Sie können auch anders!

Wer kann auch anders? Die GEW – also die „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“. Bereits im Juni ging das neue wissenschaftspolitische Programm online; es stellt in einer Art 12-Punkte-Plan die Position der GEW zu Wissenschaft, Hochschule, Forschung und Lehre dar.

Es klingt meiner Ansicht nach etwas trotzig: „Wir können auch anders!“ Soll das eine Drohung sein? Nein, das ist eher nicht gemeint, vielmehr will die GEW mit dem „Schlachtruf“ zum Ausdruck bringen, dass sie keineswegs an alten Zöpfen hängt und zur Vergangenheit zurück will (wie man ihr vielleicht vorwerfen könnte), sondern dass sie auch für Reformen ist – aber halt anders. Ich weiß nicht so recht, ob das ein gelungener Einstieg ist.

Viele Aspekte in den zwölf Punkten sind begrüßenswert, aber mit allem kann ich mich nicht identifizieren. Etliche Absätze wirken zudem schon recht schlagwortbesetzt. Ein paar Gedanken dazu:

So stimme ich z.B. zu, wenn es heißt, dass man Studienplätze ausbauen muss (Punkt 1). Was aber heißt genau „bedarfs- und nachfragerecht“? Das wird nicht genauer gesagt. Eine Anrechnung von bereits erbrachten Qualifikationen ist auch okay – aber bis zu welchem Grad? Wenn man schon zig Punkte mitbringt bzw. angerechnet bekommt, welchen Sinn hat denn dann ein Studium noch? Meine klare Zustimmung hat dagegen das Plädoyer gegen eine „hierarchische Differenzierung in Elite- und Massenhochschulen“ (Punkt 2). Wenn das weiter und tiefer geht, halte ich das für eine gravierende Fehlentwicklung, von der wenige profitieren und viele das Nachsehen haben. Die „bedingungslose Gebührenfreiheit des Hochschulstudiums“ kann ich so nicht unterstützen (Punkt 3). Man sollte endlich bessere Stipendien-Möglichkeiten schaffen. Eine maßvolle Gebühr von vielleicht 300,- Euro finde ich vertretbar und kann auch sinnvoll sein. Jeden Kindergartenplatz muss man bezahlen – Bildung gilt vielen als so wenig wert … das kann ja auch nicht sein. Eine wichtige Frage ist die Rolle des Staates in der Hochschule (Punkt 4): Sowohl eine Detailsteuerung als auch der Rückzug des Staates sind problematisch – das sehe ich auch so. Wie eine Demokratisierung der Selbstverwaltung aussehen soll, die ebenfalls gefordert wird, bleibt unscharf (Punkt 5): Das mit der Selbstverwaltung ist wirklich schwer. Manchmal wünschte ich mir da schon mehr Professionalität und weniger Gerede, wo jeder sein Statement abgibt, ohne dass etwas dabei herauskommt. Dagegen ist ein strikter Managementkurs auch nicht das, was man an der Hochschule haben will – eine echte Herausforderung also, wie man diese Quadratur des Kreises in Sachen Selbstverwaltung hinbekommt. Die GEW scheint es auch nicht zu wissen. Ganz klar spreche ich mich dagegen persönlich gegen Quoten aus (Punkt 7): Ich glaube nicht, dass das hilft, bestehende Ungleichheiten zu beseitigen. Besser sind da schon die Hinweise zur „familiengerechten Gestaltung der Wissenschaft“ (Punkt 6). Gut ist, dass die GEW auch das Thema „Funktionsstellen mit unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen“ angeht (Punkt 8): Es ist ein Unding, dass es von diesen Stellen so wenige gibt, obschon genau die Aufgaben wachsen, wofür man solche Funktionsstellen dringend bräuchte. In eine ähnliche Richtung geht die aus meiner Sicht berechtigte Forderung, die Ausbeutung von Lehrbeauftragten zu beenden. Was an einer Habilitation in Fächern, wo man das gut begründen kann, schlecht sein soll, verstehe ich dagegen nicht. Enttäuscht war ich von Punkt 9: Was da über Qualität steht, stimmt ja auf diesem abstrakten Niveau alles. Aber dass die GEW hier nicht eindeutiger zur Akkreditierung Stellung nimmt, finde ich bedauerlich! Die Aussagen zu Mobilität und Berufsfähigkeit stimmen in etwa mit den Bologna-Papieren überein – was ist da der Mehrwert? Und was bitte sind „autonome Seminare“? (Punkt 10). Gegen die Kritik am föderalen Flickenteppich speziell bei der Lehrerbildung kann man nichts sagen (Punkt 11) und wer sollte schon ernsthaft etwas gegen die „Einheit von Forschung und Lehre“ (Punkt 12) haben, wenn man nur wüsste, wie man das unter den heutigen Bedingungen bewerkstelligen soll. Ebenfalls schade, dass die GEW gerade im letzten Punkt kein Wort über die „Open-Bewegungen“ verliert – nach den Schmähartikeln der letzten Monate stimmt ja z.B. die SZ inzwischen versöhnliche Töne an (aktuell hier). Jedenfalls zeigt sich die GEW da nicht ganz auf der Höhe der Zeit.

