Wann ich die wissenschaftliche Welt nicht mehr verstehe

Im Moment sitze an meinem 19. Dissertationsgutachten (Erstgutachten) seit 2003 (zehn Jahre – mein Gott!). Ich habe keine Ahnung, ob das viel oder wenig ist. Was ich aber sagen kann ist, dass die Gutachtenerstellung immer schon viel Arbeit war und nach wie vor ist. Nun sollte man meinen, dass man mit der Zeit aufgrund wachsender Übung und Erfahrung schneller wird (zehn Jahre gilt ja auch als magische Grenze zur Expertise). Das ist wohl auch der Fall. Ich bemerke aber gleichzeitig, dass meine Gutachten länger werden – nicht so sehr viel, aber doch ein wenig (früher rund acht Seiten, heute um die zwölf Seiten). Nun hatte ich kürzlich ein interessantes Gespräch mit einem Zweitgutachter aus einer anderen Universität. Der Zweitgutachter lobte mein sehr ausführliches und gut nachvollziehbares Gutachten, das er in wirklich allen Punkten unterstreichen könne. Aber er habe da einen wichtigen Hinweis: An seiner Uni bzw. an seiner Fakultät würde man das so nie auslegen können. Es seien ja neben den genannten Stärken doch auch umfangreich Schwächen und sehr genau Defizite dargelegt und da würde man in Frage stellen, ob man die Arbeit überhaupt durchgehen lassen könne.

Das finde ich nun schon sehr interessant. Immerhin werden Dissertationen (anders als Habilitationsschriften) nicht mit „bestanden – nicht bestanden“ bewertet, sondern es gibt Abstufungen: summa cum laude (also in etwa „ausgezeichnet“) – magna cum laude (damit meint man „sehr gut“) – cum laude (damit bringt man zum Ausdruck, dass die Arbeit gut ist) und „rite“ (im Sinne von: „na ja, geht gerade noch so“). Wenn es nun solche Abstufungen gibt und man als Gutachter zu einem Urteil (Auswahl aus vier Optionen) kommen will, braucht man Gründe: Man muss darlegen, was an der Arbeit ausgezeichnet, sehr gut oder eben gut ist, was aber auch weniger gelungen ist. Und was weniger gelungen ist – so wäre auch mein Anspruch als Doktorand – sollte schon konkret benannt sein. Am Ende kommt es dann darauf an, wie man Stärken und Schwächen zueinander in Beziehung setzt, wie man sie gewichtet und was man daraus folgert. Auf diese Weise arbeitet man sich als Gutachter gewissermaßen zu einer Bewertung vor – zu einem begründeten, hoffentlich nachvollziehbaren Urteil. Wenn man nun die Schwächen und Defizite einer Arbeit nur andeutet, eher knapp in das Gutachten einbaut und insbesondere nicht konkretisiert: Bleibt man dann dem Doktoranden wie auch Dritten (nämlich der Fach-Community) nicht eine Begründung für sein Urteil schuldig? Was ist das für eine Fakultätskultur, die fordert, dass man in Gutachten die negativen Punkte einer Arbeit besser nicht so genau benennt?

Natürlich: Wenn man seine Doktoranden gut betreut, sieht man selbstverständlich die Dissertation nicht bei Abgabe das erste Mal. Bei uns ist es so, dass ich (neben unserem Doktorandenprogramm) alle Kapitel einer Arbeit mindestens zweimal lese und in der Regel auch zweimal ein Feedback mit Hinweisen bis auf die Satzebene gebe. Am Ende bekomme ich dann noch einmal eine vollständige Version. Und auch auf die gibt es in der Regel eine längere Rückmeldung und meistens ist es so, dass Doktoranden dann noch einige Wochen, mitunter Monate, brauchen, um eine zweite „abgabereife“ Fassung zu haben. Auf diese werfe ich dann noch einmal einen letzten Blick. Niemals würde ich diese letzte Fassung „abnicken“, wenn ich der Meinung wäre: Da wird das erforderliche Niveau nicht erreicht. Auch eine Arbeit, bei der es allenfalls auf ein „rite“ hinauslaufen würde, würde ich so lange zurückgeben, bis diese „Wackelstufe“ zwischen „bestanden und nicht-bestanden“ verlassen ist.

Spätestens hier – allerdings auch schon zu früheren Phasen – muss man sich als Betreuer allerdings die Frage stellen: Wann werde ich zum Ko-Autor? Wie viel und mit welchem Konkretisierungsgrad kann, soll, darf ich Verbesserungen anregen, vorschlagen oder einfordern? Ein Feedback muss konstruktiv sein, also Hinweise beinhalten, wie man es besser machen kann, sonst kann der Doktorand damit wenig anfangen. Das lässt sich aber nicht abstrakt bewerkstelligen, sondern muss konkret am einzelnen Beispiel erfolgen. Da kann schon mal die Grenze des „Mitschreibens“ zumindest erreicht werden – und die gilt es dann natürlich, genau nicht zu überschreiten!

