Gabi Reinmann

Hochschuldidaktik

Das Kreuz mit dem Neuen

Wieder nichts Neues gehört – wer kennt dieses Gefühl nicht auf Tagungen und Messen, von denen viele dann gerne sagen, dass es ja ohnehin so zu erwarten ist und nur die soziale Interaktion und das „Networking“ investierte Zeit und Kosten rechtfertigen. Und so beklagt auch Jochen Robes (hier) am Ende der Campus Innovation 2009 in Hamburg, innovative Lernszenarien seien kein Thema gewesen. (Eine schöne Zusammenfassung speziell des E-Learning-Tracks der Konferenz befindet sich übrigens hier und Frank hat seine Eindrücke ebenfalls bereits hier zusammengefasst.)

Wo bleiben die Innovationen? Warum hören wir nichts Neues? Wir hören alle gerne etwas Neues, denn das vertreibt die Langeweile. Wir hören auch gerne etwas Provokatives, denn das fordert unsere Aufmerksamkeit. Man kann das auf Tagungen gut beobachten: Schlaue Redner nutzen diesen Effekt. Sie polarisieren, wagen konträre Thesen zum Mainstream, sprechen den Zuhörer an und liefern spektakuläre Beispiele. Das ist einerseits in Ordnung so, denn das regt Diskussionen an. Es ist andererseits auch gefährlich, weil es die Vernunft auch mal zeitweise vernebeln kann. Nun mag das bei unseren Themen nicht so schlimm sein (anders als bei politischen Themen), aber zum Problem wird es dann doch, wenn die Kluft zwischen dem Bildungsalltag und den Vortragsinhalten zu groß wird.

Also schön auf dem Teppich bleiben? Einen Großteil eines Vortrags nutzen, um Kooperationspartner in Projekten aufzuzählen, die immer gleichen gesellschaftlichen, institutionellen und organisationalen Rahmenbedingungen vortragen und am Ende bei einem Screenshot landen? Nein, wollen wir auch nicht. Das unterhält einen nicht und beinhaltet keine überraschenden Momente, auf die der Mensch nun mal gepolt ist. Aber Moment: Brauchen wir das Neue, die Innovation nur zur Unterhaltung? Manchmal habe ich genau diesen Eindruck.

Seien wir doch mal ehrlich: Wenn wir z.B. an der Hochschule etwas verändern, wenn wir die Lehre an einzelnen Stellen besser machen und was Neues ausprobieren, dann ist das als „Erzählstoff“ meistens nicht so rasend spannend. Es sind in der Regel „inkrementelle Innovationen“, die per definitionem keine nach außen deutlich erkennbaren Veränderungen anstoßen, weil sie am Bestehenden ansetzen und dieses weiterentwickeln. Es gibt viele (nein, bestimmt nicht die Mehrheit, das ist auch klar) Lehrende, die genau das jedes Semester machen oder versuchen. Flammende Reden kann man darüber leider kaum schwingen. Innovationen, die auf einen Schlag zeigen, dass man es auch anders machen kann, sind in der Bildungspraxis, so meine Ansicht, wohl in hohem Maße daran gekoppelt, dass man neben Medien und Methoden in der Lehre auch Rahmenbedingungen ändert. Die wohl wirkungsvollste Rahmenbedingung ist das Prüfungswesen, das jedes Studium lenkt wie kein anderer Umstand. Ein anderer Aspekt sind hier sicher die Ressourcen und auf jeden Fall auch Dinge, wie die Länge eines Studiums (weshalb ja auch Bologna deutlich sichtbare Veränderungen bewirkt hat) oder die schleichende bis offene Ökonomisierung der Bildungslandschaft. Das ist der Stoff für Keynotes, hier kann man bestehende Bedingungen anprangern und Visionen für die Zukunft ausmalen und wenn es hier tatsächlich mal zu revolutionären Änderungen käme, hätte man von einer deutlichen Innovation zu berichten.