Trotz alledem: Ein durchaus lesenswertes Programm. Es sollte sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Stille Helden des Alltags

Liegt in Deutschland die Bildung am Boden? Lernen Schüler vor allem, wie man andere in Online-Games umbringt? Empfinden Professoren die Lehre nur als lästige Pflicht, die sie vom Forschen abhält? Solche und andere Annahmen, die in diesen Fragen stecken, können Christian Spannagel und Lutz Berger nicht glauben. Sie machen von Ende August bis zum 9. September im Rahmen der „Forschungsexpedition“ ihre eigene Bildungsexpedition „durch PISA-Täler“ und über „Bologna-Berge“, um die „stillen Helden des Alltags“ zu suchen, die noch an die Bildung glauben. Ich bin beruhigt und geradezu beeindruckt, dass im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs auch originelle Ideen gefördert werden und nicht nur neue Formen des Hochglanz-Marketings. Die Initiatoren und ihr Team – so wird versprochen – werden „bloggen, twittern, filmen und podcasten was die Netze hergeben“. Wie es sich gehört, ist das Vorhaben insofern partizipativ angelegt, als dass sich jeder hier melden kann, wenn er Ideen hat, welche Stellen das Team ansteuern soll, wen sie interviewen und wen sie filmen sollen.

Tolle Idee! Mich würde interessieren: @Christian und Lutz: Habt ihr auch eine „Mission“? In gewisser Weise seid ihr da ja eineinhalb Wochen „Wanderprediger“ – was werdet ihr predigen? Optimismus, wie ihn das bmbf verkündet? Im Prinzip wichtig, aber ehrlich sollte es sein! Leuchttürme, wie sie Reinhard Kahl präsentiert? Auch nicht schlecht, aber lasst bitte die salbungsvolle Stimme weg. Oder doch was ganz anderes?

Im Ernst: Ich wünsche euch viel Erfolg und natürlich auch viel Spaß: Hoffentlich trefft ihr Leute, die was zu sagen haben und ihre Erfahrungen teilen wollen! Gute Reise!

Nicht zu Ende gedacht

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat am Dienstag mit Vertretern des Aktionsbündnisses Bildungsstreik, Studentenvertretern und Vertretern des deutschen Hochschulsystems beraten. Viel schient nicht dabei herausgekommen zu sein. In der Pressemeldung des bmbf heißt es: „Ich möchte fünf konkrete Punkte benennen, die zentral sind und die wir mit dem heutigen Tag auf den Weg bringen werden“. Was sind das für fünf Punkte? Ich zähle mal auf (Zitate aus der Pressemeldung) und mache mir dazu meine eigenen Gedanken:

(1) „Strukturreform muss verbunden werden mit der Erneuerung der Curricula.“ Wie wäre es, wenn man die Fachvertreter selbst entscheiden ließe und endlich den Akkreditierungsunsinn stoppen würde, der zu seltsamen Curricula geführt hat? Dazu allerdings wird nirgendwo gesagt. Akkreditiert wird offenbar weiter, obwohl man sich ja einig ist, dass nicht die „Idee Bologna“, sondern die durch Akkreditierungsagenturen wesentlich mitbestimmten Umsetzungen das Problem sind.