Fazit: Die am Ende abgegebene Dissertation, wenn sie denn gut betreut ist, sollte bereits einen umfänglichen „Check“ hinter sich haben. Nur in wenigsten Fällen aber wird sie „perfekt“ im Sinne von „ohne kritisierbare Punkte“ sein (und dann ein „summa cum laude“ erhalten). Vielmehr wird sie zwar das erforderliche Niveau erreicht haben, aber – was sich ja auch in der Benotung zeigt – neben den Stärken mehr oder weniger ausgeprägte Schwächen haben – immer noch, auch und trotz einer intensiven Betreuung, weil man ja eben nicht einfach „mitschreiben“ kann. Und der Zweitgutachter wird noch einmal andere Dinge kritisieren oder auch loben. Und genau dazu – so meine ich jedenfalls – sind die Gutachten da: In diesen muss stehen, wie die Gutachter die Arbeit sehen, welchen wissenschaftlichen Wert die Arbeit aus ihrer Sicht hat, wie verschiedene, möglichst transparent zu machende, Kriterien erfüllt sind, und warum man daher zu welcher Bewertung kommt. Eine solche Bewertung ist niemals „objektiv“ in dem Sinne, dass man zu einem Urteil kommt, auf das alle anderen potenziellen Gutachter exakt auch kommen würden. Genau deswegen ist es ja so wichtig, dass man sein Urteil begründet.

Ich habe das bisher eher intuitiv so gemacht. Seit nun in den letzten eineinhalb Jahren die Plagiatsaffären in den Schlagzeilen waren (vor allem der besonders komplexe „Fall Schavan“), habe ich mich in meinem Vorgehen eigentlich bestätigt gesehen: Auch Gutachter tun gut daran, ihre Bewertungen nachvollziehbar zu begründen (dann müsste man 30 Jahre später nicht rätseln, warum eine Arbeit damals so und heute so bewertet wird). Umso mehr hat mich gewundert, von gänzlich anderen Gepflogenheiten zu hören: Gutachten mit umfänglicher Auflistung von Kritikpunkten und deren Gewichtung gar nicht erst zuzulassen. Ich muss sagen: Da verstehe ich die wissenschaftliche Welt nicht mehr.

Baustelle Lehr- und Publikationskultur

Gerd Kortemeyer hat einen lesenswerten Artikel über OER geschrieben (gefunden via Jochen Robes). Die Kernbotschaft des Textes ist, dass OER trotz ihrer medialen Präsenz seit nun schon mehr als zehn Jahren das „traditionelle Geschäft“ der Hochschulen sowie den Lehralltag bislang kaum nennenswert tangiert haben. Als Gründe vermutet Kortemeyer, dass OER nach wie vor zu versteckt im Netz verteilt sind, dass das Problem der Qualitätskontrolle noch nicht zufriedenstellend gelöst ist, dass man beim Prozess „Upload-Download“ stehen bleibt (und Feedback-Prozesse fehlen) und dass das Konzept der Offenheit unterschiedlich gedeutet werden kann und wohl auch muss (jetzt mal sehr frei übersetzt).

Hängen geblieben bin ich unter anderem an folgenden Sätzen: „Ask an OER provider how much impact they have — how many learners they actually reach with their content — and they usually don’t know. Cannot know, really. One download could mean thousands of learners, or zero if the faculty member subsequently decides to not use the content after all.” Warum bin ich gerade hier hängen geblieben? Wahrscheinlich, weil es mich an meine eigenen Erfahrungen mit Inhalten erinnert, die ich im Netz frei zugänglich mache (z.B. hier).

Auf Veranstaltungen höre ich oft, dass insbesondere der frei zugängliche Studientext zum Didaktischen Design durchaus rege genutzt wird – unter anderem in der Lehre. Ab und zu bekommt man (nur zufällig) mit, dass Studierende auch anderer Unis als der eigenen ihn verwenden, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aber:

(1) Konkrete Rückmeldung gibt es selten. Rückmeldung gebe ich mir quasi nur selbst, indem ich mit dem Text in meiner Veranstaltung jedes Jahr arbeite, immer wieder Tippfehler finde (auch dieses Jahr wieder – eine neue Fassung kommt nächsten Monat), vor allem aber (wichtiger) ab und zu größere Veränderungen (neben Aktualisierungen) auf der Basis von Erfahrungen mit dem Einsatz des Textes vornehme etc. Aber es wäre natürlich sehr hilfreich, wenn die Feedback-Quellen breiter wären.

(2) Zitiert wird der Studientext so gut wie nie. Das wäre womöglich anders, wäre der Text als Buch bei Waxmann oder Oldenbourg erschienen, würde er nicht „Studientext“ heißen und jedes Jahr aktualisiert werden. Das ist jetzt auf der einen Seite freilich nicht schlimm. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sehen, dass es für viele nicht gerade ein Anreiz ist, wenn man einerseits versucht, die viel gelobte OER-Bewegung mit einem kleinen Beitrag zu unterstützen, andererseits aber auf dem umkämpften Zitationsmarkt das Nachsehen hat.

Kortemeyer glaubt an eine nächste Generation von Kurs-Management Systemen, die es ermöglichen, die bisherigen Hürden für OER zu nehmen. Ich stimme ihm zu, dass man in der Hochschullehre technische Infrastrukturen braucht, die einem da entgegenkommen. Allerdings dürfte die größere Baustelle die „Lehr- und Publikationskultur“ sein, die wohl noch länger den Bauzaun um sich haben wird.

Nachtrag: Zu diesem Thema passt auch ein aktueller Blogbeitrag (hier) von Peter Baumgartner.

