Wer im Kontext der allgemeinen Hochschuldidaktik nach theoretischen Konzepte zum Üben sucht, findet nicht viel, obschon es faktisch weit verbreitet ist: Immerhin gibt es die Übung als Lehrformat an Hochschulen, es werden immer mehr Brücken- und Vorkurse konzipiert, die in hohem Maße auf das Üben setzen, digitale Medien ermöglichen individualisiertes Üben etc. Mein Verdacht ist ja schon lange: Das eher geringe theoretische und empirische Interesse am Üben in der Hochschuldidaktik könnte unter anderem vom schlechten Ruf des Übens als Pauken, Drill-and-Practice oder Maßnahme der Disziplinierung verursacht sein. Anzunehmen ist des Weiteren, dass man das Üben im Zuge konstruktivistischer Ansätze aus den Augen verloren hat und als eine letztlich unwichtige und überholte Lernform betrachtet.
Kategorie: gefunden
Irgendwelchen Moden nachlaufen
Der Soziologe Rudolf Stichweh spricht in einem Interview (hier) über die Tücken der Wissenschaftsfinanzierung bzw. Forschungsförderung. Im Zentrum steht die Frage, wer sowohl die „kleinen“ Probleme als auch die großen gesellschaftlichen Herausforderungen definiert, für die Wissenschaft nach Lösungen sucht. Während Wissenschaftler bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder beim Europäischen Forschungsrat ERC (European Research Council) ihre Fragen selbst formulieren, sind diese mehr oder weniger detailliert vorgegeben, wenn Forschungsprogramme von der Politik oder Wirtschaft ausgeschrieben werden. Zwar werden auch für solche Ausschreibungen in der Regel Wissenschaftler beratend hinzugezogen: Skepsis gegenüber diesem Weg aber ist durchaus angebracht, wie das Interview deutlich macht. Der Wissenschaftsrat, so Stichweh, habe vor gut einem Jahr ein Positionspapier verabschiedet, mit dem er die Debatte über die sogenannten Großen Gesellschaftlichen Herausforderungen anstoßen wollte. „Ich stehe diesen Zuspitzungen mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Derlei Versuche bergen immer die Gefahr, irgendwelchen Moden nachzulaufen. Probleme, die heute vielleicht als relevant erscheinen, können schon morgen in ihrer Bedeutung von anderen verdrängt werden. Das dafür investierte Forschungsgeld verpufft.“
Cool auf akademisch
Es gibt Jugendsprachen und das Jugendwort des Jahres. Aber ich musste schon zustimmend (!) schmunzeln, als ich in der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre gleich auf der ersten Seite gelesen habe, dass es auch in der Akademiker-Sprache Trend-Wörter gibt. Ich zitiere einfach mal den Autor Wolfgang Kemp (Emeritus der Universität Hamburg): „Neulich nahm ich an einer Runde von Bewerbungsvorträgen teil: als „Öffentlichkeit“, als Emeritus und als Gast in einem fremden Fach. Hatte sich etwas geändert in der schwierigen Disziplin des gar nicht so heiteren Berufungsratens? Als erstes fiel mir eine Gemeinsamkeit zwischen Kommissionsmitgliedern und Bewerbern auf. Beide sagten sehr gerne „spannend“. Spannend ist geil oder cool auf akademisch. Ich selbst verwende das Wort nie, aber ich unterstütze sehr, dass andere es so oft wie möglich gebrauchen – das ist die einzige Chance, das Wort wieder loszuwerden. Was allerdings dann kommt? Das Gegenteil von spannend hieß übrigens: Ich finde das schwierig.“ Schwierig finde ich nur, wie man die spannende Strategie umsetzt, etwas loszuwerden, indem man es fördert. Ich würde mich aber sehr gern daran beteiligen :-).
Neue Inhaltlichkeit
Zufällig bin ich auf die Zeitschrift erwachsenenbildung.at gestoßen. Die Ausgabe 20 vom Oktober 2013 trägt den Titel „Didaktik im Spiegel. Das Ringen um den Kern der Professionalität“, wobei die Professionalität der Erwachsenenbildner gemeint ist.
Die Beiträge von Martin Lehner und Stephan Frank thematisieren die Vernachlässigung des Inhalts in der Didaktik der vergangenen Jahrzehnte – eine Beobachtung, auf die ich erst kürzlich im Zuge der Erarbeitung einer Veranstaltung zur Curriculumentwicklung (hier) aufmerksam gemacht habe.
Erniedrigungsbürokratie
Manchmal liest man ja was und weiß sofort: Da schreibt jemand öffentlich auf, was man sich selber bisher nur getraut hat zu denken, ohne es laut auszusprechen. Kommt vor! Kam jetzt auch wieder vor, als ich ein Interview mit Reinhard Sprenger gelesen habe, der sich in der Managementliteratur einen Namen gemacht hat. Normalerweise interessiert ich das nicht sonderlich, aber da ich bin hängen geblieben: Sprenger spricht im Interview (hier) von der Entmündigung in großen Unternehmen, von Erniedrigungsbürokratie, psychosozialer Zudringlichkeit und Therapeutisierung. Ein Transfer auf Hochschulen fällt nicht allzu schwer.
