Verbotene Wörter

Das ist so eine Sache mit der Evidenzbasierung in den Bildungswissenschaften. Gerne ist man da ausgesprochen dualistisch unterwegs: Bist du für oder gegen Evidenzbasierung? Aber das ist freilich Unsinn. Als mit dem Regierungswechsel in den USA die Wissenschaft plötzlich bangen musste, ob ihre Erkenntnisse noch ernst genommen werden und Relevanz haben (auch für praktische, das heißt ebenfalls: politische Entscheidungen), war das auf den ersten Blick ein starkes Argument für eine „evidenzbasierte Bildungspraxis“, denn: Wer mag sich als Wissenschaftler schon in einen Topf geworfen sehen mit denen, die „gegen Fakten sind“, die wider besseres (wissenschaftliches) Wissen lieber einer „gefühlten Wahrheit“ folgen?

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Ludwik Fleck – Genauso wie die Kunst

„Wissenschaftstheoretische Probleme“, so lautet der Titel des fünften Aufsatzes von Ludwik Fleck in dem Bändchen „Erfahrung und Tatsache“; er stammt aus dem Jahre 1946 – der erste Text (aus dem Band) also, den Fleck nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst hat. Hier verarbeitet Fleck offenbar – übrigens in Dialogform – auch Erlebnisse aus dem Krieg (und deutet sie vor dem Hintergrund seiner Theorie von den Denkkollektiven), worauf die Herausgeber und Übersetzer in der Einleitung (dazu hier) näher eingehen. Ich werde diese Kommentierung knapper gestalten als sonst: Ohne die Erläuterung der Herausgeber sind diese Darstellungen schwierig einzuordnen. In Kürze folgen dann noch die Kommentare zu den letzten beiden Texten – rechtzeitig bis zu unserem Kolloquium (siehe dazu hier). Wer nochmal nachlesen will, welche Passagen mir in den Texten davor besonders aufgefallen sind, kann dies an folgenden Stellen tun: hier, hier, hier und hier.

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Vermessene Verwertbarkeit

„Rechenschaftspflichten im Zeitalter von Bologna, allüberall in Europa, in knapp bemessenen Zeiträumen. Geld wird nur bewilligt, wenn die Nützlichkeit des jeweiligen Forschungsprojekts oder des Studiengangs in dicken, schweren Anträgen vollmundig beschrieben werden kann. Bei Beobachtern des Wissenschaftsbetriebs ist die Freude denn auch nicht gänzlich frei von Bitterkeit, wenn Politik und Verfassungsschutz allein angesichts von Terror in Europa, Syrienkrieg, zerstörten Kulturgütern und Flüchtlingsbewegungen schlagartig Interesse zeigen an Studierenden und Absolventen der Islamwissenschaft und Islamischen Theologie, Altertumswissenschaft, Orientalistik, Archäologie und Ägyptologie. Und Wissenschaftspolitiker und Hochschulmanager abermals heilfroh sind, diese Orchideenfächer doch noch nicht abgeschafft zu haben und dass ihre hochqualifizierten Akademiker den neuesten Verwertbarkeitstest bestanden haben“.

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Allerbeste Forschung

Einmal im Monat kommt per E-Mail der DHV-Newsletter. Vor ein paar Tagen habe ich die dritte Ausgabe von 2016 geöffnet; die erste drei Kurzmeldungen trugen die Titel: Eckpunkte der Exzellenzinitiative sollen stehen – Hochschulleitungen für exzellente Förderung über Spitzenforschung hinaus – Neue Förderpläne für innovative Hochschulen, wobei es auch unter dem dritten Titel um Leistung und Exzellenz geht. Letzten Monat (siehe hier) sah es ganz ähnlich aus; da hieß es: Exzellenzinitiative I: Imboden-Kommission legt Bericht und Empfehlungen vor – Exzellenzinitiative II: DHV will Neuausrichtung – Exzellenzinitiative III: HRK gegen Exzellenzregionen.