Werte statt Monumente

Da verblasst jede Plagiatsdiskussion um eine Bildungsministerin: Gaucks gestrige Rede (22.02.2013) zu Europa hat zumindest kurzzeitig aufhorchen lassen. Noch am selben Tag konnte man dazu viele Schlagzeilen lesen (und es ist wohl zu befürchten, dass es aufgrund der wenigen Zeit, die jeder nur noch hat, beim Lesen der Schlagzeilen bleibt). Wie nicht anders zu erwarten, sind diese Schlagzeilen unterschiedlich: Gauck sieht keine deutsche Vormachtstellung in Europa – so titelt Focus online. Bei der ZEIT online heißt es: Gauck zeigt Verständnis für Kritik an EU, bei der SZ dagegen: Gauck bekennt sich zu mehr Europa. Spiegel online folgert aus der Rede Gaucks: Der wohltemperierte Präsident. Andere Überschriften halten sich lieber an Zitate, z.B. „Nicht deutsches Europa, sondern europäisches Deutschland“ (FAZ.net) oder „Europa braucht Bannerträger, keine Bedenkenträger“ (Focus online). Die Tagesschau (online) dagegen titelt: Statt Lobeshymne Tipps für den Nobelpreisträger. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Gott sei Dank kann jeder die Rede selber lesen und sich die Passagen oder auch Zitate herausholen, die ihn am meisten überzeugen. Hier ist die Rede als pdf abrufbar.

Mir hat Gaucks Rede sehr gut gefallen (eine Rede übrigens, die, wie wohl alle guten Reden, ganz ohne Visualisierung auskommt). Zwar lassen sich Gaucks Argumentation und Botschaften sicher nicht an einzelnen Zitaten vollständig festmachen. Trotzdem möchte ich ein paar Sätze und Passagen als Reflexions- und Diskussionsanker herausgreifen

Gleich im ersten Teil seiner Rede stellt Gauck fest: „Die Krise hat mehr als nur eine ökonomische Dimension. Sie ist auch eine Krise des Vertrauens in das politische Projekt Europa. Wir ringen nicht nur um unsere Währung. Wir ringen auch mit uns selbst“ (S. 2). Er mahnt ein Innehalten und die Entwicklung eines Gesamtrahmens an, den man im Zuge der vielen pragmatischen Maßnahmen vernachlässigt habe: „Weil Entwicklungen ohne ausreichenden politischen Gesamtrahmen zugelassen wurden, sind die Gestalter der Politik bisweilen zu Getriebenen der Ereignisse geworden“ (S. 3). Gestalten statt getrieben werden, ist eine Botschaft, die sich durch die ganze Rede zieht.

Ein weiteres, Gauck offenbar wichtiges, Thema ist das der Identität: „Europäische Identität löscht weder regionale noch nationale Identität, sie existiert neben diesen“ (S. 4). Diese Aussage veranschaulicht er mit einem Beispiel – mit einem aus der Hochschule: „Gerade habe ich bei meinem Besuch im Freistaat Bayern an der Universität Regensburg im Projekt Europaeum einen jungen Studenten getroffen, der als Pole in Deutschland aufwuchs, polnisch erzogen, mit Polnisch als Muttersprache und bei Sportereignissen trug er begeistert die polnische Fahne umher. Aber erst, als er ein Semester in Polen studierte und seine Kommilitonen ihn komplett als Deutschen wahrnahmen, wurden ihm auch diese, seine deutschen Anteile der Identität bewusst. Er konnte sie auch schmerzfrei bejahen. Es ging ihm wie vielen: Oft nehmen wir unsere Identität durch die Unterscheidung gegenüber anderen wahr“ (S. 4). Daraus folgt aber auch: „Mehr Europa heißt: mehr gelebte und geeinte Vielfalt“ (S. 7). Genau das aber ist schwierig, denn, so Gauck: „In Europa fehlt die große identitätsstiftende Erzählung. Wir haben keine gemeinsame europäische Erzählung, die über 500 Millionen Menschen in der Europäischen Union auf eine gemeinsame Geschichte vereint, die ihre Herzen erreicht und ihre Hände zum Gestalten animiert“ (S. 6) – kein Gründungsmythos also, an dem man sich festhalten könnte. Trotzdem, so Gauck, habe Europa eine identitätsstiftende Quelle: „Wir versammeln uns im Namen Europas nicht um Monumente, die den Ruhm der einen aus der Niederlage der anderen ableiten. Wir versammeln uns für etwas – für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, für Menschenrechte, für Solidarität. Alle diese europäischen Werte sind ein Versprechen, aber sie sind auch niedergelegt in Verträgen und garantiert in Gesetzen. … Die europäischen Werte öffnen den Raum für unsere europäische res publica“ (S. 6).

Aber wie bekommt man das in die Köpfe der Bürger? Wie macht man das verständlich und möglichst auch erlebbar? Wie, so Gauck, verhindert man, dass Populisten oder Nationalisten Unsicherheit und Angst für ihre Zwecke nutzen? „Dies nun geduldig und umsichtig zu vermitteln ist Aufgabe aller, die sich dem Projekt Europas verbunden fühlen“ (S. 8). Ich würde sagen: Es ist auch Aufgabe der Bildung (Schulbildung, Hochschulbildung, Berufsbildung, Weiterbildung), dies zu tun. Es kann nicht sein, dass wir uns hier immer mehr darauf beschränken, die Spitzen von Rankings zu erklimmen und die MINT-Fächer attraktiver zu machen. Am Ende seiner Rede führt Gauck eine Reihe historischer Argumente an, warum wir gerade in Deutschland mit Europa besonders verbunden sind, und warum wir uns „Europa geradezu versprochen“ haben (S. 14). Das zu vermitteln, darf nicht allein Aufgabe der Medien sein, so meine Meinung, sondern muss immer auch Aufgabe von Bildung und damit auch von Bildungsinstitutionen sein.