(2) „Für die Länge des Bachelor-Studiums brauchen wir mehr Flexibilität. Es kann auch erforderlich sein, statt sechs auch sieben oder acht Semester im Bachelor-Studiengang zu studieren.“ Ja, das ist ja sinnvoll, scheint man doch allmählich einzusehen, dass man nicht alle Fächer in einen Topf werfen kann. Wer sagt es den Agenturen? Das vergisst man hoffentlich nicht.

(3) „Der Übergang vom Bachelor zum Master muss problemlos möglich sein. Studierende sollten selbst entscheiden können, ob sie einen Master machen wollen oder nicht. Ich bin gegen eine Quote.“ Ja, gute Idee, nur dann muss bitte auch eins passieren: Nämlich die Master-Studierenden bei der Berechnung von Kapazitäten mit einrechnen! Sonst landen wir nämlich wieder bei Seminaren mit einer Teilnehmerzahl von 60! Es ist ja ein Unding, den Master für die Unis und Fachvertreter als Luxus zu deklarieren und ausschließlich die Bachelor-Studierenden für Kapazitätsberechnungen heranzuziehen. Ich bin auch dafür, dass das jeder Studierender selbst entscheiden soll, ob er einen Master macht, aber es kann ja wohl nicht sein, dass Lehrende diese quasi nebenbei versorgen sollen. Genau das aber ist vielerorts der Fall, um zeigen zu können: Ja, wir schaffen es, Studienplätze zu schaffen! Dass die aber rechnerisch nach dem Bachelor aufhören, sagt man nämlich nicht dazu. Das ist ja wohl (wie so oft) nicht zu Ende gedacht!

(4) „Beratung und Betreuung der Studierenden müssen noch wesentlich besser werden.“ Ja, dafür bin ich auch – ich berate gerne Studierende (das mache ich lieber als Formulare ausfüllen und sinnlose Berichte schreiben), aber nicht hunderte gleichzeitig, weil das nämlich schlicht nicht geht. Und wenn wir nicht permanent so viele bürokratische Hürden hätten, bräuchten wir auch nicht so viel Beratung: Denn die Beratungen, die wir leisten, sind nur zu einem kleinen Teil inhaltlicher, aber zu einem großen Teil verwaltungstechnischer Art (ein Beispiel liefert Michael Kerres hier zum Thema Studiengebühren).

(5) „Wir werden eine Studie in Auftrag geben, die untersucht, wo die Bachelor-Studenten nach ihrem Abschluss unterkommen – in Unternehmen, in der Wissenschaft oder in einem anderen Bereich. Das erlaubt dann konkrete Aussagen darüber, wie gut Bachelor-Absolventen für den Beruf qualifiziert sind.“ Was genau ist das Ziel einer solchen Studie? Zu überprüfen, ob Unis schon Fachhochschulniveau haben? Es ist aus meiner Sicht höchste Zeit, sich ernsthaft über die Bedeutung des Begriffs „Berufsausbildung“ im Zusammenhang mit einem Universitätsstudium Gedanken zu machen. Das nämlich wird auch die Items einer Befragung in Rahmen einer solchen Studie stark beeinflussen – womit wir im Übrigen auch wieder beim Zweck der Universität wären: Vielleicht sollten wir erst mal eine Studie machen, was anspruchsvolle Berufe heute in der Wirtschaft und anderswo eigentlich an Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten fordern (Stichwort: Wissensarbeit)? Vielleicht käme dann heraus, dass wir ohnehin auf dem Holzweg sind, wenn wir meinen, ein Universitätsstudium würde direkt für einen konkrete Beruf ausbilden und für die dort verlangten Tätigkeiten unmittelbar „qualifizieren“?