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Praxis des Vernunftgebrauchs

Forschungsorientierung in der Studieneingangsphase (FideS) ist das Thema unseres Forschungsprojekts im Rahmen des Programms Begleitforschung zum Qualitätspakt Lehre. Eine unserer Fragen im Rahmen dieses Projekts dreht sich um das Verständnis und die Ausprägung der Forschungsorientierung in der Lehre in Abhängigkeit von verschiedenen Disziplinen. Um hier ein Stück weiter zu kommen, haben wir unter dem Titel „Forschendes Lernen und Wissenschaftsdisziplinen“ am Dienstag einen Expertenworkshop mit rund 30 Personen veranstaltet, die in verschiedenen Rollen mit dem Thema beschäftigt sind: als Lehrende, als Koordinatoren oder Mitarbeiter im Qualitätspakt Lehre, als Forschende. Wir sind mit vielen Fragen und Interessen in den Workshop gegangen:

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Nicht irgendwie gemacht oder entstanden

Lang ist es schon wieder her …, als ich auf Paul Hoyningen-Huene getroffen bin, der mal zu einem Gespräch an der Zeppelin Universität war (ich meine, es war 2014). Eingeladen hatte Alfred Kieser und ich war gerne bei diesem Gespräch dabei, weil meine Recherchen im Vorfeld ergeben hatten: Das ist ein sehr interessanter Mann! Ursprünglich Physiker, war er bis 2014 an der Leibniz Universität Hannover vor allem für Wissenschaftsphilosophie zuständig und beschäftigte sich u. a. intensiv mit den Arbeiten von Thomas Kuhn und Paul Feyerabend. Und was dazu kommt: Viele seiner Texte sind gut verständlich – auch für aufmerksame Leser außerhalb der Philosophie (und das ist ja bekanntlich nicht selbstverständlich). Nun bin ich wieder auf einen Text von Hoyningen-Huene mit dem einfachen Titel „Was ist Wissenschaft?“ (von 2011) gestoßen, der erfreulicherweise online hier abgerufen werden kann.

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Diskrete Form der Verweigerung

Vertrauen statt Misstrauen, wissenschaftlicher Habitus statt ökonomischem Verhalten, Wertschätzung statt Missgunst, Ehre statt Prominenz … „Kann man ein Wissenschaftsunternehmen als akademische Republik führen?“ Das sind ziemlich beeindruckende Worte und eine große Frage, die in einem neuen Text von Dieter Lenzen behandelt werden.

Lenzen, D. (2014). Hochschule – Unternehmen oder akademische Republik? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17 (Supplement), 11-24.

Leider ist der Beitrag nicht online (Abstract hier), aber es lohnt sich, sich ihn zu beschaffen. Lenzen setzt sich hier mit dem Einfluss des Wirtschaftssystems auf das Wissenschaftssystem und damit auch auf die Lehre an Universitäten auseinander. Er wählt einen historischen Weg und führt den Leser in aller Kürze durch einzelne Stationen der Universitätsgeschichte, um seine Vorstellungen von den Chancen und Möglichkeiten der Zukunft der Universität darzulegen und zu begründen. Die Systemtheorie steht ihm dabei zur Seite, was die Verständlichkeit des Textes keineswegs einschränkt, dessen Nachvollziehbarkeit für mich persönlich allerdings an einigen Stellen etwas mindert. Aber das ist eben die gewählte Perspektive und als solche sicher eine (aber eben vermutlich nicht die einzige) Sicht auf den Zustand deutscher Universitäten und deren Entwicklung.

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Wem gehört die Wissenschaft?

Wem gehört die Wissenschaft? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich auf der ersten Seite der aktuellen Ausgabe von Forschung & Lehre unter „Standpunkt“ (hier) einen kurzen Text des Literatur-Professors Hans Ulrich Gumbrecht gelesen habe. Ein Anker für den kurzen Essay von Gumbrecht ist der englische Begriff „Humanities and Arts“. Gumbrecht schreibt, er habe darunter lange einfach „Geisteswissenschaften“ verstanden. Sucht man im Netz nach Übersetzungen, trifft man auf viele Möglichkeiten: „Bildende Künste und Geisteswissenschaften“, „Kunst- und Geisteswissenschaften“, bei „Faculty of Arts and Humanities“ auch die Übersetzung „Philosophische Fakultät“. Gumbrechts eigene Umschreibung von „Humanities“ lautet: „denkende Auseinandersetzung mit Grundproblemen der menschlichen Existenz in verschiedenen thematischen und epistemologischen Dimensionen“. Dazu, so Gumbrecht, gehören auch Gespräche und Kontemplation, also eine „immer neu sich vollziehende Rückkehr der Konzentration zu Fragen, Texten, Figuren und historischen Momenten, die nur selten zu definitiven Antworten führt, aber immer wachsende Komplexität der Erfahrung hervortreibt“. In dieser Tätigkeit aber möchte Gumbrecht lieber gar nicht mehr als „Wissenschaftler“ bezeichnet werden. Es habe Vorzüge, sich vom Begriff der Wissenschaft zu befreien, da dieser in der Regel analog zu den Naturwissenschaften gesetzt und assoziert wird mit: empirischer Verifizierung, akkumuliertem Fortschritt, Drittmittel-Einwerbung, Sonderforschungsbereichen und deren Begehungen.

