normen an. Gerade bei dieser Skizze der Ausgangslage und aktuellen Entwicklung sind die Parallelen zur Bildungswissenschaft sehr deutlich zu erkennen – da könnte man einfach ein paar Worte austauschen und schon würde es auch für unsere Disziplin gelten.

Im weiteren Verlauf wird deutlich gemacht, dass es nicht darum gehe, eine gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik in den Vordergrund zu stellen, sondern ein Verdrängen derselben zu verhindern und einen Methodenpluralismus anzustreben und zu praktizieren. Als Erkenntnisziele werden sowohl die „Entdeckung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen“ als auch „Handlungsanleitungen (normative, praktisch verwendbare Ziel-Mittel-Aussagen)“ genannt. Auch das lässt sich fast schon eins-zu-eins in die Bildungswissenschaft übertragen. Allerdings vertrete ich persönlich die Meinung, dass auch Entwicklungsarbeiten unter bestimmten Bedingungen einen grundlagenorientierten Erkenntniswert haben können.

Am Ende des Memorandums wird versucht, gewisse Prinzipien man könnte vielleicht auch sagen: erste, grobe Standards, zu formulieren, die jede Form von Forschung in der Wirtschaftsinformatik, auch die gestaltungsorientierte, einhalten muss: Abstraktion, Originalität, Begründung und Nutzen (das habe ich schon mal in Ulrich Franks Texten gelesen, der auch zu den Autoren gehört). Unter anderem heißt es dann noch: „Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich mit der Gestaltung soziotechnischer Systeme und hat es daher mit einer sehr große Zahl von Faktoren zu tun, die deterministische Lösungen weitgehend ausschließt. Artefakte der Wirtschaftsinformatik sind selten (formal) beweisbar, sondern basieren darauf, dass sie von Experten, die den Stand der Wissenschaft und Praxis kennen, anhand der vorgelegten Begründung oder auf Basis ihrer Implementierung … akzeptiert werden“. Wenn das schon der Wirtschaftsinformatiker sagen kann, wie viele Argumente hätte dann der Bildungswissenschaftler für einen Methodenpluralismus einschließlich gestaltungsorientierter Strategien?

Ich finde, wir bräuchten auch so ein Memorandum, oder?

Nebenbei sei noch bemerkt: Auffällig ist, dass unter den insgesamt zehn Autoren keine einzige Frau ist – gibt es die nicht in der Wirtschaftsinformatik oder haben sie nichts zu sagen? 😉