Zugegeben: Den Medien kommt natürlich ebenfalls eine große Bedeutung zu, wenn es darum geht, das europäische Versprechen zu „erneuern“. Es hapert laut Gauck nämlich auch an der Kommunikation innerhalb der Europäischen Gemeinschaft: „Und damit meine ich eigentlich weniger die Ebene der Diplomatie, als vielmehr den Alltag der Bevölkerung, richtiger der Bevölkerungen“ (S. 11). Die Medienlandschaft könne, so Gaucks Vorschlag, „eine Art europafördernde Innovation hervorbringen, vielleicht so etwas wie Arte für alle, ein Multikanal mit Internetanbindung, für mindestens 27 Staaten, 28 natürlich, für Junge und Erfahrene, Onliner, Offliner, für Pro-Europäer und Europa-Skeptiker“ (S. 12). Aber: Haben wir die Möglichkeit nicht längst, dezentral und offen zu kommunizieren? Ich denke nicht, dass wir dazu einen neuen Monsterkanal brauchen. Eher brauchen wir Internet-Nutzer, die in der Lage und willens sind, die Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes auch zu nutzen (dazu mehr in meinem Vortrag vom November 2012 hier). Aber wahrscheinlich ist es bis dahin noch ein sehr langer Weg. Und sicher ist Gauck zuzustimmen, wenn er das Ziel einer besseren Kommunikation formuliert, wobei wir offenbar noch nicht genau den „Ort“ gefunden oder konstruiert haben, an dem all das stattfindet, was er in seiner Rede fordert: eine europäische Identität gestalten, Vielfalt erkennen und erhalten, miteinander sprechen, Ziele und Rahmen aushandeln etc.  Ich hoffe jedenfalls, dass sich viele Politiker Gaucks Position anschließen, wenn er sagt „Kommunikation ist für mich kein Nebenthema des Politischen. Eine ausreichende Erläuterung der Themen und Probleme, sie ist vielmehr selbst Politik“ (S. 12).

Machtlose Bildungspolitik?

Es bleibt in Frauenhand – das Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bulmahn, Schavan, Wanka (auch wenn letztere vielleicht nur sechs Monate Zeit hat). Die studierte Disziplin aber wechselt: Johanna Wanka ist Mathematikerin. Spiegel Online (hier) gratuliert ihr schon mal zum „Aufstieg in die Machtlosigkeit“. Aber ist das gerechtfertigt? Wer die Wissenschaft seinen eigenen (beruflichen) Kontext nennt, weiß, dass auch die Bildungspolitik des Bundes durchaus Einfluss auf Forschung und Lehre an unseren Hochschulen nimmt.

Einen kurzen Überblick über das Wirken der letzten Bildungsministerin findet man hier; dabei wird deutlich: So ganz machtlos ist das nicht, was in diesem Ministerium möglich ist. Der Beitrag verweist unter anderem auf die politisch zumindest mit verursachte Schieflage in der deutschen Wissenschaft: „Die außeruniversitären Einrichtungen bekommen bis 2015 satte Aufwüchse über den ´Pakt für Forschung und Innovation´. Die Hochschulen hingegen müssen einen immer größeren Teil ihrer Grundfinanzierung durch im Wettbewerb eingeworbene Drittmittel stemmen. Immer mehr Personal ist prekär beschäftigt. Dabei mussten die Hochschulen in kurzer Zeit eine Rekordzahl von Studierenden aufnehmen. Der Hochschulpakt hilft, doch er ist unterfinanziert und befristet.“

In der ZEIT Online findet man hier eine Liste von Wünschen, die Studierende nun an Johanna Wanka richten. Die hier ausgesuchten Wünsche sind teils praktischer, teils aber auch höchst ideeller Natur: mehr Zeit und Muße, mehr Freiheit und Eigenverantwortung, mehr Selbstbestimmung, mehr Lehrende und weniger Drittmittelabhängigkeit und ein Klima, in dem es nicht nur darum geht „den Lebenslauf aufzupimpen“ (zu deutsch: aufzumotzen). Um diese Wünsche zu erfüllen, dürften sechs Monate wohl leider nicht reichen.

Und Schavan? Mich würde interessieren, wie denn die Betreuung ihrer Dissertation vor gut 30 Jahren abgelaufen ist. Hier gehen ja die Meinungen auseinander: Die einen sagen, man sei als Professor nicht dazu da, eine Arbeit im wörtlichen Sinne zu „betreuen“, weil das an der Idee eines selbständig forschenden Doktoranden vorbeigehe. Andere (und da zähle ich mich auch dazu) weisen darauf hin, dass auch Promotionen Qualifizierungsphasen sind, in denen man sehr wohl noch von anderen etwas lernen kann und soll (die Frage ist ja eher, wie), was dann auch eine Begleitung erforderlich macht. Nur dann nämlich kann man erkennen, wenn jemand auf einen ungeeigneten Weg gerät und die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens wissentlich oder unwissentlich aus den Augen verliert. Frank führt dazu hier die Unterscheidung von nicht-sportlich und unsportlich ein – eine treffende Analogie, wie ich finde.

Nun wird ein halbes Jahr schnell um sein. Mal sehen, wer im September das Bildungs- und Forschungszepter in die Hand nimmt und wie er oder sie die damit verbundene Macht(losigkeit) dann nutzen wird.

Doktorandenausbildung – ist solide gut genug?

