Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Kollaboratives Schreiben für Lesefaule?

Die Autorenliste ist beeindruckend lang, die Sandra Schaffert und Martin Ebner nun beisammen haben, um ihr ehrgeiziges Lehrbuchprojekt L3T (Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien) zu realisieren – hier die dazugehörige Web-Seite. Ich vermute, dass es mehreren so geht wie mir: Ich bin beeindruckt, wie rasch die Idee in der Community eingeschlagen ist. Ich finde das zugrundeliegende Ziel gut, auch wenn es natürlich durchaus bereits eine ganze Reihe von Büchern gibt, die man AUCH in der Lehre einsetzen kann. Unschlagbar ist die damit verbundene Entscheidung, dass es sich am Ende um einen Open Content handeln wird. Und WEIL das alles so ist, auch weil man der Idee eine Chance geben will, ohne natürlich von vornherein einschätzen zu können, wie gut das alles gelingt, macht man mit – auch ich. Gespannt bin ich, ob und wie sich das jetzt organisieren lässt und wie es sich innerhalb der bereits vororganisierten Teilbereiche „selbst organisiert“. Ich will nicht sagen, dass Selbstorganisation nicht funktioniert. Aber meine persönliche Erfahrung ist die, dass sie selbst unter Experten nur im Falle spezieller Bedingungen funktioniert (meist die, dass man dieselbe Arbeitshaltung hat). Deshalb finde ich das gesamte Vorhaben nicht nur inhaltlich, sondern auch aus einer Metaperspektive ausgesprochen interessant. Vielleicht sollte man nebenher eine begleitende Studie machen? Eine Studie also zum kollaborativen Schreiben?

Eine für mich noch nicht geklärte (und über das Lehrbuch-Projekt natürlich hinausgehende) Frage dabei ist, was ein Buch eigentlich zu einem „Lehrbuch“ macht: Sind es formale Kriterien, wie die direkte Ansprache des Lesers, die Tatsache, dass man nicht viel (aber sicher etwas?) voraussetzt, um das Geschriebene verstehen zu können, eingestreute Fragen, Aufgaben und Zusammenfassungen u. ä. All das aber kann ich auch in einem klassischen Handbuch finden, das eher als Nachschlagewerk dient und natürlich AUCH in der Lehre eingesetzt werden kann. Meine Erfahrung mit Novizen ist, dass sich diese schwer tun, mit Texten, die aus sehr verschiedenen Federn stammen, so zu lernen, dass sich erste belastbare mentale Modelle bilden. Aus dem Grund bin ich bei Inhalten, die mir sehr wichtig sind, zu eigenen Studientexten (als Einstieg) übergegangen. Aber das beantwortet noch nicht meine Frage, was ein Buch zu einem Lehrbuch macht, wobei fraglich ist, ob man überhaupt allein mit einem Buch lernen kann – bzw. wann man das kann. Gerade erst habe ich das kleine Büchlein von Kuckarts et al. von 2008 mit dem Titel „Qualitative Evaluation. Der Einstieg in die Praxis“ gelesen: Das darin geschilderten Beispiel aus einer Vorlesung deckt sich mit meinen Erfahrungen (siehe z.B. auch hier), dass Studierende überhaupt eher nicht so gern lesen, schon gar nicht viel Text, sondern lieber Zusammenfassungen auf Folien. Was bedeutet das für Lehrbücher? Wie gesagt: Ich habe keine abschließenden Antworten. Zumindest aber habe ich bei mir selbst festgestellt, dass Texte „aus einer Hand“ für den Einstieg mehr bewirken als z.B. Reader mit Texten verschiedener Autoren.

11 Kommentare

  1. Lehrbücher haben vielleicht da, wo es nicht um die Aneignung von Methoden geht, den Haken, dass insbesondere „Anfänger“ da wenig zum Diskutieren haben. Es wird dazu eingeladen, „Wahrheiten“ zur Kenntnis zu nehmen und zu reproduzieren. Erhalten Studierende früh Unterstützung, wie sie sich an einer Quelle abarbeiten können, dann lesen sie auch gern und viel. Ich meine, es gibt zu selten Rückmeldung zur Arbeitsweise – und wenn, dann kommt sie schnell als Vorwurf daher (und untergräbt so das Arbeitsbündnis zwischen Studierenden und Lehrenden – was m.E. nicht selten ein Nachlassen der Neugierde und Leistungsbereitschaft nach sich zieht). Das aus meiner durchaus beschränkten Perspektive als Student und HiWi.

  2. Hmm, also das will ich ja nicht hoffen, dass zumindest bei mir und in meinem Umkreis so etwas passiert – zumindest nicht willentlich, nämlich Rückmeldungen als Vorwurf zu gestalten. Das ist aber dann auch nach meinem Verständnis keine Lehre bzw. kein Lehren, sondern Verkünden. Wer natürlich solche negativen Erfahrungen macht, der stellt sich andere Fragen als die, wie ein gutes Lehrbuch auszusehen hat. Das aber ist dann freilich ein ganz anderes (wichtiges) Thema.