Ein Buch gegen die methodische Alleinherrschaft

Ich finde, es gibt wenige so gute Methodenbücher, dass man sie wirklich von vorne bis hinten liest, sich dabei angesprochen und „an die Hand genommen“ fühlt. Das neu (2010) erschienene Buch von Jörg Schlömerkemper mit dem Titel „Konzepte pädagogischer Forschung“ (Bad Heilbrunn: Klinkhardt) ist so ein Buch. Schlömerkemper bezeichnet sein Buch als „Studienbuch“, wendet sich also explizit an Studierende der Pädagogik/Erziehungswissenschaft, aber auch an interessierte Praktiker (wobei ich allerdings glaube, dass diese eher selten zu solchen Büchern greifen). Es gibt einige Passagen in diesem Buch (und Entscheidungen), bei denen ich mit Schlömerkemper nicht übereinstimme. Auch integriert er leider nicht das aus meiner Sicht bestehende zusätzliche Potenzial einer Entwicklungsforschung für Erkenntnisziele auf unserem Fachgebiet. Dennoch ist dieses Buch seit langem eines, das ich empfehlen kann und sicher mehrmals darin lesen werde. Warum? Es ist einzigartig in dem Versuch, die klassischen Methoden der Empirie inklusive der statistischen Auswertung von Daten mit – wie er es nennt – hermeneutischen (auch phänomenologischen) Zugängen bei der Erforschung bildungsrelevanter Fragen, Aspekte, Ereignisse und Strukturen zu verknüpfen. Und das macht er verständlich und mit Blick auf die Besonderheiten bildungswissenschaftlicher Themen. Letzteres ist aus meiner Sicht ausgesprochen wichtig, u.a. deswegen, weil bildungswissenschaftliche Themen Anwendungsfragen und normative Fragen nicht einfach bei Seite schieben können – selbst dann nicht, wenn man formal betrachtet „Grundlagenforschung“ praktiziert.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel: Nach einer Einführung in die Machart des Buches (1) stellt Schlömperkemper typische Fragen und mögliche Methoden in der pädagogischen Forschung zusammen (2). Die nachfolgenden drei Kapitel sind für mich der Kern des Buches: Ihre Titel lauten (3) „erkenntnistheoretische Probleme“, (4) „methodologische Konzepte“ und (5) „Strategien der Forschung“. Da finde ich genau die Themen, die in Methodenseminaren für Anfänger so oft versäumt werden oder aber infolge ihrer Kürze rasch untergehen. Stattdessen lernen die Studierenden komplizierte statische Verfahren, die sie später entweder nicht, falsch oder mechanisch anwenden. In den nachfolgenden Kapiteln beschreibt Schlömerkemper entlang der Forschungsprozesslogik, wie man Daten erhebt (6) und anschließend auswertet bzw. analysiert – und zwar getrennt danach, ob es sich um nicht-numerische Daten (7) oder numerische Daten (8) handelt. Im letzten Kapitel des Buches (9) werden vor allem methodische Folgerungen gezogen und Schlömerkemper verweist auf den von ihm präferierten Begriff des „Oszillierens“ als einem ständigen Hin und Her oder einem Auf und Ab „zwischen eher hermeneutischen und eher empirischen Orientierungen, zwischen quantitativem Messen und qualitativen Interpretieren, zwischen intuitivem Entwerfen und nüchtern-kritischem Prüfen … Mit dem Stichwort des Oszillierens soll betont werden, dass man sich immer auf den anderen Pol hinbewegen sollte, wenn man sich auf der einen Seite befindet, dass man also immer im Bewusstsein halten sollte, dass die allgemeine Reflexion sich der empirischen Überprüfung wird stellen müssen und dass empirische Befunde unter der Frage nach dem Sollen reflektiert werden müssen“ (S. 153). An anderer Stelle habe ich bereits auf einen Artikel von Jörg Schlömerkemper hingewiesen (hier), in welchem er dieses Konzept ebenfalls beschreibt.

Mit Büchern wie diesem steigt die Chance, das ein Bewusstsein für die Vielfalt von Bildungsforschung (auch empirischer Bildungsforschung!) entsteht, das Ansprüche auf Alleinherrschaft einer methodischen „Schule“ ablehnt und auch in der Sozialisation von Nachwuchswissenschaftlern bei aller methodischer Sorgfalt kreative Überlegungen und Versuche zulässt.

Von der Bildungsstätte zur Erziehungsanstalt

In einem Beitrag mit dem Titel „Bologna 2.0. Zwischen update und remake“ schreibt Dieter Lenzen in der aktuellen Ausgabe von Forschung und Lehre über die überzogenen Erwartungen an den Bologna-Prozess, über die Grenzen des Managements speziell für die Sicherung und Entwicklung von Qualität an der Hochschule und über den Bildungsbegriff (online hier nachzulesen). In Bezug auf Letzteres zitiert er einen Satz aus einem eigenen, mit Luhmann erstellten Werk, der wie folgt lautet: „Erziehung ist eine Zumutung, Bildung ist ein Angebot“, um einen Satz weiter festzustellen: „Wenn wir zu dem Schluss kämen, dass es sich bei den neuen Studiengängen nicht um ein Angebot, sondern um eine Zumutung handelt, dann kann Bildung in ihnen nicht stattfinden. Dann wäre das universitäre Geschehen also von einer Bildungsveranstaltung zu einem Erziehungsprozess geworden.“ Nun, genau diesen Verdacht haben viele – und zwar Lehrende und Studierende gleichermaßen, wenn sie die üblichen Modulhandbücher lesen. Diejenigen, die trotzdem noch das „Angebotsformat“ retten wollen, füllen die Modulhandbücher mit nichtssagenden Floskeln, die alles offen lassen und vor allem dazu einladen, sie NICHT zu lesen – ähnlich wie Beipackzettel von Medikamenten. Es fragt sich also: Woher nimmt Lenzen seine Zuversicht?

