Selbstentmächtigung

Einer KI geht es um nichts – so lautet der erste Teil des Titels eines Beitrags in der Zeitschrift für Kulturphilosophie von Thomas Fuchs, Matthias Jung und Magnus Schlette – letztes Jahr erschienen*. Eine Kollegin hat mich auf den Beitrag aufmerksam gemacht, der über ResearchGate auch online frei zugänglich ist. Im Kern geht es – und das ist der zweite Teil des Titels – um Bildung und Verkörperung im digitalen Zeitalter.

* Fuchs, T., Jung, Matthias & Schlette, Magnus (2025). Einer KI geht es um nichts. Bildung und Verkörperung im digitalen Zeitalter. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 1, 141-152.

Ich möchte zunächst mit ein paar längeren Zitaten die Autoren selbst zu Wort kommen lassen:

  • Die Auswirkungen von KI beschränken sich nicht auf die Transformation des Berufslebens, sie greifen zunehmend auch in unser menschliches Selbstverständnis ein. KI simuliert immer überzeugender auch das, was uns als Menschen ausmacht, nämlich Personalität. […] Im Bildungsbereich ist von diesem anthropologischen Schauder allerdings bisher auffällig wenig zu spüren. (S. 1)
  • Statt sich auf ein […] kognitives Wettrüsten einzulassen, sollte man besser die anthropologische Frage stellen, welche Rolle Kognition für den Lebensvollzug von Menschen, d. h. von symbolisch kompetenten sozialen Organismen spielt. […] Was leistet Kognition im Leben des Menschen? Welche Aspekte unserer Lebensform verleihen kognitiven Fähigkeiten eine anthropologische Bedeutung, auf die wir auch dann nicht verzichten wollen würden, wenn die Produkte dieser Fähigkeiten von einer KI ununterscheidbar simuliert werden könnten? (S. 2)
  • Die Eigenschaft der Intelligenz haben wir unseren Maschinen … fälschlich zuerkannt – mit der Konsequenz, dass wir nun vielfach unsere eigene Intelligenz auf Rechenleistungen reduzieren. (S. 3)
  • Die kreative Phantasie und der ´Möglichkeitssinn´ (Musil) charakterisieren wie kaum eine andere Fähigkeit die spezifische Stellung des Menschen unter allen Lebewesen. […] Für genuine Kreativität ist diese imaginative Kompetenz unerlässlich: Sie spielt mit dem ´Als ob´ der Möglichkeiten, d. h. sie versetzt Seiendes kontrafaktisch in ein Anderssein oder einen anderen Kontext, wie das im Tagtraum, im Spiel, in der Fiktion und in der Kunst der Fall ist. (S. 6)
  • [Es] … ist nicht ausgeschlossen, dass KI-Systeme überraschende und in bestimmten Bereichen humaner Kognition überlegene Lösungen für bereits identifizierte Probleme liefern können […] Wenn es aber um genuin innovatives Denken geht, ist menschliche Intelligenz unersetzbar. Das gilt für die wissenschaftliche Kreativität in der Spitzenforschung, aber genauso für ethische Bewertungen. Nur Lebewesen, die ein Wohl und Wehe spüren, können Werte und Normen entwickeln, kreativ auf moralische Herausforderungen reagieren und verantwortliche Entscheidungen treffen. (S. 7)
  • Die Rede vom freien Spiel der Erkenntniskräfte ist ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was auch im digitalen Zeitalter zu den Bestimmungsmerkmalen universitärer Bildung zählen sollte. (S. 7) Indem wir Möglichkeitshorizonte imaginieren, erheben wir uns über die Faktizität des Bestehenden. (S. 8)
  • Bildung fördert Selbstmächtigkeit (S. 8). Bildung heißt Artikulationskompetenz. […] Gebildet zu sein, heißt sich ausdrücken zu können (S. 9). Bildung ist resonante Kommunikation, die sich dem Widerständigen öffnet. (S. 10)
  • Bekanntlich hat schon Wilhelm von Humboldt darauf bestanden, dass Bildung, zumal universitäre, mehr ist als der Erwerb beruflich einsetzbarer Fachkompetenzen und etwas mit der allseitigen Ausbildung der Persönlichkeit zu tun hat. Angesichts des Aufstiegs künstlicher Intelligenzsimulationen wird diese anthropologische Bedeutung von Bildungsprozessen immer deutlicher. […] Wenn wir unser Verständnis menschlicher Intelligenz am Modell der KI orientieren, geraten wir in eine fatale Feedbackschleife der Selbstentmächtigung […] Gründen wir hingegen unsere Deutung des spezifisch Menschlichen auf eine antireduktionistische Anthropologie verkörperter Bedeutungen, fördern wir Erfahrungen der Selbstermächtigung und Verantwortlichkeit. (S. 11) Universitäre Bildung im digitalen Zeitalter hat sich daran zu bewähren, dass sie Erfahrungen geistiger wie praktischer Selbstmächtigkeit zu fördern vermag, in denen Intelligenz nicht ihrer Simulation durch KI assimiliert, sondern als kreative Leistung verkörperter Vernunftwesen begriffen wird. (S. 12)

Es lohnt sich, den Text ganz zu lesen. Die ausgewählten Zitate ersetzen das nicht, aber: Sie machen den Argumentationsgang sichtbar. Ich würde ihn so zusammenfassen:

Angesichts der Wucht, mit der KI den Menschen und seine kulturelle Errungenschaft namens Bildung trifft, gilt es, zunächst einmal die anthropologische Frage zu stellen, was den Menschen vor der Maschine auszeichnet: Menschliches Denken (oder Intelligenz) lässt sich nicht auf Rechenleistungen reduzieren; es ist verbunden mit imaginativer Kompetenz und der Tatsache, dass der Mensch ein Körperwesen bzw. ein verkörpertes Vernunftwesen ist. Mit dieser Antwort lässt sich die zweite Frage stellen, welche Bedeutung (universitäre) Bildung für den Menschen hat: Bildung ermöglicht Erfahrungen geistiger und praktischer Selbstmächtigkeit, fördert Artikulationskompetenz, ist resonante Kommunikation und trägt mit diesen Merkmalen zur Ausbildung der Persönlichkeit bei. Wenn wir unser Verständnis menschlicher Intelligenz am Modell der KI orientieren, steht beides auf dem Spiel – unser menschliches Selbstverständnis ebenso wie das Potenzial von Bildung für den Menschen. Warum? Weil eine Orientierung am Modell der KI letzten Endes auf eine Selbstentmächtigung hinausläuft.

Für mich bringt der Begriff der Selbstentmächtigung hervorragend das Risiko auf den Punkt, das KI in der Hochschule – im Kontext von Studium, Lehre und Forschung gleichermaßen – mit sich bringt. Dem gilt es, entschieden gegenzusteuern!

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