Mit dem Zeiterleben ist das so eine Sache: Während mir die circa zehn Jahre an der Universität Augsburg (meine erste Uni-Station) ziemlich lang vorkommen sind, habe ich (nach zwei kürzeren Stationen an kleineren Universitäten) an der Universität Hamburg ein Jahrzehnt schon letztes Jahr überschritten. Und bei unserem Masterstudiengang Higher Education (MHE) (berufsbegleitend und konsekutiv) am HUL haben wir nächstes Jahr das zehnjährige Jubiläum. Komplett online ist der Studiengang seit der COVID-19-Pandemie – ein Schritt, den wir bis heute nicht bereut haben. Dass der MHE, so wie er jetzt angeboten wird, gut ankommt und seine Ziele erreicht, hat uns auch die Akkreditierung 2025 bescheinigt (hier geht es zur Liste aller akkreditierten Studiengänge an der Universität Hamburg). Aber: Ist ein solcher Studiengang – klein, persönlich, personalaufwändig – nicht irgendwie Luxus? Braucht man eine wissenschaftliche Ausbildung – forschungsnah, theoriegeleitet, reflexiv –, um die Bildungspraxis an der Hochschule zu verbessern?
Meine Antwort auf beide Fragen lautet – natürlich – ja, und ich möchte dafür (mindestens) drei Gründe angeben und ein wenig erläutern.
Grund Nummer 1: Jedes Semester erlebe ich aufs Neue, wie unterschiedlich verschiedene Disziplinen und Fächer auf Wissenschaft blicken, wie heterogen das Verständnis von Forschung ist, wie all das die Kultur des Lehrens und Lernens beeinflusst und was für ein Gewinn es sein kann, sich genau damit auseinanderzusetzen. Mein Eindruck ist, dass unsere Zielgruppe (Personen, die selbst in der Lehre tätig sind oder in Bereichen der Hochschule, die Lehre und Lehrpersonen unterstützen) das ähnlich sieht; ein Blick in die Faces of MHE mag das belegen. Und wie ist das möglich? Es liegt daran, dass der MHE Personen aus verschiedenen (Sub-)Disziplinen zusammenführt: Historiker, Mathematikerinnen, Soziologen, Medizinerinnen, Geographen, Pharmazeutinnen, Psychologen, Informatikerinnen, Juristen und so weiter. Wenn Menschen mit derart verschiedenen fachlichen Hintergründen zusammen über Hochschule und Hochschulbildung nachdenken, sich mit Hochschulbildungsforschung beschäftigen und sich dazu austauschen, kann jede Person ihren bislang meist fachlich begrenzten Horizont deutlich erweitern. Wo gibt es das sonst?
Grund Nummer 2: Der MHE ist ein zwar ein kurzer Master mit einem Umfang von 60 Leistungspunkten, was ihn berufsbegleitend relativ gut studierbar macht. Trotzdem ermöglichen wir ein umfangreiches Projektstudium, das ein Drittel des gesamten Arbeitsumfangs ausmacht. Hier führt jeder im eigenen beruflichen Kontext ein Projekt durch, das forschungs- und praxisorientiert zugleich ist; das geht mit Design-Based Research. Im Projekt-Modul führen wir in dieses Forschungsgenre ein und begleiten die Studierenden auf mehreren Wegen bei der Projektdurchführung – bis zur Projektkonferenz, die jedes Semester anschaulich zeigt, wie man mit einer forschenden Haltung wissenschaftlich fundiert eine bessere Lehrpraxis anstoßen kann. Wir eröffnen mit diesem Modul die Möglichkeit, dass sich Lehrpersonen zu Scholars of Teaching and Learning beziehungsweise Personen aus dem Third Space zu Scholars of Academic Development entwickeln, die in ihrem eigenen Fach oder Hochschulbereich ihr didaktisches Handeln beforschen. Damit professionalisieren sie nicht nur ihr eigenes Tun, sondern steuern darüber hinaus gehende Erkenntnisse für die Hochschulbildung bei. Wo gibt es das sonst?