Aber ich will ihm nicht unrecht tun. Die Gefahr, dass man Studierenden und Absolventen alle Verantwortung abnimmt, dass Qualitäts- und andere Managementmethoden nicht neben, sondern „an die Stelle der Hingabe an die Sache“ treten, sieht er wohl. Aber er hat tröstende Worte im Gepäck: „Die Umsetzung des Bologna-Prozesses muss … nicht zwangsläufig dazu führen, dass aus einer Bildungsstätte eine Erziehungsanstalt wird, wenn man an dem Gedanken festhält, dass Wissenschaft in der Universität nicht allein dazu da ist, Menschen berufsfähig zu machen, sondern ihnen Plätze in ihrer Stellung zur Welt zu öffnen …“. Das scheint jetzt gerade „in“ zu sein, die zunächst so hoch gehaltene Berufsqualifizierung speziell in den Bachelor-Studiengängen wieder in Frage zu stellen (siehe auch hier). Das ist sehr begrüßenswert, aber man fragt sich: Warum hat man es überhaupt so auf die Spitze getrieben?

Im Großen und Ganzen kann man dem, was Lenzen in diesem kurzen Text schreibt, sicher zustimmen. Aber es bleibt letztlich abstrakt. Was mir persönlich fehlt, sind konkrete Vorschläge für das von ihm geforderte „remake von Bologna“ und der angemahnten Balance zwischen regulativen Prinzipien einerseits und „bildender Begegnung“ und akademischer Freiheit andererseits. Das hätten wir wohl alle gern, aber wir müssten genau an der Stelle endlich konkreter werden. Macht man Vorschläge dazu (siehe z.B. hier) ist die Resonanz eher klein … vielleicht weil keiner mehr so rechte Lust hat, seine Modulhandbücher schon wieder zu ändern.

Ratlose Experten in Sachen Blogs

Hans Brügelmann hat mich auf ein aktuelles Interview mit dem Wissenschaftssoziologen Peter Weingart in spektrumdirekt hingewiesen. Dabei geht es um die Glaubwürdigkeit und das Ansehen von Wissenschaft, die öffentliche Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Beziehung zwischen Medien bzw. Journalisten und Wissenschaftlern. Im Interview wird Weingart an einer Stelle auch nach der Bedeutung von Blogs in diesem Zusammenhang gefragt – eine Frage, auf die eher Ratlosigkeit folgt: Im ersten Anlauf wird die Frage gar nicht beantwortet, im zweiten meint Weingart: „Ob die Wissenschaftskommunikation in Zukunft mehr über Blogs laufen wird, hängt auch davon ab, wer die Öffentlichkeit solcher Blogs ist. Die meisten solcher Blogs werden wohl nicht von Leuten gesehen oder gelesen, die normalerweise in die Zeitung gucken oder auch im Internet Presseerzeugnisse studieren, will ich mal unterstellen.“ Das stimmt wohl, dass z.B. die Bild-Zeitung, FAZ und SZ sowie mehr oder weniger „private“ Blogs unterschiedliche Leserschaften haben. Dennoch erscheint mir diese Antwort ein bisschen zu einfach und eher ein Zeichen dafür zu sein, dass man sich damit noch nicht so recht auseinandersetzen mag. Immerhin wird die Äußerung EINZELNER Wissenschaftler in den klassischen Medien wie z.B. der ZEIT (die sich vor allem zu Bildungsthemen in den vergangenen Jahren aus meiner Sicht eher einseitig konservativ geäußert hat) stark in die Breite gestreut und verfestigt sich dann – wegen der ja hohen Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern – als DIE Wahrheit. Genau darum geht es auch in diesem Interviews. Blogs könnten hier sehr wohl die öffentliche Meinung prinzipiell bereichern, wie ich meine. Schade also, dass Weingart dem Thema ausweicht.