Ich habe in diesem Blog seit Beginn der „Münchener Zeit“ schon des Öfteren über das Doktorandenkolloquium bzw. die an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien sich entwickelnde Doktorandenausbildung berichtet: zum ersten Mal im Mai 2010 (hier). Nicht in allen Punkten, aber zumindest in einigen kann man anhand einiger Blogbeiträge nachvollziehen, wann wir welche Änderungen eingeführt haben: im Frühjahr 2010 z.B. Änderungen in der Art, wie der Stand der Dissertationen präsentiert wird (hier), oder im Herbst 2010 erste Erfahrungen mit „Fortbildungsworkshops“, zu denen wir auch (externe) Gäste einladen (hier und hier). Eine große Neuerung und interessante Erfahrung waren dann die Writers´ Workshops (siehe hier). Zwischendurch habe ich mir durchaus auch grundsätzliche Gedanken dazu gemacht, wie man mit der Heterogenität der Doktoranden am besten umgehen kann (hier). Eine Zeit lang habe ich auf Mahara in einem Blog jede Sitzung kurz zusammengefasst und kommentiert. Das war viel Aufwand und ich hatte nicht das Gefühl, dass der Nutzen da mithalten konnte – außer vielleicht für mich, indem ich auf diesem Wege natürlich sehr intensiv darüber nachgedacht habe, was gut und was nicht so besonders lief. Inzwischen gibt es Berichte zu jedem Kolloquiumszyklus (hier), was mir ebenfalls ausreichend Reflexionsraum gibt, aber nicht mehr ganz so aufwändig ist ;-). Ansonsten habe ich ab und zu besonders eindringliche Erlebnisse aus dem Kolloquium zum Anlass für ein paar grundsätzliche Überlegungen genommen (z.B. hier im Frühjahr 2012 und hier im Herbst 2012). Außerdem gibt es Infos zur Doktorandenausbildung auf unserer Web-Seite (hier).

Aber: So richtig beschrieben hatte ich das langsam gewachsene Konzept eigentlich nie. Das habe ich im Herbst 2012 endlich nachgeholt und einen Text dazu verfasst, den ich gegen Ende des Jahres 2012 mit den Doktoranden diskutiert habe. Nun möchte ich das Papier gerne öffentlich zugänglich machen. Vielleicht findet es ja „Abnehmer“ oder auch Kritiker. Wie auch immer: Ähnlich wie im Forschungsbereich die Entwicklungsforschung ist natürlich auch dieser Bereich der Doktorandenausbildung so etwas wie „work in progress“:

Doktorandenausbildung_LLM_2013

Ich bin mit dem aktuellen Entwicklungsstand des Konzepts in weiten Teilen zufrieden: Es funktioniert durchaus gut. Aber wann ist man schon „rundum“ zufrieden? Natürlich gibt es immer noch Dinge, von denen ich glaube, sie noch nicht richtig gut bewältigen zu können. Dazu gehört z.B.: (a) Immer mal wieder zieht sich die eine oder andere Dissertation aus meiner Sicht zu sehr in die Länge. (b) Es kommt nicht ständig, aber schon immer wieder vor, dass man Doktoranden aus den verschiedensten Gründen verliert. (c) Selten, aber besonders schlecht ist es, wenn allzu ungleiche Erwartungen und Ansprüche an den Prozess der Dissertation und an den der Betreuung geknüpft werden. (d) Überforderungen auf beiden Seiten kommen immer mal wieder vor und stellen alle Beteiligten auf eine harte Probe, die auch misslingen kann. Also: Das obige Dokument soll jetzt kein „Jubel-Konzept“ sein: Ich denke, es ist solide, denn es funktioniert ja recht gut seit einigen Jahren. Es beinhaltet aber leider keine Rezepte für einige Herausforderungen, die man wahrscheinlich auch zu wenig thematisiert.

Education unlimited

„Change: Offene Hochschule = education Unlimited? Zwischen Humboldt und Fachkräftemangel“ – unter diesem Motto steht die diesjährige Campus Innovation in Hamburg am 22. und 23.11.1012. Zahlreiche bekannte Namen umfasst das interessante Programm (hier) und verspricht eine ertragreiche Veranstaltung. Leider ist mein letzter Besuch auf der Campus Innovation schon wieder ein paar Jahre her, aber Hamburg eben nicht um die Ecke 😉

Der Ankündigungstext klingt stellenweise recht ähnlich den Aussagen, die im Januar 2012 in Berlin als Grundlage für Vorträge und Diskussionen dienten (studium 2020: siehe hier). Das Thema „Durchlässigkeit des Hochschulsystems“ ist aber wohl komplex genug, um mehrere Tagungen dazu zu veranstalten, denn einfache Antworten wird es auf die Frage, für wen welche Hochschulen in welcher Weise mit welcher Zielsetzung offen sein sollten, nicht geben. Ich denke, speziell die Zielsetzung spielt hier eine zentrale Rolle.

Ich persönlich schwanke bei der Frage, für wen insbesondere die Universität offen sein sollte, regelmäßig zwischen einem „möglichst vielen – wäre doch toll, wenn eine wachsende Zahl von Menschen sich in und mit Wissenschaft bildet“ und einem „möglichst den Passenden – wäre doch schade, wenn wir nur noch Mittelmaß haben und die Wissenschaft in der Bildung verschwindet“. Ursache für diese Schwankungen sind eigene Erlebnisse und Erfahrungen, manchmal aber auch Bücher und Artikel.

Ich hoffe auf viele Videos und andere Einblicke in die Meinungen der Vortragenden und der Tagungsteilnehmer. Vielleicht kommen ja neue Argumente, gute Beispiele und Erkenntnisse zum Vorschein.

Die falschen Fragen

So nun war ich auch mal auf einer Fachtagung des Deutschen Hochschulverbands. Ich bin ehrlich gesagt mit etwas gemischten Gefühlen hingefahren – eben kein „Heimspiel“ (wie z.B. GMW), sondern „auswärts“ bei einem (eher Anzug-tragenden) Publikum, das sich schwer einschätzen lässt. Zudem sollte ich ein etwas unglücklich formuliertes Thema – „Digitales Denken“ (damit hatten andere Referenten auch Probleme) – aus der Sicht der Erziehungswissenschaften darstellen. Das ist natürlich fast unmöglich, weil man zig Akzente setzen kann und ob ich mit meinem Akzent („Freiheit und Zwang“) den richtigen Ton speziell für die Erziehungswissenschaften treffen würde, da war ich mir nicht sicher. Die Reaktionen aber waren positiv und am Ende war ich dann erleichtert. Der Vortrag selbst ist schon hier auf diesem Blog gepostet (Vortrag).