Außenseiter und Dissidenten

Ein paar Zitate, von Holm Tetens, die aus meiner Sicht für sich selber sprechen und auf jeden Fall ein guter Anlass für anregende Diskussionen sein könnten:

  • „Die Güte von Wissenschaft und die Qualitäten eines Forschers und Hochschullehrers lassen sich nicht nach quantitativen, der Betriebswirtschaftslehre entnommenen Kriterien bemessen. Die Güte von Wissenschaft und die Qualitäten eines Hochschullehrers sind danach zu beurteilen, ob die Ideale der Wissenschaft gut realisiert sind. Die Qualität wissenschaftlicher Forschung lässt sich in letzter Konsequenz nicht quantitativ messen. Ob ein wissenschaftliches Forschungsergebnis inhaltlich interessant ist und ob es gut begründet ist, das stellt sich fast nie sofort, sondern oftmals erst nach längerer Zeit heraus, wenn immer mehr Forscher ihm zustimmen, es Eingang findet in kanonisches Lehrbuchwissen oder es zumindest für wert befunden wird, auf es einzugehen, über seinen Inhalt in Geschichtsdarstellungen einer entsprechenden Disziplin zu berichten und so weiter und so fort“ (Tetens, 2008, S. 31).
  • „Immer wieder haben Außenseiter und Dissidenten am Ende wissenschaftlich Recht behalten und hat sich ein von Gutachtern, wissenschaftlichen Zeitschriften usw. für exzellent befundenes wissenschaftliches Resultat als falsch und wertlos erwiesen, einmal abgesehen von der Tatsache, wie kontrovers in Wahrheit Exzellenzurteile in der Gemeinschaft der Wissenschaftler oftmals sind“ (Tetens, 2008, S. 32).
  • „Wissenschaftliche Forschung ist eine schöpferische Tätigkeit. Das Innovative in der Wissenschaft ist auf produktive Einfälle und Einsichten angewiesen. Es ist eine kognitionspsychologische Binsenwahrheit, dass sich schöpferische Leistungen nicht planen und nicht durch technisches Handeln herbeizwingen lassen. Man kann nicht mehr tun, als für Menschen eine anregende Umgebung zu schaffen und ihnen sehr viel Zeit zuzugestehen, Dinge auszuprobieren und Irr- und Umwege einzuschlagen. … Die gegenwärtige neoliberalistische Neuerfindung der Universität läuft auf das Gegenteil hinaus: Sie will aus den Forschern Akteure machen, die in möglichst kurzer Zeit viele wissenschaftliche Resultate erbringen sollen und das angeblich auch können, sobald man die Forscher nur ständig kontrolliert und die Forschungsaktivitäten nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet.” (Tetens, 2008, S. 32)

Quelle: Tetens, H. (2008). Die Idee der Universität und ihre Zukunft. Denkströme. Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, 1, 24-33.  Auch online hier zugänglich.

Situiertes Lernen: noch (immer) ein Thema?

Im September werde ich auf dem Fernausbildungskongress der Bundeswehr einen Vortrag mit dem Titel halten“ Wie praktisch ist die Universität? Chancen und Grenzen des situierten Lernens mit digitalen Medien“ (hier das Abstract: Abstract_Hamburg_Sept09). Ich werde dabei versuchen, eine Verbindung zwischen dem Ansatz des situierten Lernens und dem Ansatz des forschenden Lernens herzustellen. Bei der Recherche bin ich auf einen Artikel gestoßen, der – obschon unter der Überschrift des selbstorganisierten Lernens – einen guten und kompakten Überblick u. a. über das situierte Lernen gibt. Das will ich anderen Interessierten nicht vorenthalten: Der Beitrag ist aus der Onlinezeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik und ist hier online abrufbar. Empfehlenswert!

Leidenschaftliche Bildung

Ich bin ja ein großer Fan bin Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“ – nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Art, wie es geschrieben ist. Nun habe ich durch Zufall einen Text (der Text einer Rede von 2005) entdeckt, den ich denjenigen, die sich immer mal wieder Gedanken um den Bildungsbegriff machen, nicht vorenthalten will. Titel: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“. Darin klopft er ganz verschiedene Facetten des Bildungsbegriffs ab und versucht auf diesem Wege eine Konkretisierung, die ich recht gelungen finde, auch wenn man vieles natürlich schon an vielen anderen Stellen gelesen hat. Trotzdem: der kurze Text ist eine verständliche und alltagsrelevante Hinführung zu einem Begriff, der uns immer wieder Probleme bereitet und doch so wichtig ist. Muss man selbst lesen – an der Stelle möchte ich nur einen der abschließenden Sätze zitieren: „Der Gebildete ist an seinen heftigen Reaktionen auf alles zu erkennen, was Bildung verhindert“ – leidenschaftliche Bildung eben, wie er das in seinem letzten Absatz nennt.