Keine Kreativität ohne Autonomie

Sandra hat mich im August auf einen interessanten Text von Margit Osterloh und Bruno Frey aufmerksam gemacht, der bereits vor ein paar Jahren veröffentlicht worden ist (hier das pdf). Unter dem Titel „Anreize im Wissenschaftssystem“ diskutieren die beiden Autoren den Sinn und vor allem den Unsinn der Einführung von Anreizsystemen im Wissenschaftssystem, die an Outputs und ökonomischem Denken orientiert sind. Es wird vor allem zu Beginn des Textes gezeigt, in welcher Weise sich die wissenschaftliche Logik von einer Marktlogik unterscheidet. Dabei wird auch ausführlich auf die Rolle von Peer Reviews eingegangen – ein Thema, über das ich in diesem Blog ja bereits mehrfach geschrieben habe (z.B. hier, hier und hier). Interessanterweise kommen die Autoren unter anderem zu dem Schluss, dass es prinzipiell besser sei, das Peer Review generell einzudämmen. Begründet wird dies damit, dass das Wissenschaftssystem im Vergleich zu anderen Systemen einen besonders großen und langen Aufwand betreibt, um Personen als Professoren in diesem System aufzunehmen. Leitkriterium, so das Credo des Textes, müsse die Autonomie der Wissenschaft, der wissenschaftlichen Arbeit und damit auch des Wissenschaftlers sein. Die aber wird durch zu hohe Abhängigkeit von Drittmitteln und damit auch vom Peer Review (denn viele Drittmittel sind an positives Peer Review gekoppelt) zunehmend eingeschränkt. Ihre Argumentation lautet: „Autonomie ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität … Sie ist aber zugleich Teil des Belohnungssystems in der Wissenschaft, welches dem „taste for science“ entspricht. ForscherInnen nehmen Einkommenseinbußen in Kauf, wenn sie dafür mehr Autonomie erhalten. Die Attraktivität von Universitäten sinkt, wenn zusätzlich zum niedrigeren Einkommen auch noch die Autonomie in der Forschung reduziert wird.“

Ich finde den Text sehr gelungen. Er bringt die aktuelle Problematik im Wissenschaftssystem prägnant auf den Punkt. Zudem werden – wenn auch vergleichsweise kurz – konkrete Vorschläge gemacht, was man gegen die eher dysfunktionalen Entwicklungen tun könnte. Fragt sich, warum diese nicht aufgegriffen werden.

Fantasielose Reproduktion von Wissenschaftsritualen

Eher zufällig bin ich auf einen Beitrag von Ulrich Frank, Wirtschaftsinformatiker, gestoßen, in dem er sich mit der Vernachlässigung wissenschaftstheoretischer Herausforderungen in der Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik auseinandersetzt. Der Beitrag wurde bereits 2003 in der Zeitschrift DBW veröffentlicht und ist hier online zu lesen. Nun kann man sich fragen, was die Wirtschaftsinformatik mit bildungswissenschaftlichen Themen zu tun hat: auf einer formalen Ebene gar nicht mal so wenig, was z.B. der kurze Enzyklopädie-Artikel desselben Autors zur „konstruktionsorientierten Forschung“ zeigt (worauf ich jetzt aber nicht näher eingehe). Als „vernachlässigte Probleme“ werden im Text von 2003 z.B. die Grenzen empirischer Forschung herausgearbeitet und diskutiert, in welchem Verhältnis die aktuelle (und eine mögliche) Wissenschaftskultur zum wissenschaftlichen Fortschritt steht. Diskutiert werden auch die Bedeutung der Praxis in und für die Forschung (eine Diskussion, bei der man durchaus Parallelen zur Bildungswissenschaft ziehen kann) sowie die Folgen der sich vollziehenden Universitäts- und Wissenschaftsreform (Bologna, Exzellenzinitiativen etc.). Spannend sind am Ende des Textes vor allem die drei Thesen von Ulrich Frank zum Thema Wissenschaftstheorie in seiner Disziplin:

  • „Forschungsmethoden sind bedeutsam – und hinderlich“: Bedeutsam sind sie, weil die Reflexion über Designs und Methoden das Selbstverständnis von Wissenschaftlern prägen und in ihrer Anwendung die für Wissenschaft geforderte Systematik sicherstellen. Hinderlich werden sie, wenn „sie bei naiver Interpretation ein schematisches Vorgehen über das Interesse an Erkenntnis stellen und damit kontraproduktiv sind“. Da kann ich nur zustimmen; meiner Ansicht nach passt das auch eins-zu-eins auf die Bildungsforschung.
  • „Der Elfenbeinturm verspricht eine weitreichende Aussicht“, womit gemeint ist, dass Zeit und Muße etwa zur Konstruktion von Leitideen und zur Reflexion von Begriffen keine unnötige Spielerei im hektischen Wissenschaftsbetrieb, sondern umgekehrt geradezu lebensnotwendig sind, um Wissenschaften weiterzuentwickeln. Auch dies würde ich für die Bildungswissenschaft unterstreichen, wobei hier die zum Teil großen Unterschiede (z.B. geisteswissenschaftliche und psychologische Ausläufer) zu beachten sind.
  • „Zu einer alternativen Wissenschaftskultur gehört ein … intellektueller Hedonismus“ als Gegenpol zur fantasielosen Reproduktion von Ritualen an unseren Hochschulen. Frank schlägt hierzu zum einen Rahmenbedingungen in der täglichen Arbeit vor, „die den Genuss wissenschaftlicher Diskurse und die Freude am gemeinsamen Lernen fördern“. Zum anderen verweist er auf „organisierten Freiraum für fruchtbare wissenschaftliche Auseinandersetzungen jenseits der Ablenkungen des Tagesgeschäfts“ etwa auf Konferenzen. Er verweist dabei auf die früheren philosophischen Treffen in Alpach, deren Charakter man sehr schön in den Briefwechseln von Feyerabend und Albert nachvollziehen kann (z.B. hier). Auch die Chancen der digitalen Medien werden von Frank genannt – angesichts des Entstehungsdatums des Artikels also noch VOR dem Web 2.0-Hype (wobei man auch sehen muss, dass sich da Widersprüche ergeben können, z.B. dann, wenn die permanente Online-Erreichbarkeit gerade wieder die soziale Präsenz auf Tagungen stört).

