Symposium ohne Vorträge – ein Experiment

Letzten Freitag haben wir (Alice Watanabe und ich) in dem Räumen der Claussen-Simon-Stiftung ein Symposium zur Idee der Universität in Zeiten von generativer KI durchgeführt. Wir haben es bewusst anders gestaltet als klassische Tagungen oder Workshops – und verstehen den Versuch als Experiment. Zeit also, kurz zu reflektieren, was sich bewährt hat und was wir bei einer Wiederholung anders machen würden.

Unser Ziel war es, Personen aus unterschiedlichen Disziplinen, Alters- und Statusgruppen an einem Tag zusammenzubringen, um über die Idee der Universität zu diskutieren. Dieses Dachthema auf einer abstrakten Ebene hatten wir bewusst gewählt, weil uns grundsätzliche Diskussionen in der derzeit reaktiven Atmosphäre an Hochschulen im Umgang mit KI zu kurz zu kommen scheinen. Es ging uns darum, gemeinsam zu eruieren, mit welchen Argumenten welche Ideen zur Universität heute vertreten werden und welche impliziten Annahmen dabei leitend sind – insbesondere angesichts der Entwicklung auf dem KI-Sektor.

Die Gestaltungsprinzipien

Essayisten und Diskutanten: Im Vorfeld haben wir Personen aus verschiedenen Disziplinen gewonnen, die ein Essay von maximal 5 bis 6 Seiten ohne weitere Vorgaben verfasst haben. Die Essays wurden nur redaktionell bearbeitet und zu einem Essay-Band zusammengestellt. Zusätzlich haben wir etwa doppelt so viele Diskutanten akquiriert.

Essay-Lektüre und -Sortierung: Mehrere Wochen vorher haben alle den Essay-Band digital erhalten und die Texte in eine Präferenzreihenfolge gebracht. Danach haben wir die Gruppen entsprechend zusammengestellt.

Vorab-Online-Meeting: Ein einstündiges Online-Meeting einige Wochen vor dem Symposium bot die Möglichkeit, sich kennenzulernen und die Gruppeneinteilung transparent zu machen.

Selbstorganisierte Essay-Diskussionen: Am Symposium fanden zwei Essay-Runden mit je drei parallelen Gruppen statt. Wir haben nur auf die Zeit achtende Personen bestimmt – wie die Diskussionen moderiert wurden, sollte jede Gruppe selbst entscheiden.

Digitalfreie Präsenzgestaltung: Da wir auf Vorträge verzichtet und stattdessen mit Essays gearbeitet haben, war keine Präsentationstechnik nötig. Den Essay-Band gab es am Präsenztag gedruckt – das haben wir genutzt, um die Veranstaltung digitalfrei zu gestalten und den Fokus auf die soziale Interaktion zu legen.

Freiraum für Austausch und Vernetzung: Ein informeller Einstieg und Ausklang sowie ausreichend lange Pausen sollten Gelegenheit geben, auch außerhalb der Diskussionsgruppen ins Gespräch zu kommen. Gerahmt war der Tag von einer halbstündigen Einführung mit Zitaten zur Idee der Universität und einem einstündigen Abschlussplenum.

Was hat sich bewährt, was würden wir ändern?

Essayisten und Diskutanten ließen sich problemlos über unsere – teils disziplinübergreifenden – Netzwerke gewinnen, und der geringe Dropout vor dem Termin deutet darauf hin, dass Format und Essays bereits Interesse geweckt hatten. Für eine Wiederholung würden wir künftig ein paar Formalia anders machen, um den Aufwand für den Essay-Band zu begrenzen.

Die Essay-Lektüre vorab hat den Präsenztag spürbar aufgewertet. Weniger überzeugt hat uns, die Gruppen rein nach Präferenzen zusammenzustellen: Das nimmt zwar Rücksicht auf individuelle Interessen, verschenkt aber die Chance, Essays inhaltlich sinnvoll zu „paaren“ – etwa solche mit gegensätzlichen Positionen, die akademisches Streitpotenzial hätten. Präferenzen führen zudem tendenziell zu mehr Zustimmung als Kontroverse.

Das Vorab-Online-Meeting fanden wir grundsätzlich sinnvoll, auch wenn die Beteiligung durchwachsen war. Beim nächsten Mal würden wir es stärker aufs Kennenlernen zuschneiden.

Der Bezug der Diskussionen zu den jeweiligen Essays war unterschiedlich eng, und die Rückmeldungen zur bewussten Nichtmoderation der Gruppen fielen gemischt aus. Künftig würden wir die Erwartungen der Essayisten vorab klarer steuern und überlegen, ob eine optionale asynchrone Kommentierung der Texte vor dem Präsenztag eine näher am Essay liegende Diskussionseröffnung ermöglichen könnte. An der grundsätzlichen Entscheidung gegen klassische Moderation würden wir tendenziell festhalten; Anpassungen an anderer Stelle dürften hier aber ohnehin zu Änderungen führen (etwa, wenn vorab kommentiert wird).

Der Verzicht auf Technik hat sich in hohem Maße bewährt und die soziale Präsenz spürbar erhöht. Auch der gedruckte Essay-Band mit Platz für Notizen kam gut an – aus Ressourcengründen ließ er sich leider nicht vorab postalisch verschicken.

Dass wir den Präsenztag ganz der Interaktion gewidmet und die Rezeption der Inhalte in die Zeit davor gelegt haben, hat sich ebenfalls bewährt. Die Pausen wurden rege für Gespräche genutzt, und auch Ort und Verpflegung bei der Claussen-Simon-Stiftung haben zu einer insgesamt guten Atmosphäre beigetragen.

Ein Gedanke zum Schluss

Wie eingangs erwähnt, haben wir das Dachthema von der Idee der Universität in Zeiten von KI sowie das Ziel des Symposiums in Form eines freien, nicht gelenkten und nicht auf konkrete Arbeitsergebnisse abzielenden Diskurses bewusst gewählt. Dies haben wir nicht getan, weil wir denken, dass es keine operativen Schritte zur Gestaltung der Universität bräuchte und/oder dass es genügen würde, über Sinn, Werte und Zwecke etc. nachzudenken. Vielmehr sind wir überzeugt, dass es an solchen Diskursen sowie an einem akademischen Streit um diese Fragen mangelt. Damit fehlt dann aber auch eine normative Referenz für die zahlreichen anstehenden großen und kleinen Entscheidungen. Zudem denken wir, dass das gewählte Format genau für solche Themen und Ziele geeignet ist, vermutlich weniger aber für operative Themen, die konkrete Arbeitsergebnisse anstreben.

Für eine Folgeveranstaltung können wir uns außerdem vorstellen, gezielt mit Gedankenexperimenten zu arbeiten: Zwei Essays haben das bereits getan, und dieses Nachdenken über mögliche Zukünfte hat aus unserer Sicht großes Potenzial – verlangt aber etwas Anleitung, damit es sich entfaltet.

Und falls sich das jemand fragt: Ja, wir wollen den Essay-Band mit Anpassungen bis zum Jahresende auch veröffentlichen und online zugänglich machen.

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