Wikibu – ein Anfang

Über Beat bin ich auf ein Werkzeug aufmerksam geworden, das Wikipedia-Nutzern insbesondere in Bildungskontexten (speziell Schule) dabei helfen soll, die Qualität von Wikipedia-Artikeln einzuschätzen: Wikibu. Es werden gewissermaßen Kriterien vorgegeben, an denen man sich bei einer Qualitätseinschätzung entlang hangeln kann (kann man hier genauer nachlesen). Dabei bleibt die Aufmachung gut an typischen Bewertungsmustern, wie man sie auch bei anderen Web 2.0-Anwendungen kennt, was womöglich die Akzeptanz erhöht. Die Entwickler kommen vom Zentrum für Bildungsinformatik der Pädagogischen Hochschule Bern; die Idee stammt von Werner Hartmann.

Ich stimme Beat zu, dass das ein konstruktiver Vorstoß nicht nur für die Schule ist (das könnte man der Uni ebenso einsetzen, finde ich), um den Umgang mit Wikipedia zu verbessern – statt fantasielose Verbote auszusprechen. Ebenso richtig ist aus meiner Sicht Beats Kritik, dass man sich dabei noch auf quantifizierbare Kriterien allein verlässt. Das ist nicht ganz ungefährlich, zumal da es den Glaube an die „Intelligenz der Massen“ bestärkt, an der ich meine erheblichen Zweifel habe. Auch wissen wir gerade im Wissenschaftsbereich, wie hartnäckig sich falsche oder nie belegte Aussagen halten (z.B. die Aufsummierung des Lernerfolgs mit Zunahme der beanspruchten Sinne). Trotzdem ist das Werkzeug ein guter und vor allem praktisch sofort umsetzbarer Anfang. Man könnte ja versuchen, die Kriterien zu ergänzen oder einige zu ersetzen, die mehr qualitative Urteile einfordern – auch wenn die dann natürlich stärker der subjektiven Verzerrung ausgeliefert sind. Hier wäre es dann natürlich nützlich, wenn eine gewisse kritische Masse ihr Urteil abgibt. Solche Kriterien zu finden, dürfte allerdings nicht gerade leicht sein. Da müssten sich mal mehrere zusammensetzen und darüber nachdenken – und die Vorschläge dann im Netz bewerten lassen ;-).

Keine Vorzeige-Community

In meinem Vortrag in Hamburg vor eineinhalb Wochen habe ich aus der Schrift der Bundesassistentenkonferenz von 1970 zitiert und u.a. darauf hingewiesen, dass schon die damaligen Verfechter des forschenden Lernens begleitende Lernformen vorgeschlagen haben – und zwar nicht nur das genetische und das reflexive (bzw. kritische) Lernen, sondern durchaus auch das rezeptive Lernen. Letzteres sei vor allem dann sinnvoll, wenn es einen konsensfähigen Wissenskanon gäbe. Das sehe ich auch so, auch wenn es speziell in unseren Fächern keinen so klaren Konsens darüber gibt, was man wissen sollte (Kanon) und was exemplarisch bleiben kann und muss. Dennoch meine ich, dass man sich zumindest auf einen Kern an Inhalte einigen könnte, den man in bildungswissenschaftlichen und mediendidaktischen Studiengängen oder Modulen kennen sollte. Für solche Zwecke ist die gesamte Diskussion um „Reusable Learning Objects“ (um die es wieder ruhiger geworden ist) wichtig.