Leider hat Ulrich Frank dieses wissenschaftstheoretische Thema in aktuelleren Schriften nicht weiter vertieft, was ich sehr schade finde. Aber es ist ja auch meine Erfahrung, dass Beiträge dieser Art eher wenig rezipiert werden und vor allem wenig aktiv aufgegriffen werden – das Tagesgeschäft belohnt halt andere Themen einfach wesentlich mehr …

Der Lehrpreis als Ersatzhandlung

Mandy Schiefner und Balthasar Eugster haben einen sehr anregenden Text zum Thema „Lehrpreise“ geschrieben (die dazu bereits gelaufene Diskussion ist übrigens durchaus genauso anregend). Eingeordnet haben sie ihre Erörterungen über Ziele und Wirkungen von Lehrpreisen in die übergeordnete Frage, wie man Lehre sichtbar machen kann, was das eigentlich heißt und für wen und wozu das nützlich ist. Zum Einstieg werden zwei Konzepte von „Sichtbarkeit“ unterschieden: einmal im wörtlichen Sinne die Sichtbarkeit als das, was man mit seinen Augen wahrnehmen kann, und des Weiteren im übertragenen Sinne die Sichtbarkeit als das, was auf der Agenda steht und entsprechend diskutiert wird. Diese Unterscheidung finde ich schon mal ausgesprochen wichtig. Eine weitere aus meiner Sicht ganz essenzielle Frage ist die, was man denn eigentlich sichtbar macht, wenn man Lehre z.B. über Lehrportfolios dokumentiert, wenn man Lehre über Fragebögen evaluiert, wenn man in Lehrveranstaltungen hospitiert oder eben z.B. Lehrpreise vergibt. Dabei wird deutlich, dass vor allem die so wichtigen Vor- und Nachbereitungen eines Lehrenden fast immer unsichtbar bleiben – am ehesten besteht da noch in Lehrportfolios die Chance, genau das mitzubekommen; diese aber werden selten öffentlich gemacht. Schließlich spielt natürlich das „Wozu“ der Sichtbarmachung von Lehre eine ganz wichtige Rolle. Hier unterscheiden die beiden Autoren den Dialog, die Qualitätsverbesserung von Lehre und den Kompetenznachweis. Man könnte noch darüber nachdenken, wie diese drei Funktionen denn genau zusammenhängen. Was man vielleicht noch genauer unterscheiden könnte, ist die Lehre als Produkt und als Prozess. In Analogie zur Narration, bei der man den Prozess des Erzählens ebenso wie das Produkt der Geschichte in Zentrum rücken kann, stellt sich auch die Lehre jeweils anders dar, wenn man den Prozess des Lehrens an sich und das Lehrkonzept als zugrundeliegendes Produkt (z.B. ein didaktisches Muster!) unterscheidet.