Schade ist, dass die Beiträge nicht als Video verfügbar sind; es soll aber Kurztexte von jedem Referenten geben, die dann in der Zeitschrift Forschung & Lehre abgedruckt werden. Na ja, besser als nichts. Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, auf alle Vorträge im Einzelnen einzugehen. Ich beschränke mich daher auf ein paar ausgewählte „Schlaglichter“.

Sympathisch und ein schönes Gegengewicht zum Spitzer-Getöse hat der Neurobiologe Benedikt Grothe geliefert und unter anderem auf die Kategorienfehler hingewiesen, die seit dem Siegeszug der Neurowissenschaften immer wieder gemacht werden, wenn es um das Verhältnis des Menschen und insbesondere seines Gehirns zur Technik geht. Beispielhaft hat er deutlich gemacht, wie viel die Hirnforschung bereits wüsste und wie detailliert sie viele Prozesse beschreiben kann, wie schwierig bis unmöglich aber Deutungen sind, die wir alle so gerne für den (Medien-)Alltag hätten.

Der Kognitionspsychologe Gerd Gigerenzer hat sich auf die Botschaft konzentriert, dass auch psychologische Studien zu Fragen der Wechselwirkungen zwischen Mediennutzung und menschlichem Verhalten wenig aussagekräftig seien, weil sie (a) zu wenig langfristige Effekte im Blick hätten, (b) ausschließlich korrelative Zusammenhänge betrachten würden und (c) „falschen Fragen“ nachgingen. Von daher gäbe es weder für Euphorie noch für Phobie eine verlässliche „Evidenz“. Zusammen mit Grothe kommt Gigerenzer daher tendenziell zu dem Schluss, dass die Wissenschaft für die Fragen der Fachtagung eher wenig beizutragen habe.

Einen anderen Ton schlug der „Internet-Forscher“ Thomas Schildhauer an, der für die wirtschaftswissenschaftliche Sicht zuständig war: Er forscht unter anderem mit Geldern von Google und steht daher schon mal per se in Verdacht, die Phobie zu schüren – etwas anders formuliert hat er darauf auch mehrfach selbst in seinem Vortrag hingewiesen. In diesem hat er sich auf Phänomene wie „Crowd-Sourcing“, „Crowd-Funding“ konzentriert und mit zahlreichen Beispiele gezeigt, wie vor allem die vielfältigen Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten des Netzes zu neuen Formen der Ideenentwicklung, aber auch zu neuen Geschäftsmodellen führen können. Die Aktivitäten von Thomas Schildhauer werde ich mir sicher genauer ansehen; ein paar Gedanken konnten wir am Rande der Veranstaltung schon austauschen.

Die abschließende Podiumsdiskussion hat ansatzweise durchaus Potenzial gehabt. Der offenbar schwierige Beitrag der Wissenschaft zu mehr Wissen (und Können?) zu Fragen der Mediennutzung und des Medieneinflusses in unserer Gesellschaft wurde als Anker genutzt und von den Referenten gerne aufgegriffen, um die aktuelle Forschungsförderung (großer Umfang der Drittmittelforschung, Probleme beim Peer Review, kurzfristige Projektforschung etc.) sowie andere wissenschaftspolitische Probleme, aber auch innerwissenschaftliche Herausforderungen anzusprechen. Auch aus dem Publikum kamen interessante Fragen und Beiträge, die aber aufgrund der verkürzten Zeit vom Moderator stellenweise etwas brachial abgewürgt worden sind.

Was nimmt man mit aus so einer Veranstaltung? Durchaus eine ganze Menge: Interdisziplinäre Vorträge (dazu auch Franks Eindrücke aus der Veranstaltung hier) und damit andere Sichtweisen, Ansätze zu einem Dialog, der eine oder andere interessante Kontakt …. Man könnte meiner Ansicht nach mehr daraus machen: Die zusammengetragenen Inhalte weiter bearbeiten und diskutieren, fruchtbar erscheinende Kontakte weiter verfolgen, die eine oder andere erwähnte Idee daraufhin abklopfen, ob es sich lohnt, sie weiter zu verfolgen – gerne via „crowd-thinking“ … Nur hat dafür leider kaum noch jemand Zeit!

Gemunkel in der oberen Etage

Es wird „geraunt und gemunkelt“ in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), „es gibt Gespräche am Rande von Konferenzen und in Restaurant-Nebenzimmern, Kontakte per Telefon und sogar über anonymisierte E-Mail-Adressen, die eigens eingerichtet und später wieder gelöscht werden“ – so Armin Himmelrath in einem Bericht über die HRK vom 19.10.2012 im Magazin duz. Der Hintergrund: Unzufriedene Stimmen mit dem neuen Präsidenten der HRK und offenbar verschiedene Meinungen, was dessen Führungsstil (respektive „Basta-Stil“) betrifft. Allerdings wolle sich da niemand öffentlich zitieren lassen; alle zögen erst mal den vertraulichen Austausch vor.

