Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Nicht irgendwie gemacht oder entstanden

Lang ist es schon wieder her …, als ich auf Paul Hoyningen-Huene getroffen bin, der mal zu einem Gespräch an der Zeppelin Universität war (ich meine, es war 2014). Eingeladen hatte Alfred Kieser und ich war gerne bei diesem Gespräch dabei, weil meine Recherchen im Vorfeld ergeben hatten: Das ist ein sehr interessanter Mann! Ursprünglich Physiker, war er bis 2014 an der Leibniz Universität Hannover vor allem für Wissenschaftsphilosophie zuständig und beschäftigte sich u. a. intensiv mit den Arbeiten von Thomas Kuhn und Paul Feyerabend. Und was dazu kommt: Viele seiner Texte sind gut verständlich – auch für aufmerksame Leser außerhalb der Philosophie (und das ist ja bekanntlich nicht selbstverständlich). Nun bin ich wieder auf einen Text von Hoyningen-Huene mit dem einfachen Titel „Was ist Wissenschaft?“ (von 2011) gestoßen, der erfreulicherweise online hier abgerufen werden kann.

Hoyningen-Huenes (2011, S. 558) These lautet: „Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich von anderen Wissensarten, besonders dem Alltagswissen, primär durch seinen höheren Grad an Systematizität“. Gegenbegriffe zu „systematisch“, so der Autor, würden zur weiteren Explikation der These wenig helfen, sind aber doch zumindest illustrativ: „rein zufällig, beliebig, unmethodisch, planlos, ungeordnet, irgendwie gemacht oder entstanden“. Umso wichtiger ist dem Autor eine Konkretisierung über insgesamt neun Dimensionen, auf denen wissenschaftliches Wissen systematischer ist als andere Wissensarten, ohne dass aber alle neun Dimensionen für alle Wissenschaften einschlägig seien. Diese Dimensionen nennt er (S. 558 f.): Beschreibungen, Erklärungen, Vorhersagen, Verteidigung von Wissensansprüchen, kritischer Diskurs, epistemische Vernetztheit, Ideal der Vollständigkeit, Vermehrung von Wissen sowie Strukturierung und Darstellung von Wissen.

(1) Beispiele für das systematische Moment in Beschreibungen seien Axiomatisierungen, Taxonomien, Periodisierungen, (systematische) narrative Darstellungen, Verallgemeinerungen via empirischer Regularitäten etc. (2) Erklärungen würden sich etwa zeigen in Theorien, aber auch in narrativen Erklärungen und hermeneutischen Zirkeln. (3) Als Beispiele für Vorhersagen werden u. a. statistische empirische Verallgemeinerungen und Theorien ebenso wie Modelle, Simulationen, Zeitreihen, aber auch Expertenurteile genannt. (4) Eine Verteidigung von Wissensansprüchen erfolge vor allem über Beweise und empirische Daten (mit dem Ziel der systematischen Irrtumselimination). (5) Der kritische Diskurs werde über viele Wege systematisch verfolgt: über Publikationen und deren Selektion und Besprechung (Peer Review), Diskussionen und Kritik auf Tagungen und Konferenzen und andere Formen der öffentlichen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. (6) Epistemische Vernetztheit mache sich daran bemerkbar, dass stets ein Bezug zu anderen Autoren, Themen, Theorien hergestellt wird. (7) Das Ideal der Vollständigkeit drücke das Streben aus, nicht fragmentarisches Wissen über einen Gegenstandsbereich zu sammeln, sondern Wissenssysteme so vollständig wie möglich zu machen. (8) Damit hänge auch die Vermehrung von Wissen zusammen – ein Bestreben, das eine systematische Suche nach neuem und verbessertem Wissen auslöst. (9) Die Dimension Strukturierung und Darstellung von Wissen schießt gewissermaßen den Kreis zu den Beschreibungen; hier geht es um die Gliederung wissenschaftlichen Wissens in Disziplinen, Subdisziplinen und Forschungsgebiete, aber auch um spezielle Darstellungsformen und Nomenklaturen etc.

Am Ende des Textes kommt Hoyningen-Huene zu dem Schluss: Wenn nach Albert Einstein alle Wissenschaft nur eine Verfeinerung des Denkens des Alltags sei, dann wolle er eine Konkretisierung dieser Verfeinerung liefern und entsprechend vorschlagen: „Alle Wissenschaft ist nur eine Systematisierung des Denkens des Alltags“ (S. 565).

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