Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Diskrete Form der Verweigerung

Vertrauen statt Misstrauen, wissenschaftlicher Habitus statt ökonomischem Verhalten, Wertschätzung statt Missgunst, Ehre statt Prominenz … „Kann man ein Wissenschaftsunternehmen als akademische Republik führen?“ Das sind ziemlich beeindruckende Worte und eine große Frage, die in einem neuen Text von Dieter Lenzen behandelt werden.

Lenzen, D. (2014). Hochschule – Unternehmen oder akademische Republik? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17 (Supplement), 11-24.

Leider ist der Beitrag nicht online (Abstract hier), aber es lohnt sich, sich ihn zu beschaffen. Lenzen setzt sich hier mit dem Einfluss des Wirtschaftssystems auf das Wissenschaftssystem und damit auch auf die Lehre an Universitäten auseinander. Er wählt einen historischen Weg und führt den Leser in aller Kürze durch einzelne Stationen der Universitätsgeschichte, um seine Vorstellungen von den Chancen und Möglichkeiten der Zukunft der Universität darzulegen und zu begründen. Die Systemtheorie steht ihm dabei zur Seite, was die Verständlichkeit des Textes keineswegs einschränkt, dessen Nachvollziehbarkeit für mich persönlich allerdings an einigen Stellen etwas mindert. Aber das ist eben die gewählte Perspektive und als solche sicher eine (aber eben vermutlich nicht die einzige) Sicht auf den Zustand deutscher Universitäten und deren Entwicklung.

Der Beitrag setzt einen Fokus: das Qualitätsmanagement, und das ist ein Thema, das noch in den 1990er Jahren im Bildungsbereich eher exotisch anmutete. Als ich im Jahr 2000 meine Habilitation einreichte, musste ich neben einem wissenschaftlichen Vortrag auch einen Lehrvortrag halten. Das Thema, das ich damals gewählt hatte, war: „Qualitätsmanagement in Schulen“ (leider nur als Abstract hier verfügbar). 2004 erschien der Beitrag dann noch einmal überarbeitet in einem Sammelband („Schulleitung und Schulentwicklung“) von Rolf Arnold und Christian Griese. Im Nachhinein fragt man sich ja, ob man – wenn die Dinge zehn oder mehr Jahre zurückliegen – nicht naiv argumentiert hat. Und natürlich habe auch ich eine persönliche Entwicklung durchlebt im Umgang mit den Begriffen Qualität, Qualitätssicherung. Qualitätsentwicklung, Qualitätsmanagement und begegne diesen heute mit einer weitaus größeren Skepsis. Immerhin (!) kam ich bereits zu Zeiten meiner Habilitation zu dem Schluss, dass (im damaligen Fall) Schulen ein „pädagogisches Qualitätsmanagement“ brauchen und Konzepte aus der Wirtschaft „nur bedingt“ geeignet sind.

Lenzen kommt in seinem Beitrag zu einem mehrdeutigen Fazit: Einerseits müsse man das Wissenschafts- und Wirtschaftssystem konsequent voneinander trennen, weil beide (!) sonst Gefahr laufen, Schaden zu nehmen. Andererseits können man Instrumente des New Public Management (und demnach auch Qualitätsmanagements) dort nuten, wo es keine Eigendynamik entwickle und dem Wissenschaftssystem untergeordnet werden könne.

In Bezug auf die Lehre zeigt sich nach Lenzen das Qualitätsmanagement vor allem im Gewand von Akkreditierungsprozessen und „Qualitätsgarantien für wissenschaftlichen Unterricht“ (S. 19). Daneben spiele die permanente Beurteilungspraxis eine enorme Rolle und führe zu „Konditionierung und Selektion des Verhaltens durch Bewertung“ (S. 19), was ich durch eigene Beobachtungen leider uneingeschränkt bestätigen kann (von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, die es auch noch gibt). Nicht Bildung, nicht Persönlichkeit und Kritikfähigkeit, sondern das künftige Einkommen (Studierendensicht) und die hochqualifizierte Arbeitskraft (gesellschaftliche Sicht) dominieren als Ziel und Referenz und ordnen sich damit umstandslos dem Wirtschaftssystem unter.

Lenzen bleibt nicht bei der Analyse stehen, sondern stellt sich auch der Frage: Was kann man tun? (S. 19-23) Seine vier Optionen (Bücher aus der Sicht des Beobachters schreiben, alte Zeiten und „Bildung durch Wissenschaft“ beschwören, die Entwicklung guthießen oder sich um die Selbstaufgabe der Wissenschaft in Forschung und Lehre sorgen und Paradoxien fruchtbar machen) liegen aus meiner Sicht nicht auf einer logischen Ebenen. Eher würde ich die bloße Analyse in der Beobachterrolle von der (auf Analyse beruhenden) Gestaltung in der Rolle des Akteurs einerseits und dann inhaltliche Richtungen von Analyse und Gestaltung andererseits unterscheiden. Wie dem auch sei: Lenzens Losung lautet: „Employability durch Bildung“ für die Lehre und „Bedürfnisbefriedigung durch Wahrheitssuche und -findung“ in der Forschung (S. 20). Und die Prozessformel ist: „irgendetwas jenseits und gleichzeitig diesseits der Subversion, der Sabotage, des Sublimen. Eine diskrete und elegante Form des Unterlaufens, der Verweigerung, der Umdeutung …“ (S. 20). Will heißen: „sich die Kraft des Gegners gelenkig zunutze machen“ (S. 20) und Semantiken, die man nicht mehr wegbekommt, unter die Systemlogik der Wissenschaft bringen.

Das ist mir einerseits unglaublich sympathisch, und das dürfte wohl auch damit zu tun haben, dass ich das selber (im Kleinen) schon oft genug versucht habe (das wichtigste eigene Beispiel dürfte wohl die „Semantik des Wissensmanagements“ sein). Andererseits ist mir das gerade in den letzten eineinhalb Jahren auch unglaublich suspekt geworden, weil es zwar potenziell wirksam, aber auch gefährlich ist, weil der Schritt hin zum Intransparenten und Manipulativen klein ist. Das dürfte mehr für den Aspekt des Umdeutens und weniger für den ebenfalls genannten Aspekt der Verweigerung gelten – übrigens ohnehin eine Strategie, die viele Wissenschaftler/innen wohl schon lange geradezu verinnerlicht haben.

Um schließlich noch einmal auf Lenzens Plädoyer für die Lehre zurückzukommen: „Employablity durch Bildung“, so meine ich, ließe sich relativ leicht erweitern zu „Employability durch Bildung durch Wissenschaft“, denn das würde ja sogar den Kreis zur Forschung schließen, den Lenzen unter das Motto „Bedürfnisbefriedigung durch Wahrheitssuche und -findung“ stellen möchte. Zudem erfüllt „Bildung durch Wissenschaft“ aus meiner Sich noch eine weitere Forderung im Text, nämlich die nach der Schaffung „dritter Semantiken, die den Wahrheitscode stützen“ und auch „historisch“ sein könnten (S. 22).

2 Kommentare

  1. Passt vermutlich zu dem großartigen Buch von Konrad Paul Liessmann „Theorie der Unbildung – Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“

  2. Ich fand den Text durchaus auch erkenntnisreich für mich. Besonders hängenbleiben wird bei mir wohl, dass Qualitätsmanagement nur bei altem, gesichertem Wissen greift.

    Ein Detail, das mir am Rande noch aufgefallen ist: Lenzen vertauscht irrtümlich Käufer- und Verkäufermärkte; das allerdings konsequent.