Man kennt solche Prozesse ja keineswegs nur auf der „oberen Etage“ (so die Bezeichnung für die HRK von Ulla Burchardt – Vorsitzende das Forschungsausschusses im Bundestag – im Interview mit Himmelrath). Auch „weiter unten“ gibt es oft eine merkwürdige Diskrepanz zwischen formulierungsmäßig ausgefeilten Protokollen und tatsächlichen Diskussionen, zwischen öffentlichen Verlautbarungen und Diskussionsbeiträgen hinter geschlossenen Türen. Es ist zwar durchaus sinnvoll, nicht jede Kontroverse nach außen zu tragen. Aber ein wenig mehr Transparenz würde man sich manchmal doch schon wünschen – auf allen Etagen. Und Kontroversen gibt es natürlich überall – in der HRK derzeit aber offenbar besonders. Interessant ist in diesem Zusammenhang das schon genannte Interview, in dem Burchardt festhält: „Die HRK hat ein grundsätzliches Strukturproblem: Es gibt dort starke Zentrifugalkräfte die auseinanderstreben. Große Hochschulen haben andere Interessen als kleine, Universitäten andere als Fachhochschulen, Hochschulen im Westen andere als die im Osten“. Zu den heterogenen Interessen käme, dass die Hochschulen ja nun nicht die Summe ihrer Rektoren seien; doch die HRK würde sich darum wenig kümmern und sich auch in einigen anderen Dingen einer merkwürdigen Sprachlosigkeit hingeben.

Immerhin aber sagt offenbar einer namentlich ganz offen seine Meinung – nämlich der Präsident der HRK – und heizt die Kontroversen damit heftig an. Aber, so das Resümee von Himmelrath: „Die HRK hat sich für Hippler entschieden, sie hat Hippler bekommen …“ und der Mann habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nicht um Konsens gehe. Den Konsens fände ich dagegen durchaus wichtig. Schade nur, wenn er vor allem am Rande von Konferenzen, in Restaurant-Nebenzimmern und Online-Kontakten mit anonymisierten Adressen entsteht.

(Armin Himmelrath moderiert übrigens auch die Abschlussdiskussion auf der Fachtagung des Deutschen Hochschulverbands zum „Digitalen Denken“ kommenden Mittwoch, von der ich nächste Woche berichten werde).

Es lohnt sich!

Nun ist es schon über ein Jahr her, dass ich in einem Blogbeitrag (hier) über das Format „Forschungskooperation“ der Zeitschrift „Erwägen – Wissen – Ethik“ (EWE) berichtet habe. In diesem Beitrag habe ich die Phasen der in dieser Zeitschrift neu erprobten „Forschungskooperation“ vorgestellt. Es sind insgesamt fünf und wir sind nun bei der letzten Phase angekommen. Abgeschlossen werden soll das Projekt im Februar 2013; erscheinen wird das Heft dann voraussichtlich im März 2013. Ich möchte an der Stelle nochmals diese fünf Phasen darstellen und kurz kommentieren, wie ich diese erlebt habe.

Forschungsprozess I: „Auftakt“. Dabei handelt es sich um den Ausgangsartikel, der deutlich länger ist als der übliche Zeitschriftenartikel und bis zu 90.000 Zeichen umfassen kann.

Über diesen Text, der die Möglichkeit einer interdisziplinären Vermittlungswissenschaft behandelt, habe ich vergleichsweise lange gesessen und dabei auch viel mit mir gerungen. Mir war bewusst, dass der Akzent der Vermittlung eine Art Querschläger ist und möglicherweise als Angriff auf Lerner- und Kompetenzorientierung empfunden werden kann. Ich habe eine gekürzte Fassung auch auf dem Kongress der DGFE in Osnabrück vorgetragen und hier über meine Erfahrungen berichtet.

Forschungsprozess II: „Weiterführung“. Dies sind im weitesten Sinne Stellungnahmen und Kritiken, die allerdings vor allem diskursiv gestaltet, also darauf ausgelegt sind, den im Hauptartikel begonnen Prozess fortzuführen.

An dieser Weiterführung haben sich 23 Autoren mit insgesamt 21 Texten beteiligt, die ganze 52 sehr dicht bedruckte Seiten ergeben haben. Ich muss sagen, das war eine völlig neue und höchst interessante, auch lehrreiche Erfahrung für mich. Die Beiträge stammen von Personen aus verschiedenen Disziplinen, waren sehr unterschiedlich gestaltet und umfassten auch eine große inhaltliche Breite. Ich habe aus den Texten gute Erweiterungsideen ebenso wie nachvollziehbare Kritikpunkte entnehmen können; manche Passagen konnte ich schwerer verstehen und bei einigen wurde mir mal wieder klar, wie oft wir doch Missverständnisse auch unter Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Gründen produzieren.

Forschungsprozess III: „Zwischenfazit“. Das Zwischenfazit übernimmt wieder der Autor des Hauptartikels (also eine Art Replik) und stellt eine weitere Station im Forschungsprozess dar.

Auch dieses Zwischenfazit ist bereits verfasst; es ging im Sommer an die 23 Autoren der Weiterführung. Das Zwischenfazit habe ich für eine Art Inhaltsanalyse der Texte genutzt wie auch dazu, einige meiner Vorstellungen und Ziele zum Thema Vermittlungswissenschaft zu revidieren.

Forschungsprozess IV: „Synopse“. Gemeint ist damit eine Art Wissenschaftsmediation des bisherigen Diskurses seitens der Herausgeber (bzw. einzelner Personen aus dem Herausgeberteam), in dem vergleichende Betrachtungen, Systematisierungsvorschläge und offene Fragen zusammengestellt werden.