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Pendelblick (12): Rebellierendes Wissenschaftlerherz

Nein, ich habe das Pendeln nicht eingestellt, sondern nur den Blick in den letzten Wochen einfach aus Zeitmangel schlecht zurückwerfen können. Die Studierenden an der ZU haben ihre Vorlesungszeit schon beendet und stecken tief in den Prüfungen. Und ich steck(t)e in vielen Gremien sowie Diskussionen und Entscheidungen im Zusammenhang mit Änderungen in mehr als einem Studiengang. Programmentwicklungen an mehreren Stellen gleichzeitig waren mir an der Universität Augsburg (2001 bis 2010) noch unbekannt; meine bzw. unsere Arbeit konnte sich auf einen Studiengang konzentrieren. In München (2010 bis 2013) bekam ich in meiner Zeit als Studiendekanin eine erste Ahnung davon, was es heißt, mehrere Änderungen in Studienprogrammen und deren Konsequenzen im Blick zu behalten. In meiner jetzigen Funktion an der Zeppelin Universität (ZU) seit September 2013 potenziert sich das gerade. Das ist deswegen einigermaßen herausfordernd, weil die Gestaltung bzw. Anpassung von Studiengängen grundsätzlich eine komplexe Angelegenheit ist. Warum?

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Auf dem Weg zu einer Plagiatsphobie?

Politiker, die beim Verfassen ihrer Dissertationen eindeutig abgeschrieben haben, verursachen wahrscheinlich vor allem Kopfschütteln – auch unter Doktoranden. Politiker jedoch, die beim Verfassen ihrer Doktorarbeit wahrscheinlich abgeschrieben haben, vielleicht aber auch (zusätzlich oder stattdessen?) „nur“ nicht ordentlich gearbeitet haben und (tatsächlich oder gespielt – wer kann das schon beurteilen) überzeugt vertreten, keine Täuschungsabsichten gehabt zu haben, machen eher Angst (ich glaube, es reicht hier einer der vielen Links zu den Online-Medien, z.B. hier). Sie machen Angst, weil die Frage naheliegt: Kann es passieren, dass man plagiiert, ohne es zu merken? Vor einem Jahr noch hätte ich gesagt: nein, weil ich vor allem das „klassische Plagiat“ – also wörtliches Abschreiben oder Übernahme mit leichten Veränderungen ohne Quellenangabe – im Kopf gehabt hätte. Und das ist nichts, was einem aus Versehen passiert. Inzwischen aber sind einige medienwirksame Plagiatsfälle und Dokumentationen in Wikis doch so, dass ich ins Zweifeln komme. Im letzten Doktorandenkolloquium in der vergangenen Woche haben wir uns daher (unter anderem) mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Ich formuliere die Ursache von Sorgen und Ängsten auch redlich arbeitender Doktoranden mal in Form einiger Fragen:

1. Was ist mit eigenen Arbeiten, die bereits vor und während der Promotion entstehen, die man z.B. schon auf Tagungen vorgestellt hat und in die Dissertation einfließen werden? Mache ich mich damit des Plagiats verdächtig?

2. Was ist mit Verweisen auf Bücher, auf die man den Leser hinweist, weil da ein Thema ausgeführt wird, auf das man selbst nicht näher eingehen will – muss man das komplett gelesen haben? Ist das Plagiat, wenn ich es angebe, ohne es bis ins letzte Detail zu kennen?

3. Was ist mit Konzepten und Begriffen, die in einer Fach-Community bereits zum Allgemeingut geworden sind. Darf ich die überhaupt noch verwenden, ohne jemanden zu zitieren, um nicht in den Verdacht des Plagiierens zu kommen?