Um keinen Deut besser
Der Stifterverband hat seit diesem Jahr ein neues Online-Magazin: Merton! Namensgeber ist der Unternehmer und Politiker Richard Merton, der sich als Wissenschaftsmäzen einen Namen gemacht und wohl auch den Stifterverband geprägt hat. Der Untertitel des Magazins macht deutlich: Es geht im Bildung, Wissenschaft und Innovation. Ich denke, man kann das neue Informationsangebot in die Wissenschaftskommunikation einordnen. Im jüngsten Interview (hier) streiten Julian Nida Rümelin und Thomas Sattelberger darum, ob wir zu viele oder zu wenige Akademiker haben, ob hohe Abbruchraten von Studierenden von der schlechten Lehre oder davon herrühren, dass nicht alle, die ein Studium beginnen, auch für ein Studium geeignet sind. Über Nida-Rümelins Buch hatte ich (hier) bereits mal geschrieben. Ich konnte seiner Argumentation gut folgen; im Interview sind die Statements etwas schwach, aber die Parolen Sattelbergers leider um keinen Deut besser. Das Interview bricht an der Stelle ab, an der es hätte interessant werden können. Na ja, vielleicht kann man es als Aufhänger für eigene Diskussionen verwenden, für mehr sicher nicht.
Nicht irgendwie gemacht oder entstanden
Lang ist es schon wieder her …, als ich auf Paul Hoyningen-Huene getroffen bin, der mal zu einem Gespräch an der Zeppelin Universität war (ich meine, es war 2014). Eingeladen hatte Alfred Kieser und ich war gerne bei diesem Gespräch dabei, weil meine Recherchen im Vorfeld ergeben hatten: Das ist ein sehr interessanter Mann! Ursprünglich Physiker, war er bis 2014 an der Leibniz Universität Hannover vor allem für Wissenschaftsphilosophie zuständig und beschäftigte sich u. a. intensiv mit den Arbeiten von Thomas Kuhn und Paul Feyerabend. Und was dazu kommt: Viele seiner Texte sind gut verständlich – auch für aufmerksame Leser außerhalb der Philosophie (und das ist ja bekanntlich nicht selbstverständlich). Nun bin ich wieder auf einen Text von Hoyningen-Huene mit dem einfachen Titel „Was ist Wissenschaft?“ (von 2011) gestoßen, der erfreulicherweise online hier abgerufen werden kann.
Was akademisches Lehren und Lernen so besonders macht
Was kennzeichnet das akademische Lehren und Lernen und damit auch die Hochschuldidaktik im Vergleich zu anderen Didaktiken? Aus meiner Sicht ist das die Wissenschaft als Medium und Gegenstand des Lehrens und Lernens. Und in genau diese Richtung geht auch ein aktueller Artikel von Rüdiger Rhein mit dem Titel „Hochschulisches Lernen – eine analytische Perspektive“, erschienen (als Open Access!) in der Zeitschrift für Weiterbildungsforschung. Die Zeitschrift (siehe hier) lief viele Jahre über den Bertelsmann Verlag. Jetzt ist (hier) Springer am Zug – und gibt die Artikel frei, was mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht hat.
Mich hat an Rheins Artikel jetzt nicht so sehr interessiert, wie und warum die Hochschuldidaktik auch Teil einer „Erwachsenenbildungswissenschaft“ sein kann – ein Begriff, den ich hier übrigens zum ersten Mal gelesen habe. Vielmehr interessiert mich, wie der Autor das akademische Lernen und Lehren spezifiziert. Im Kern betrachtet der Text dann aber vor allem das akademische Lernen (und weniger das Lehren), das – so die wesentliche Eigenschaft – Wissenschaft zum Gegenstand habe (S. 358).
„Was akademisches Lehren und Lernen so besonders macht“ weiterlesen
Ungewöhnliche Worte
Wenn man diesen Monat das aktuelle Heft von Forschung & Lehre aufschlägt, liest man Ungewöhnliches über die deutsche Sprache (online hier). Man solle das Deutsche auch als überregional nützliche Sprache nicht zu früh abhaken. Als Sprache der Integration, als Sprache des Zugangs zu und des Aufstiegs durch Bildung werde Deutsch wieder wichtiger. Und dann gäbe es da noch die geniale Wortbildung und den elastischen Satzbau im Deutschen – so die Worte von Roland Kaehlbrandt. Ungewöhnlich sind diese Worte, weil man eher umgekehrt inzwischen zunehmend rechtfertigen muss, wenn man in deutscher Sprache publiziert. Es ist zum Manko geworden, zum Defizit, das man beseitigen muss. Dafür gibt es gute Gründe – das ist mir bewusst. Umso schöner, wenn es auch mal für das Deutsche ein paar gute Gründe gibt 😉
Gier 4.0
Joachim Wedekind stellt (hier) fest: Alle beanspruchen plötzlich für sich die Version 4.0 – auf Gipfeltreffen, IT-Konferenzen und in Berichten über die Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. An mehreren Beispielen zeigt er, wie einfallslos die als Innovation deklarierten Entwicklungen sind – weit weg davon, die relevanten Probleme zu lösen, die wir haben und weiter auf uns zukommen. Wedekind kritisiert: Die Digitalisierung wird als alternativlos bezeichnet (ein Thema, das ich auf der Campus Innovation 2014 kurz aufgegriffen hatte, weil ich diesen Eindruck regelmäßig z.B. beim jährlichen Horizon Report habe: siehe hier) – und alle nicken: Erfolgreiche Lobbyarbeit, wie Wedekind treffend darstellt. Es würden falsche Prioritäten gesetzt und alte Denkmuster in die digitalisierte Welt fortgeschrieben. Am Ende dürfte vor allem eines in der mindestens vierten Version vorliegen: die Gier.