Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Ludwik Fleck – je schlechter der Arzt, umso logischer die Therapie

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Der erste Aufsatz in „Erfahrung und Tatsache“ von Ludwik Fleck trägt den Titel „Über besondere Merkmale des ärztlichen Denkens“. Dieser basiert auf einem Vortrag aus dem Jahre 1927. Ich habe mir beim Lesen ein paar Passagen markiert und möchte diese hier wiedergeben. Es sind Passagen, die mir wichtig vorkamen und von denen ich glaube, dass man diese auch im Zusammenhang mit der Hochschuldidaktik diskutieren könnte – selbst, wenn sie zunächst einmal weit weg erscheinen.

Fleck beschreibt hier, wie seiner Auffassung und Beobachtung nach die Medizin arbeitet und forscht. Ich zitiere oder paraphrasiere ein paar Sätze: So sei es z.B. die Aufgabe der Medizin, aus dem reichhaltigen und chaotischen Material, das ständig hervorgebracht werde, „irgendwelche Gesetze, Zusammenhänge, irgendwelche Typen höherer Ordnung zu finden“ (S. 38). Typen im Sinne von Krankheitseinheiten seien dann ideale, fiktive Bilder, um die sich Krankheitsphänomene gruppieren würden, die individuell und veränderlich sind. Zusammenhänge, die man nicht sieht, müsse man vermuten; dazu brauche man eine spezifische Intuition (S. 39). „Gerade die besten Diagnostiker sind am häufigsten nicht imstande, konkret anzugeben, wonach sie sich in der gegebenen Diagnose gerichtet haben, …“ (S. 40). Man habe in der Medizin eine „charakteristische Diskrepanz von Theorie und Praxis“ (S. 40). Das ließe sich am besten in Erklärungsversuchen für die Wirkung von Heilmitteln zeigen: je kürzer die Lebensdauer einer Heilmethode, desto exakter komme ihre Begründung daher, oder noch kürzer: je schlechter der Arzt, umso logischer seine Therapie (S. 41). Die Welt der Krankheitsphänomene sei irrational als Ganzes, so Fleck, aber durchaus rational im Einzelnen (S. 42). Daher müsse man immer wieder den Blinkwinkel wechseln und von eingenommenen Denkstandpunkten zurücktreten. Fleck spricht sich für eine „spezifisch temporäre und dynamische Fassung der Krankheitsphänomene“ (S. 43) sowie dafür aus, den Krankheitsbegriff zeitlich bzw. geschichtlich zu fassen. Ein Vergleich bringt es gut auf den Punkt: Die Krankheit verhalte sich zu normalen Funktionen wie die Beschleunigung zur Geschwindigkeit (S. 43).

In diesem Aufsatz kündigt sich die Idee der Denkkollektive bereits vorsichtig an. Im Zentrum aber steht, so meine Einschätzung, eher die Frage, wie man in der Medizin eigentlich etwas „erkennt“ – also einen Zusammenhang etwa, auf dessen Basis man therapeutische Entscheidungen trifft. Nun kann man sich freilich fragen, was das auch nur im Entferntesten mit Hochschuldidaktik zu tun hat. Man könnte zum einen sagen: Nichts, was aber egal ist, denn dieser erste Aufsatz weist ja nur den Weg hin zu Flecks Erkenntnistheorie und erst die ist dann auch für Hochschuldbildungsforschung von Interesse. Man könnte sich jedoch zum anderen fragen, ob es nicht doch den einen oder anderen analogen Bezug zum akademischen Lehren und Lernen gibt. Vielleicht wäre das ein möglicher Diskussionspunkt – hier im Blog oder in unserem Kolloquium am 29. September 2017.

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