4. Was ist mit Gedanken, die ich tatsächlich selbst habe, die man aber dann doch irgendwann in einem anderen Buch auch findet? Was, wenn ich es tatsächlich irgendwo gelesen, aber vergessen habe und nach Jahren der Lektüre nicht mehr erkenne, ob da etwas nicht komplett mein eigener Gedanke ist? Bin ich dann ein Plagiator?

Ich denke, bei solchen Fragen wird es eben nicht mehr so leicht, Urteile zu fällen, wie es in den Medien Usus geworden ist. In einem Zeit-Artikel vom Juni 2012 bezeichnet (hier) eine Gruppe von Wissenschaftlern die öffentliche Plagiatssuche als „unwürdiges Spektakel“. Der Beitrag enthält (bei aller Kritik an einigen der Ausführungen in diesem Text) den aus meiner Sicht folgenden richtigen Gedanken: „… welcher Umgang mit Texten, Gedanken und Argumenten in der Wissenschaft als ´Plagiat´ zu gelten hat, versteht sich nicht von selbst.“

Und wie ließen sich dann also die obigen Fragen beantworten?

1. Es gibt sogenannte „Selbstplagiate“; das ist fast schon ein eigenes Thema. Hier gibt es Widersprüche: Es kann nicht alles neu sein in einer Dissertation, wenn gleichzeitig auch gefordert wird, dass man als Doktorand Tagungen besucht und dort den Stand seiner Arbeit vorstellt und im Bedarfsfall auch publiziert. Lösung: Immer alles angeben, was man schon publiziert hat und auch darauf verweisen, wenn man das in der Dissertation wieder verwendet. Wichtig ist, dabei nicht zu verschleiern, dass man hier schon mal etwas veröffentlicht hat (zu diesem Thema siehe z.B. auch hier).

2. Ich glaube, es ist ein wenig verlogen, wenn jemand sagt, er habe nicht nur alle Aufsätze, sondern auch alle Bücher bis in den letzten Winkel gelesen, die im Literaturverzeichnis einer Dissertation stehen. Insbesondere, wenn man sich auf einem Gebiet bereits auskennt, kann es gut sein, dass man nur ein Kapitel aus einem Buch gelesen hat, das eben subjektiv Neues geboten hat. Und wenn der Fall eintritt, dass man ein Thema erwähnt, das man genau NICHT eingehender behandeln will, und dazu ein Buch kennt und sich vergewissert hat, dass es etwas taugt, dann darf man den Leser aus meiner Sicht gerne darauf verweisen, dass er da noch mehr Infos findet – auch ohne es ganz gelesen zu haben.

3. Wann etwas in der Fachwelt schon so bekannt, belegt, begründet etc. ist, dass es Allgemeingut geworden ist, dürfte die wohl schwierigste Frage sein. Ich meine, um da eine wirklich gute Antwort geben zu können, müsste man das jetzt mal mit Beispielen durchspielen. Das wäre ein eigene Blogbeitrag oder noch besser: Darüber sollte man mal einen Artikel schreiben.

4. Ob jemand im Moment gerade den gleichen Gedanken hat, den ich habe? Sicher! Aber wahrscheinlich nicht in exakt gleicher Form sprachlich umgesetzt, wenn denn der Gedanke auch artikuliert wird. Aber ist es ausgeschlossen, dass es zumindest ähnlich ist? Nein, ist es nicht! Und es kommt ja auch vor, dass man nach dem Verfassen eines Textes noch geeignete Quellen findet, die Argumente beinhalten, die denen ähneln, die man selbst verwendet hat. Wenn da der Plagiatsverdacht zu einer Plagiatsphobie wird, die dazu führt, dass man sich nicht mehr traut, selbst zu denken (ohne hinter jedem Gedanken eine Quellenangabe zu machen), dann wird das langfristig auch der Wissenschaft schaden. Darüber sollten wir vielleicht mal reden …

Und um eine Kritik zu diesem Blogpost gleich vorzubeugen: Ich befürworte natürlich keine Plagiate! Aber ich merke auch, dass die auf jeden Fall fällige Diskussion zu einzelnen (sicher speziellen) Fragen führt, die nicht einfach zu beantworten sein werden und bei denen wir uns dann auch nicht mit allzu einfachen Antworten zufrieden geben sollten.