Vielleicht müssten wir uns auf Konferenzen hierüber mehr Klarheit verschaffen. Wenn man auf einer Konferenz ein, zwei „echte“ Keynotes hört, die unterhaltsam sind, weil sie handwerklich gut gemacht sind und inhaltlich durch deutlich erkennbar neue Ideen und Gedanken zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auffordern, und wenn man darüber hinaus über Projektbeispiele und die dort gemachten Erfahrungen mit den naturgemäß mühsamen und langsamen kleinen Schritten informiert wird, dann ist das aus meiner Sich durchaus in Ordnung so. Wir müssten uns vielleicht klarer über unsere Erwartungen werden und nicht mit einem diffusen Unterhaltungsbedürfnis im Plenum sitzen: Was leistet eine gute Keynote, was leistet ein Projektbericht und was erwarten wir uns von den Diskussionen, die hoffentlich auch noch stattfinden, und was erhoffen wir uns von anderen Formaten wie BarCamps u. ä.? Eine ähnliche Frage kann man schließlich auch inhaltlich stellen: Was erwarten wir uns von Innovationen in der Bildung, wie viel Neues brauchen wir und was genau müssten wir erneuern? Wie viel revolutionäre Ideen brauchen wir (und wir brauchen sie), wie viele sind aber auch genug und wo mangelt es eher an den vielen kleinen, aber konkreten Beispielen für neue Strukturen und Prozesse für die Lehre? Es kann auf keinen Fall sein, dass wir Konzepte entsorgen, weil sie als Schlagwort nicht mehr ziehen und bei der Umsetzung (erwartungsgemäß) Probleme bereiten, um uns auf die Suche nach wieder neuen Begriffen zu machen – die erneut zur Unterhaltung taugen.

3 Kommentare

  1. Also ich erwarte von einer Uni gar nicht so sehr, dass sie ständig Neues liefert, sondern vielmehr, dass sie sich mit dem Neuen wohl distanziert beschäftigt und es aus verschiedenen Perspektiven anschaut, vergleicht und Zusammenhänge ermittelt, die auch Aussagen über Auswirkungen zulassen.

    Was bedeutet das Internet z.B. für die Bibliotheken dieser Welt und meine kleine Stadtteilbibliothek um die Ecke und die Art und Weise wie wir in 10 Jahren Zugang zu den dort gelagerten Informationen die bisher in Büchern steckten erhalten?

    Was wird das alles inklusive z.B. der Wikipedia verändern in Bezug auf unseren Umgang mit wissenschaftlicher Information, wie wird sich Forschung dadurch wandeln, wie wird es Forschungsergebnisse beeinflussen, wer wird davon alles unmittelbar betroffen sein, und gab es ein vergleichbares Phänomen der Ablösung einer Datenträger-Materie (Papier) schonmal?

    Mich beschäftigt das grade im Zusammenhang mit dem mobilen Zugang ud dem Versprechen von „Information at your Fingertip“ wie uns einst Bill Gates verhieß und wie es mittlerweile Steve Jobs eingelöst hat. Was macht das mit uns, den Studierenden, denn Lehrenden, den Mitarbeitern auf dem Campus, der Gesellschaft, wenn man Information mit einem Fingertipp auf einem vernetzten Display bekommt?

    Wissenschaft setzt sich selbst unter einen unglaublichen Druck Neues zu schaffen (die LMS, LCMS, ePortfolio, Web 2.0 Everywhere Diskussion inklusive), dabei wird stets und ständig Neues (wie z.B. twitter, Google Wave, iPhone) geschaffen, wir kommen nichtmal mehr hinterher das alles anzusehen. Ja verändert sich nicht gerade alles in der Art dass man gar nicht mehr hinterherkommen kann? Wieviele Leben bräuchte man, wenn man mit all diesem Neuen hinterherkommen wollte? Wissenschaft kann doch genau hier der Gewinn sein: Gemeinsamkeiten feststellen, Komlexität reduzieren, auf Bekanntes zurückführen, neue Entwicklungsrichtungen und -schritte ermitteln und auch prototypisch austesten.

    In diesem Sinne viel Spaß beim ansehen: Campus Hub Bremen – noch ein Ding mehr, das man ansehen kann und von dem man nicht weiß was es verändern, beitragen, oder aufmerksamkeitsheischend vernichten wird. Es soll aber dazu anregen sich überhaupt mal mit diesem Neuen das längst geschaffen wurde zu beschäftigen.

    Einen schönen Sonntagsgruß gen Süden,
    Helge

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