Und genau hierher gehören aus meiner Sicht Materialsammlungen, für die jetzt Michael Kerres mit seinem Team einen Beitrag auf YouTube leistet (hier): Das finde ich sehr gut und sicher werde ich das eine oder andere Video nutzen. Aber unabhängig von den konkreten Videos wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, dass wir als Lehrende an der Hochschule beginnen, überhaupt solche Fundstücke und Materialien systematisch ! zu teilen, von denen man zumindest erwarten oder hoffen kann, dass sie zu einem Wissenskanon gehören. Wir Lehrende sind in dieser Hinsicht eigentlich eine schlechte Community, jedenfalls keine Vorzeige-Community. Es ist zwar richtig, dass es nicht so einfach ist (wie man es mal geglaubt hat), einzelne Materialien wie einen Legostein (so eine Metapher, die auch Peter Baumgartner mal gebraucht hat) auf die bereits bestehenden Legobauten draufzusetzen oder diese untereinander zu ersetzen, denn immerhin gibt es – im Idealfall – so etwas wie eine innere Logik einer Veranstaltung (oder eines Moduls). Trotzdem: Oft suche ich ewig nach einem guten und geeigneten Text zu einem Thema für die Studierenden, nach einem Audio oder Video und verbrauche dabei sehr viel Zeit. Hier könnten wir uns letztlich schon besser untereinander unter die Arme greifen. Wir müssten da eine entsprechende Community of Practice aufbauen, Inhalte nach einer bestimmten Logik sammeln und kommentieren und diese Inhalte auch pflegen und könnten auf diesem Wege womöglich – mittelfristig zumindest – viel Zeit sparen.

Stell dir vor, du liest deutsch und verstehst jeden Satz

Seit Mai erfreut uns der Sprachpabst Wolf Schneider jeden Monat mit einer kurzen Videokolumne der SZ.

Die erste Folge dreht sich um ein Thema, das uns auch in der Wissenschaftssprache immer wieder Probleme macht: Die weibliche Form. Er hat – wie zu erwarten – ein schönes Beispiel parat, nämlich eine Arbeitsplatzbeschreibung des NDR, die wie folgt lautet: „Der Intendant bzw. die Intendantin ernennt seinen Stellvertreter bzw. seine Stellvertreterin bzw. ihren Stellvertreter bzw. ihre Stellvertreterin“. Dazu Wolf Schneider: „Das Problem ist: Die Frauen SIND in der Sprache benachteiligt ….“ Aber das Beispiel zeige eben, zu welch lächerlicher Umständlichkeit es führen kann, wenn man versucht, dieses Problem in der Sprache mit dem „-innen“ zu lösen. Recht hat er.

In der zweiten Folge wendet sich Schneider direkt an die „lieben Deutschlehrer“ und fragt sich, wie einer Deutsch lehren soll, der sich nach den hiesigen Richtlinien orientiert, und zitiert ein paar exotische Vorgaben an die armen Lehrer (schön ist etwa der zitierte „motivliche und gattungspoetische Hintergrund“). Aber auch aus der FAZ gibt es Beispiele, die exemplarisch die Scheußlichkeit auch vieler wissenschaftlicher Sätze zum Ausdruck bringt. Schneider endet seine zweite Videokolumne mit den Worten: „Stell dir vor, du liest deutsch und verstehst jeden Satz“ …. träumen darf man ja.