Am Ende kommen Mandy und Balthasar zu dem Schluss, dass speziell der Lehrpreis eigentlich kaum etwas sichtbar macht, das Wesentliches über die Lehre aussagen könnte. „Seine Vergabe ist eine Art Ersatzhandlung für die immer wieder scheiternde Bestimmung von Lehrqualität“ (S. 19). Leider ist genau das vielen politisch Verantwortlichen oder auch didaktisch völlig ungeschulten Personen überhaupt nicht klar. Oder es ist ihnen klar und sie hoffen, dass es allen anderen nicht klar ist. Manchmal kommt mir das vor wie bei Aktionen zur Frauenförderung: Man bietet an der Oberfläche irgendwelche „Ersatzhandlungen“ für wirklich tief greifende Veränderungen an, um die potenziell Aufbegehrenden ruhigzustellen. Lehrpreise signalisieren, dass man „was tut für die Lehre“. In Wahrheit – so meine Befürchtung – ist gute Lehre im Vergleich zu einer ertragreichen naturwissenschaftlich-technischen Forschung kaum etwas wert (siehe hierzu auch die Diskussion in Mandys Beitrag). Vielleicht ist es sogar völlig egal – was nur diejenigen nicht wahrhaben können und wollen, die sich um gute Lehre in Forschung und Praxis bemühen.

Wichtigtuerei und Gedankenlosigkeit

Ich mache kein Hehl daraus, dass mir die deutsche Sprache wichtig ist. Sie ist mein Werkzeug, ich würde auch für mich persönlich durchaus behaupten: mein „Denkwerkzeug“ (um mal das englische „cognitive tool“ zu vermeiden). Klar, dass ich mir heute die Zeit gekauft habe, wenn das Titelthema wie folgt angekündigt ist: „Rettet die deutsche Sprache! Die Elite spricht Englisch, am unteren Ende der Gesellschaft verkümmert die Sprachfähigkeit. Wie können wir verhindern, dass unsere Muttersprache weiter erodiert? Und welche Zukunft hat unsere deutsche Sprache überhaupt noch?“ Nun, mehr als zwei Seiten ist die Beantwortung dieser Fragen (im Feuilleton) dann doch nicht wert und sehr viel Neues habe ich nicht gelesen. Dass in der Wissenschaft das Deutsche allenfalls in geistes- und einigen wenigen sozialwissenschaftlichen Fächern noch eine gewisse (geringe) Bedeutung hat, ist hinlänglich bekannt. Dass das auch nicht mehr zu ändern sei, kann man ebenfalls überall da lesen, wo über das Thema geschrieben wird. Der Artikel bemüht sich, die Vor- und Nachteile der Durchsetzung des Englischen als globale Sprache einander gegenüberzustellen. Dabei wird auch die wachsende Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft/Öffentlichkeit angesprochen, wenn Publikationen und andere Darstellungsmodi nur mehr auf Englisch erfolgen. Wenig vertiefend dagegen kommen in dem Beitrag Überlegungen dazu ins Spiel, welche Bedeutung die Sprache auf das Denken und damit auch auf das wissenschaftliche Denken und wissenschaftliche Kreativität hat (der Autor sieht das allenfalls auf philosophischem Gebiet als relevant an).

Wirklich neu waren für mich zwei Punkte: (1) Der Beitrag verweist auf Arbeiten, die sich der Frage stellen, wie sich das Englische verändert, wenn es denn vor allem von „Ausländern“ als „Lingua franca-Englisch“ gesprochen wird. Das sei dann auch nicht mehr die Sprache der englischen Muttersprachler, sondern eine andere – eine die allen gehöre. Das finde ich einen ganz interessanten Gedanken, aber ob das wirklich mehrheitlich so wahrgenommen wird? (2) Der Beitrag thematisiert quasi als Rahmen für die restlichen Ausführungen die Verantwortung der „Eliten“ in einer Gesellschaft gegenüber der eigenen Sprache. Und so endet der Beitrag mit folgendem Absatz: „Dass Teile unserer Eliten diese Sprache [Anm. das Deutsche in bedeutenden Werken der Literatur und Philosophie] nicht verstehen und nicht mehr sprechen, hat wenig mit globalen Zwängen zu tun und viel mit Wichtigtuerei und Gedankenlosigkeit. Damit verhalten sich die Eliten unverantwortlich, denn der Zustand einer Sprache hängt am meisten von jenen ab, die Macht und Einfluss haben. An ihrem Sprachverhalten richten sich jene aus, die unten sind und nach oben wollen“. Vor Wichtigtuerei und Gedankenlosigkeit ist auch die Wissenschaft nicht gefeit und ich habe schon mitunter den Eindruck, dass wenig neue und tiefe Gedanken, verpackt in einem englischen Text oder Vortrag, allein aufgrund der damit erreichten Internationalität bereits eine Menge „Bonuspunkte“ einheimsen, die dann inhaltliche Defizite kompensieren (sollen). Auch das ist letztlich unverantwortlich.