Grund Nummer 3: Wir haben den MHE im Oktober 2017 im Blended Learning-Modus gestartet. Die COVID-19-Pandemie hat uns in den reinen Online-Modus zunächst gezwungen. Es war damals kein großes Problem, denn die meisten aus dem MHE-Team waren bereits ausreichend lang mit Online-Lehre vertraut – praktisch und in der Forschung. Von daher haben wir die rasche Umstellung nicht als „Emergency Remote Teaching“ praktiziert oder erlebt. In unserem speziellen Fall hat sich gezeigt, dass ein reines Online-Angebot sogar die besser Variante ist: Die Studierenden kommen aus ganz Deutschland, teilweise auch aus Österreich oder der Schweiz, sind in der Regel berufstätig und haben schon einen akademischen Abschluss. Dies muss als Hintergrund berücksichtigt werden. Ein Selbstläufer ist ein Online-Studiengang aber selbst unter diesen Bedingungen nicht: Wir arbeiten viel mit synchronen Terminen, die wir konsequent für soziale Interaktion sowie Plenums- und Kleingruppenarbeit nutzen und die Vermittlung von Inhalten in den asynchronen Bereich verlagern. Aber selbst das asynchrone Arbeiten gestalten wir interaktiv mit Aufgaben in verschiedenen Sozialformen und individuellen Feedbacks. Studierende, die bereits andere Online-Studiengänge absolviert haben, bescheinigen uns, dass sie dies so noch nicht erlebt hätten. Auf diese Art und Weise gelingt es uns, dass Beziehungen zwischen Personen wie auch zum Gegenstand Higher Education aufgebaut werden können – eine Wirkung, die der Online-Lehre bisweilen abgesprochen wird. Wo gibt es das sonst?
Um es nochmal kurz auf den Punkt zu bringen: Würde man mich fragen (und in Zeiten des Sparens werden solche Fragen immer wahrscheinlicher), ob der MHE am Ende nicht Luxus und die mit ihm realisierte Ausbildung praktisch nicht sonderlich relevant sei, würde ich antworten: Nein, denn der MHE kann so viel mehr als man vielleicht von einem kurzen, berufsbegleitenden Online-Studiengang erwarten würde. Hier gibt es erstens mit der Zielgruppe disziplinäre Vielfalt, die zur Erkenntnisquelle wird, zweitens ausreichend Raum und Zeit, um forschend die eigene Praxis zu entwickeln, und drittens hohes Engagement im MHE-Team, um eine Online-Lehre zu gestalten, die in mehrfacher Hinsicht verbindet.
Es ließen sich weitere Gründe ergänzen, die dafür sprechen, diesen Studiengang noch lange anzubieten; zwei möchte ich zumindest noch andeuten. Zum einen: Diejenigen, die den MHE studieren, können an ihren Hochschulen als Multiplikatoren wirken. Sie können die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten wie auch die entwickelte forschende Haltung nicht nur unmittelbar anwenden; sie können für andere an ihrer Hochschule auch Modell sein und an Kolleginnen und Kollegen weitergeben, was sie gelernt haben. Der investierte Personalaufwand im MHE lohnt sich folglich allemal. Zum anderen: Generative Künstliche Intelligenz (KI) wird sich immer mehr in die Gestaltung von Lehre, Studium und hochschuldidaktische Qualifizierung drängen. Um diese Entwicklung mitzugestalten ebenso wie Risiken zu reduzieren, die KI für die akademische Welt mit sich bringt, sind fachliches Wissen und Können sowie Forschungskompetenz zu Higher Education und eine entsprechende Ausbildung, die nicht nur praxisbezogen, sondern forschungsnah und reflexiv ist, dringlicher denn je.
Und wer jetzt (oder ohnehin) dabei sein will: Die Bewerbung zum kommenden Wintersemester 2026/27 läuft für den MHE noch bis zum 15. Juni 2026.