Zwischenbilanz

Eine Zwischenblanz versucht der 50. Band der GMW-Reihe mit dem Titel: „E-Learning: Eine Zwischenbilanz. Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs„. Das ist eine gute Idee, hilft es doch tatsächlich oft für weitere Entwicklungen, wenn man mal zurückblickt und sortiert, was alles gelungen, was misslungen und was offen geblieben ist und welche Gründe es dafür geben könnte. Aufschlussreich sind die Beiträge von Simone Haug und Joachim Wedekind (eine Bilanzierung zu Förderprojekten) einerseits und Peter Baumgartner und Reinhard Bauer (eine Bilanzierung zum Medidaprix) andererseits und in Ergänzung dazu das Expertenstatement von Michael Kindt, weil sie deutlich machen, wie stark die Bemühungen um das Lernen und Lehren mit digitalen Medien (an der Hochschule) von Faktoren außerhalb der Hochschule, allem voran vom bildungspolitischen Klima und dazugehörigen Entscheidungen (bei denen es schlicht ums Geld geht) beeinflusst werden. Speziell die Föderalismusreform hat in Deutschland diesbezüglich gravierende Folgen gehabt. Michael Kindt (S. 98) formuliert es eher vorsichtig, was nach der letzen 2006 ausgelaufenen Förderrunde aktuell der Fall ist: „Weder Bund noch Länder fühlen sich wirklich veranlasst, die mit enormen Aufwand initiierten Entwicklungsstränge auszuwerten, z. B. auf Einflussfaktoren zu untersuchen, die im Sinne der Zielsetzungen förderlich oder hinderlich waren oder evtl. weitere Perspektiven und einen entsprechenden Förderbedarf auszuloten.“ Man könnte es auch drastischer sagen: Niemand hat mehr einen Überblick, jedes Land hat seine eigene Strategie, aber es eint sie der Versuch, die Verantwortung an die einzelnen Hochschulen weiterzureichen, die aus finanzieller Not nur da investieren, wo ein rascher „Return on Investment“ zu erwarten ist. Um den zu finden (und man finden ihn in der Bildung meistens nicht, weil die Effekte zwar nachhaltig, aber äußerst träge sind) und zu nutzen, scheuen manche Hochschulleitungen auch vor Beratungs- und Marketingfirmen nicht mehr zurück.

Mir selbst fällt (negativ) auf (und es wird mit beim Lesen des neuen Bandes wieder klar), dass der Einfluss der E-Learning Community auf die Bildungsforschung insgesamt sehr klein ist (was ich damit meine, kann man genauer hier nachlesen). Das ist ausgesprochen bedauerlich und ob ich mit meinen Überlegungen, woran das liegen könnte, richtig liege, weiß ich letztlich nicht genau. Allerdings wären die Gründe schon wichtig zu kennen, denn dann fiele es leichter gegenzusteuern und den Einfluss zu erweitern. Ich denke nämlich schon, dass im Umkreis des E-Learning zahlreiche interessante Befunde und Erfahrungen ebenso wie theoretische Ideen entstanden sind und entstehen, die für Fragen des Lernens und Lehren an der Hochschule (und darüber hinaus!) von genereller Bedeutung sind (über die Medien hinausgehend).

Was ich bislang nicht so ganz verstehe ist, warum (auch im „Jubiläumsband“) die GMW, deren Kürzel immerhin für „Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft“ steht, auf „E-Learning“, also auf Fragen des Medieneinsatzes in der Hochschullehre eingeengt wird. Zwar hat es über Aspekte wie Hochschulentwicklung durch digitale Medien bereits ausgehend vom E-Learning einzelne Erweiterungen gegeben. Aber auch der Einsatz von Medien in der Forschung ebenso wie in der Wissens- und Wissenschaftskommunikation nach Innen und Außen sollten meiner Ansicht nach dazugehören. Wir haben das im Vorstand bereits andiskutiert und es ist mir ein Anliegen, da dran zu bleiben. Denn vielleicht wäre das ja auch ein Baustein für eine Strategie, den Einfluss der GMW nicht nur auf die Bildungsforschung, sondern z.B. auch auf die Hochschulforschung auszuweiten. Zudem könnte dies eine Erweiterung der Zielgruppen bedeuten, von der die GMW ja nur profitieren würde.

Ich habe noch nicht alle Beiträge des Bandes gelesen, aber nach der Lektüre einiger ausgewählter Texte und einem Überblick über die andere Beiträge, muss ich Joachim zustimmen, dass es sich lohnt, sich ein wenig mehr Zeit für den Band zu nehmen (auch wenn nicht alle Artikel auf demselben Niveau sind). Abschließend möchte ich noch Rolf Schulmeister (S. 321) zustimmen, der auf ein aus meiner Sicht wichtiges Spanungsfeld beim Einsatz aktueller digitaler Medien speziell in Bildungsinstitutionen hinweist: „Es ist zu erwarten, dass sich auf diese Weise ein Widerspruch zwischen der naturwüchsigen Innovation und der ungeordneten Vielfalt an Methoden im Internet einerseits und den Bemühungen um Standardisierung der Schnittstellen, die für die Kooperation notwendig sind, einstellen wird, der die Fähigkeit zur Kooperation einschränken kann.“