    Gabi

  3. Hallo, ich bin ebenfalls als Ko-Autorin auf dieses kollaboratives Schreiben sehr gespannt. Die Aufteilung der Autoren in Autorenteams mit jeweils einem Koordinator halte ich für einen guten Start. Ich habe selbst sehr gute Erfahrungen mit einer ähnlichen Organisationsform bei einer kollaborativen Konzepterstellung im Wiki gemacht. Jeder konnte Verantwortung für selbst ausgewählte Themen übernehmen und gleichzeitig die Metakontrolle dem Gesamtkoordinator überlassen. Im Prinzip war es eine Mischung aus Kooperation und Kollaboration. Vermutlich wird auch in diesem Fall die interne Selbstorganisation der Autorenteams durch kleine Gruppengröße und Autonomie effektiver als die „Grosskollaboration“, die eventuell im absoluten Chaos enden könnte. Spannend finde ich es zu vergleichen, wie sich die einzelnen Teams organisieren werden, welche Arbeitsmethoden und welche Tools sie nutzen werden, wie die jeweiligen Kollaborationsprozesse verlaufen werden und welche Ergebnisse am Ende stehen. Dann bleibt aber noch die Frage offen, wie die einzelnen Abschnitte aufeinander abgestimmt werden können. VG, Ilona

  4. Liebe Gabi; LeserInnen,

    Also ja, ob es ein „Lehrbuch“ sein muss, das wirklich Studierenden hilft frag ich mich auch ernsthaft. Unsere Kurzvideos die die Ergebnisse von Studien zusammenfassen kommen so gut an, dass ich mich ernsthaft frage, ob ein Videos nicht auch eine gelungene Verdichtung und Präsentationsform sein könnte. Nur wäre ein Vodcast-Projekt mit Lehrbuchanspruch vielleicht reichlich schräg, dass keiner mitmachen würde. Aber wenn es jemand vorhat: Ich wäre dabei 🙂 – und die Kapitel wären auch eine gute Grundlage fürs Drehbuch!

    Zur Kollaboration der Teams: Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand Interesse daran hat, die Kollaboration der AutorInnen für die einzelnen Kapitel zu begleiten und zu untersuchen (und evt. auch das Peer-Reviewing!) – die Namen sind frei zugänglich und wir unterstützen ein solches Vorhaben gerne! – Es sollte schnell starten, weil ich vermute – und auch sehe – dass es ein ganz schönes Auf-und-Ab geben könnte – auch wenn jetzt die Stimmung – so weit ich das sehe – gut ist 🙂

    lg
    Sandra Schaffert

  5. Allen Beteiligten uneingeschränkte Anerkennung und Hochachtung!!! Ein tolles Projekt, egal, wie es nachher tatsächlich aussieht. Und für meinen Part kann ich sagen, dass es bestimmt ein Lehrbuch wird, aus dem ich als Lehrer viel lernen kann. 🙂

  6. Hallo zusammen,

    @Ilona: Sehe ich auch so, dass die eingeschlagene Richtung der Verkleinerung der „selbstorganisierten Einheiten“ sinnvoll ist. Wenn man allerdings die Leute nicht kennt, bleibt es eine ganz schöne Herausforderung.

    @Sandra: Für eine solche Begleitung müsstet ihr wahrscheinlich einen eigenen Aufruf machen. Aber wer wird die Ressourcen dazu haben – also auf die Schnelle, meine ich. Zum Video (oder auch Audio): Ich habe den Eindruck, dass das individuell sehr unterschiedlich ist – also wenn man die Studierenden im Blick hat. Ich mache die Erfahrung bei Neuerungen, dass es mitunter wenig „Mittelfeld“ in der Akzeptnaz gibt und dann eher zwei Gruppen – Befürworter und Ablehner.

    @Klaus: Je mehr man schon weiß, umso leichter lernt es sich. Da macht es einem der Novize leider nicht ganz so leicht 😉

    Gabi

  7. Hallo zusammen,

    wir könnten probieren, die Projektbegleitung als Abschlussarbeit auszuschreiben – vielleicht findet sich ja jemand 🙂

    Viele Grüße,

    Sandra

  8. Kleine Ergänzung zum Post von eben: Die Ausschreibung ist nun online unter http://www.imb-uni-augsburg.de/mediendidaktik/news/2010-06/Collaborative-Writing

  9. @Sandra: Sehr schön. Wäre ja wirklich toll, wenn sich jemand meldet!

    Gabi

  10. Pingback: [L3T] Abschluss- oder Projektarbeit – e-Learning Blog

  11. Hallo zusammen,

    der Vollständigkeit halber hier der Hinweis, dass sich die Begleitforschung konkretisiert – wir haben eine interessierte Studentin gefunden, die näher auf das gemeinsame Schreiben blicken will. Einen ersten Skypetermin gibt es Montag (14.06.2010, 17.00 Uhr). Wenn noch jemand Lust hat mitzudenken, kann sie/er sich gern bei Sandra, Martin oder mir melden 🙂

    Viele Grüße,

    Sandra