Auch dieser Text – nämlich von Bettina Blanck – liegt nun allen Beteiligten an der Forschungskooperation seit ungefähr drei Wochen vor. Die „Erwägungssynopse“ sprengt in hohem Maße meine Erwartungen – vom Umfang her (sie ist fast sechs Seiten länger als der ohnehin schon recht umfangreiche Auftaktartikel) wie auch im Hinblick auf die Intensität der Auseinandersetzung mit dem Auftakt und der Weiterführung. Insbesondere zeigen mir dieser Text und dessen Perspektive noch einmal, wie begrenzt man oft in seiner eigenen Auffassung ist, die sich dann auch bei der Rezeption der Texte anderer Autoren breit macht.

Forschungsprozess V: „Bilanz“. In dieser Phase haben alle am Forschungsprozess Beteiligten die Möglichkeit, auf der Basis aller fertig gestellten Beiträge aus den Forschungsprozessen I bis IV noch einmal Stellung zum gesamten Prozess zu nehmen und eine Bilanz zu ziehen.

In dieser Phase nun sind wir aktuell: Jeder Beteiligte hat jetzt noch bis Februar Zeit, eine kurze Bilanz zu ziehen. Ich möchte das auf jeden Fall noch in diesem Jahr tun.

Wenn die „Forschungskooperation“ abgeschlossen ist, möchte ich den gesamten Prozess noch einmal genauer reflektieren, den ich unabhängig vom Thema, das ich gewählt hatte, äußerst fruchtbar finde. Das Prozedere ist zugegebenermaßen lang und aufwändig und man muss schon Zeit dafür freischaufeln – aber es lohnt sich! Das neue Format „Forschungskooperation“ der Zeitschrift EWE sticht aus allen mir bisher bekannten Prozessen des Austausches und der gegenseitigen Kritik deutlich hervor und bietet aus meiner Sicht und nach meinen bisherigen Erfahrungen ein großes Potenzial für den einzelnen Wissenschaftler wie auch dafür, ein Thema voranzubringen. Schade nur, dass das alles nicht offen zugänglich ist.

Was kann man an Kompetenzen schlecht finden?

Gerade ist das neue Heft der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (Online-Zeitschrift) erschienen. Es trägt den Titel „Kompetenzen, Kompetenzorientierung und Employability in der Hochschule“ und wird herausgegeben von Niclas Schaper (Paderborn), Tobias Schlömer (Oldenburg) und Manuela Paechter (Graz). Ich habe bisher nur das Editorial gelesen und mir einen Überblick über die Beiträge verschafft, die eine gute Mischung aus grundsätzlichen und beispielhaften Texten zum Titel-Thema bereitstellen. In der Einführung verweisen die Herausgeber zunächst auf die Ziele eines Hochschulstudiums. Dieses soll dazu beitragen, dass Absolventen am Ende wissenschaftlich denken und arbeiten sowie wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden anwenden können. Des Weiteren sollen als Vorbereitung auf ein berufliches Tätigkeitsfeld Problemlösekompetenzen aufgebaut und zudem die Persönlichkeitsbildung (also soziale und personale Schlüsselkompetenzen) gefördert werden. Studium und Lehre sollen vor diesem Hintergrund kompetenzorientiert gestaltet werden; das heißt: Im Zentrum steht die Befähigung zum Handeln, und das muss man dann natürlich auch in jedem Curriculum berücksichtigen.

Diesem Tenor schließen sich auch die anderen Beiträge an – jedenfalls kann man das den Abstracts entnehmen. Und natürlich: Warum sollte man sich dem nicht anschließen? Was kann man an Kompetenzen schlecht finden? Alle wollen wir doch Absolventen, die nicht nur etwas wissen, sondern auch etwas können und Einstellungen haben, die erkennen lassen, dass sie eine Wissenschaft studiert haben. Beim Lesen von Beiträgen zum Kompetenzthema beschleicht mich trotzdem immer so ein zwiespältiges Gefühl. Es stören mich mehrere Dinge, ohne dass ich wirklich genau explizieren könnte, was es ist, das mich stört:

  • Vielleicht stört mich der implizit in der „neuen“ Kompetenzorientierung steckende Vorwurf, vor der Kompetenzwelle hätte niemand Interesse am Handeln gehabt, was man so sicher nicht stehen lassen kann.
  • Vielleicht stört mich aber auch die mit der Kompetenz- und Output-Orientierung verbundene (scheinbare oder tatsächliche?) Abwertung der Inhalte bzw. der Sache, mit der man sich in einem Studium beschäftigt bzw. beschäftigen sollte.
  • Damit zusammenhängend stört mich vielleicht auch die sich bei mir einschleichende Befürchtung, dass man in einem „kompetenzorientierten Studium“ vor allem um sich selber kreist und sowohl Inhalte als auch andere Personen letztlich nur Mittel zum Zweck (welchen genau?) werden.
  • Vielleicht stört mich darüber hinaus ein impliziter Widerspruch, nämlich der zwischen der Behauptung, dass nun alles Interesse an den Kompetenzen hafte, die als Dispositionen allerdings nicht direkt erkennbar sind, und der Forderung, alles Augenmerk plötzlich auf das sichtbare Verhalten zu lenken, das ja allenfalls ein Indikator für eine Kompetenz sein kann.

Na ja, jetzt habe ich es doch noch expliziert, was mich stört; aber es fehlen mir noch die Worte, das richtig gut zu begründen. Damit will ich die zahlreichen Beiträge zur Kompetenzorientierung keinesfalls pauschal abwerten. Ich frage mich aber, ob wir nicht genauer hinschauen sollten, was uns diese Diskussion etwa für die didaktische Gestaltung des Studiums bringt und welche versteckten Botschaften damit ausgesendet werden, die mitunter nicht (mehr) ganz konsistent oder womöglich auch schädlich sind.